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Nach-Lese (Hosenlatz-Lobby/10.4.2010)

Dem Feuilletonisten ist alles Kultur, daher mischt er sich überall ein. Wenn unsereiner über Zahlengläubigkeit lästert (wie lang ist der Rhein?) oder über die Fehde der Klima-Apokalyptiker mit den Verharmlosern des Klimawandels (beiden geht’s ums Geld, hier Fördermittel, da Profit), oder wenn er CERN als weltgrößten Physikbaukasten verulkt, mit dem oberschlaue Kinder spielen und glauben, im Karussell die Welt erklären zu können, und wenn er dann auch noch behauptet, wer an den Urknall glaube, habe selbst einen Knall – dann liefert er im besten Fall Denkanstöße, und im schlechtesten macht er sich zum Narren, schadet also niemandem als sich selbst. Wenn aber Kultur-Intellektuelle in die aktuelle Missbrauchsdebatte eingreifen, können sie gefährlichen Unsinn verzapfen, der anderen Menschen schadet, vor allem jenen, denen damit zum zweiten Mal Leid zugefügt wird: den Opfern. Sie werden erneut missbraucht, wenn päderastische Taten mit »pädagogischem Eros« in Verbindung gebracht werden.

Zwei angesehene Schriftsteller sind es, die sich am widerwärtigsten äußern. Adolf Muschg, schreibt die Frankfurter Rundschau, rechtfertigt »den Missbrauch mit den Worten (…), Eros sei immer Grenzüberschreitung, es sei nur die Frage, ob mit Einverständnis oder ohne«. Joseph Haslinger, der in einer Klosterschule einschlägige Erfahrungen gemacht hat, zeigt in der Welt-Beilage Die Literarische Welt besonders viel Verständnis mit den Missbrauchern: »Ich bin solchen Annäherungen nicht ausgewichen, sondern ich habe sie in gewisser Weise als Auszeichnung empfunden. Ich wurde in die geheime, aufregende Welt der Sexualität eingeführt. Ein Penis, der ejakuliert. Wenn man zwölf Jahre alt ist, will man das endlich einmal sehen. Dass es katholische Priester waren, die mir diese Welt eröffneten, mag ungewöhnlich sein.«

Ungewöhnlich? Ungewöhnlich kriminell! Und solchen ungewöhnlich kriminellen »Pädagogen« stellt Haslinger noch ein ungewöhnlich lobend-verständnisvolles Zeugnis aus: »Ich weiß auch, dass sie zärtlich sind, fürsorglich, liebevoll und weitaus weniger egoistisch, als man sich das gemeinhin vorstellt.« – Solche Worte sind gemeinhin unvorstellbar.

Wie auch das, was Daniel Cohn-Bendit 1975 über seine Tätigkeit in einem Kinderladen schrieb. Die Zeit fragt nach: »Sie berichten dort unter anderem davon, dass Ihr Flirt mit den Kindern ›erotische Züge‹ annahm und dass Kinder Ihren Hosenlatz geöffnet und Sie gestreichelt haben. Das liest sich so, als verharmlosten Sie sexuelle Beziehungen zwischen Kindern und Erwachsenen.« – Aber Cohn-Bendit ist kein Muschg oder Haslinger, sondern ausgebuffter Politiker, ahnt die Gefahr und bannt sie mit einer frappierenden Finte: »Das war kein Tatsachenbericht, sondern schlechte Literatur.« – Die Zeit: »Was Sie in Ihrem Buch schildern, hatte also keinen Bezug zur Realität?« – Cohn-Bendit: »Nein, es war als Provokation gedacht.« – Vorteil Cohn-Bendit: Wer’s nicht glaubt, kann’s trotzdem nicht widerlegen.

Nicht rausreden kann sich Tilman Krause aus diesen Sätzen seines Editorials in der Literarischen Welt: »Wer sich also als Kind auf ›Mittagsschläfchen‹ mit mutueller Masturbation und Ähnliches einließ, hat dafür vielleicht seine Gründe gehabt.« Krause versteigt sich sogar zu einer speziellen Angebot-und-Nachfrage-Theorie: »Es gibt einfach viele Pädagogen, Priester, Intellektuelle, die mit ihrer Triebnatur nicht zurande kommen«, und auf der anderen Seite Kinder, »die, von ihren Eltern emotional vernachlässigt, Zuwendung und Zärtlichkeit bei anderen Erwachsenen suchen und dabei auch vorübergehend eine Form von körperlicher Annäherung in Kauf nehmen, die ihnen später unangenehm ist.«

Wie unangenehm, dieser Euphemismus »unangenehm« für widerwärtigen Missbrauch! Peter Michalzik redet den Missbrauchs-Verstehern in der Frankfurter Rundschau Klartext ins Kleinhirn, ins Koordinationszentrum also, denn einigen scheinen die richtigen Koordinaten abhanden zu kommen: »Dass es schön ist, die Selbstverantwortung der Kinder zu fördern, bedeutet noch lange nicht, dass Kinder beim Sex mit Erwachsenen irgendeine Selbstverantwortung haben.«

Auch Volker Zastrow beantwortet das eklige Geschwurbel mit klaren Worten in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung: Die »Serientäter« »idealisieren oder ideologisieren ihre Schandtaten«, schreibt er. Deutschlands jahrzehntelangem Ober-Reformpädagogen Hartmut von Hentig, der seinem Lebensgefährten und Ex-Odenwaldschulleiter Gerold Becker zugute hält, Becker habe »nichts gegen den Willen eines Schülers ausgeübt«, gibt Zastrow die einzig passende Antwort: »Gegen welchen Vorwurf taugt dieses Argument? Bestimmt nicht gegen den des Missbrauchs, der Perversion der Pädagogik, der Ausbeutung von kindlicher Abhängigkeit, kindlicher Zuwendung und kindlicher Schwäche.«

Sehr, sehr seltsam, welch große, verständnisvolle Lobby die Päderasten-Pädagogen und deren Verharmloser dennoch haben. Der Spiegel: »Von einer Mafia raunen ›Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung‹ und ›Zeit‹ und spekulieren über die Mitwisserschaft mehrere Männer, die zu den Leuchttürmen des liberalen deutschen Bildungsbürgertums zählen – unter anderen (…) Hartmut von Hentig und Richard von Weizsäcker.«

Auf die schwindlig machende Höhe der meinungs-, ton- und diskursangebenden liberalen deutschen Leuchtturm-Mafia begeben wir uns lieber nicht, Lebensgefahr!, sondern rutschen schnell runter ins niedere, leichtere kulturelle Milieu: Lena Meyer-Landrut, der Deutschen derzeit liebstes Kind, singt für uns am 29. Mai beim Eurovision Song Contest in Oslo das Lied »Satellite«. Alle drücken ihr die Daumen, auch Opa Andreas Meyer-Landrut, von 1989 bis 1994 Chef des Bundespräsidialamtes unter Richard von Weizsäcker. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle