Archiv für April 2010

Nach-Lese (Druck auf Papier/24. April 2010)

Was soll diese Überschrift? »Druck und Papier«, das kannten wir, mit »IG« davor. Heißt heute »ver.di«. Aber »Druck auf Papier«? Scheinbar viel zu simpel, zumal im gediegenen Kultur-Ressort, um eine gute Schlagzeile zu sein. Ähnlich banal wie »Butter auf Brot«. Aber gerade die Butter wollen sie uns ja vom Brot nehmen! Denn – Schlagzeilen sind immer Ellipsen (»Feuer!«), also Verkürzungen längerer Sätze (»Hier brennt ein Feuer, bitte helfen Sie!«) – in unserer Print-Branche brennt es in der Tat: Der Druck auf Papier nimmt zu, weil der Druck auf Papier abnimmt.

Dreifach schlägt die Krise zu: Nicht-Muttersprachler, Unterschichtler und junge Nur-Onliner, jeweils wachsende Teile der Gesellschaft, gehen als Zeitungsleser verloren, während die Stamm-Klientel aus der reifen bürgerlichen Mittelschicht zusammenschmilzt, teils aus wirtschaftlichen, teils aus biologischen Gründen. Der eine Trend ist, so zuversichtlich wollen wir sein, umkehrbar. Der biologische nicht.

»Die Zeitungskrise ist keine konjunkturelle, sondern eine stete; in 20 Jahren ist die hiesige Auflage um ein Drittel gefallen. Zwei bis drei Prozent pro Jahr beträgt der Verlust in der westlichen Welt«, schreibt Josef Joffe in der Zeit. Deftig, wie von ihm gewohnt, formuliert Ex-RTL-Chef Helmut Thoma in der Süddeutschen Zeitung: »Die Zeitungen sind ein absterbendes Gewerbe. Diese Entwicklung ist nicht mehr aufzuhalten. Sie brauchen sich doch nur die Anzeigenlage anzuschauen. Die Anzeigen gehen nicht mehr in die Zeitung, sondern ins Netz. Auf Dauer ist das ein Rückzugsgefecht.«

Das trifft ins Mark, und am schlimmsten getroffen fühlen sich die auf Papier Kulturschaffenden. Ihre zumeist langen Texte (auch dies wird ein solcher) gelten nicht nur auf Papier als antiquiert, daher tasten sich die einen mit dem Spielbein ins Netz vor und bloggen dem Pfau in sich eine inter-nette Bühne zurecht, die anderen kritisieren oder beschimpfen die digitale Unkultur. Alle aber stehen mit dem Standbein auf Papier, denn nur hier wird (noch) das Geld verdient, das viele Verlage im Netz mit vollen Händen ausgeben. Klickzahlen sind das neue Zauberwort, und daher stellt man sich auf den Internet-Marktplatz, verschenkt Zehn-Euro-Scheine und freut sich ein Loch in den Bauch und in die Kasse, wenn man mehr Abnehmer findet als die Verschenker-Konkurrenz.

Aber langsam formieren sich in den Feuilletons auch die Kritiker und Verächter, ermutigt wohl auch von einem ihrer Größeren, FAZ-Mitherausgeber Frank Schirrmacher, und dessen gedrucktem 2009-Bestseller »Payback. Warum wir im Informationszeitalter gezwungen sind zu tun, was wir nicht tun wollen, und wie wir die Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen«. Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung schreibt jetzt vom »Unbehagen an der digitalen Macht« und fragt: »Ist das Internet wirklich ein Medium der Emanzipation und des Umsturzes – oder ist es ein Werkzeug der Kontrolle und der Unterdrückung?«

Auch Nostalgie macht sich breit, die Sehnsucht nach der guten, alten Zeitung und ihrem kleinen dicken Bruder Buch: »Bücher passen zu unseren Händen, unseren Schößen und Tischen. Nichts verleiht einem Zimmer so viel Wärme wie ein Bücherregal«, schwärmt David Gelernter in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: »Bücher müssen nie aufgeladen werden. Bücher tragen dazu bei, die abweisenden Plastikoberflächen des modernen Lebens auszugleichen.« Bemerkenswerte Sätze, immerhin eines Professors für Computerwissenschaft, zumal Gelernter einst mit »Papier« schwer verletzt wurde – durch eine … Briefbombe (!) des Terroristen Theodore Kaczynski, genannt »Una-Bomber«.

Aber Nostalgie allein hilft der Zeitung nicht auf die Papier-Beine. Auch hoffnungsvoll gesichtete Trendchen nicht: Angeblich »werden die Blogger nostalgisch und merken plötzlich, wie viel Mehrwert doch das Blättern hat«, pfeift die Süddeutsche Zeitung im Klick-Walde, nur weil das New Yorker Modemagazin I Like My Style, das bisher lediglich als Blog erschien, nun auch gedruckt wird.

Gibt es überhaupt einen Ausweg? Im London des 18. Jahrhunderts machten gesellschaftskulturelle Antimodernisten eine apokalyptische Rechnung auf, nach der die Stadt in hundert Jahren unter einer zwanzig Meter dicken Schicht begraben läge – aus Pferdemist. Wenn sich die Zahl der Pferdefuhrwerke gleichbleibend schnell vergrößere. Im London-City des 21. Jahrhunderts findet man keinen einzigen Pferdeapfel mehr, es sei denn, ein edles paradierendes Ross spürt beim Geburtstag der Queen ein pferdliches Bedürfnis und äppelt.

Apple! Wächst in der Gefahr nicht der Pferdemist, sondern das Zeitungsrettende? Nach seiner Krisen-Bestandsaufnahme juchzt Josef Josse in der Zeit: »Gott liebt die Zeitung, sonst hätte Er unserer Zunft nicht das rettende iPad geschenkt.« Vorteil: »Es verschwindet nicht der Text, sondern das Papier. Die Jobs werden nicht verschwinden, weil nur das Papier ›gefeuert‹ werden muss, um die Werbeverluste auszugleichen.«

Was ist das eigentlich, dieses Dingsda? Ein anderer Euphoriker, Ferdinand von Schirach, Rechtsanwalt und Schriftsteller, klärt in seinem Spiegel-Essay auf, »Warum das iPad die Zukunft des Lesens ist«. Und zwar deswegen: »Das iPad ist das neue Gerät des Soft- und Hardware-Herstellers Apple. Es besteht nur aus einem schwarzen Glasbildschirm, es ist etwa sechs Zentimeter kürzer und zwei Zentimeter schmaler als eine DIN-A4-Seite. Es ist dünn, sehr dünn. Es wiegt ungefähr 700 Gramm. Und, um es gleich zu sagen: Es ist die Zukunft. Punkt. Es gibt darüber keine Diskussion.«

Okay, dann diskutieren wir erst gar nicht. Ist ja auch zu verlockend: Eine digitale Zeitung, die später einmal sogar aussieht, sich anfühlt und bezahlt wird wie eine echte Zeitung. Also: »Für die Zeitungsbranche ist es vermutlich die letzte Möglichkeit, das Rad, das sie durch kostenlose Internetseiten zu weit gedreht hat, nochmals zurückzudrehen und Geld zu verdienen.« (von Schirach)

Dave Eggers, amerikanischer Bestseller-Autor, sieht das, obwohl jung, »hipp« und stilistisch alles andere als »retro«, in einem Interview etwas anders: »Es gibt jetzt all die Leute, die annehmen, dass es in fünf Jahren keine Zeitungen mehr geben wird und in zehn Jahren keine Bücher. Die der festen Überzeugung sind, dass sich das Lesen irreversibel ins Elektronische verlagern wird. Ich glaube nicht daran. Alle möglichen Medien sind schon für tot erklärt worden, wenn es ein neues gab: der Roman, das Radio, das Fernsehen, das Kino. Ich glaube, dass es immer Zeitungen und Bücher geben wird.«

Zu den E-Book-Lesern gehört Eggers, der sogar das Wagnis der Gründung einer – gedruckten – Zeitung eingegangen ist, also nicht? »Ich habe das natürlich ausprobiert. Speziell das iPad wird auf dem Markt sicher keine geringe Rolle spielen. Aber für mich ist das nichts, ich brauche beim Lesen die haptische Erfahrung. Außerdem lese ich immer in der Badewanne. All meine Bücher sind irgendwann mal nass gewesen.«

Mit Dave Eggers kommen wir zur Conclusio, als Beispiel, welche Nachteile große Verlage kostenintensiv für sich in Kauf nehmen, um das Internet für andere noch vorteilhafter und billiger zu machen. Schlagzeile: Katze beißt sich in den Schwanz. Unterzeile: Wie man erfolgreich am eigenen Ast sägt. Text: In der Vorbereitung für diese Kolumne erinnerte ich mich vage, ein Interview mit Dave Eggers gelesen zu haben, in dem der Schriftsteller das Hohelied auf die gedruckte Zeitung singt. Wo? Wann? Vergessen. Aber: Das Interview aufzuspüren – nichts leichter als das. Alles Gedruckte kommt schließlich ins Netz, Ehrensache (ja, ich weiß, natürlich auch diese Nach-Lese), da googel ich einfach »Dave Eggers« und »Zeitung« und werde schon beim ersten Treffer fündig. Schnell, einfach und kostenlos.

Bei welchem Anbieter habe ich das Interview wiedergefunden? Wohl bei faz.net. Oder doch bei welt.de, sueddeutsche.de, bild.de, zeit.de, spiegel online oder was? Weiß nicht mehr. Macht nichts, kostet nichts. Macht’s »klick«? (gw)

Veröffentlicht von gw am 23. April 2010 .
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Klappentext (17. 4. 2010)

Wenn Schriftsteller Tagebuch schreiben, blicken wir ihnen lesend über die Schulter und glauben, in ihr Herz schauen zu können. Durch diese Illusion, denn es ist eine solche (der Autor weiß: Leser liest mit, und wenn’s erst nach meinem Tod ist), finden Tagebücher großer Literaten oft mehr Leser als manche ihrer Romane. Obwohl die Romane meist sehr viel Intimeres verraten.
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»Morgens lüge ich. Mittags sage ich die Unwahrheit. Abends erfinde ich etwas Passendes. So komme ich ganz gut durch.« (Martin Walser, Tagebücher 1951-1962).
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»Lange hat Günter Grass überlegt, wie er möglichst viele Menschen dazu bringen könnte, seine Lebenserinnerungen zu kaufen. Da fiel ihm glücklicherweise ein, dass er mal Mitglied der Waffen-SS war. Das könnte Walser nur noch übertreffen, wenn er bekennt, seinen Müll nicht zu trennen«, lästert der große Spötter Hans Zippert in der »Welt«. Solch ein fieses Verbrechen gegen die Menschlichkeit würde sich Walser nun wohl doch nicht leisten, wie wir hoffen, aber er hat schon früh bekannt, nationale Triumphe mit der Hitlerjugend gefeiert zu haben – als HJ-Reichsmeister im Marine-Signalwinken. Wirklich!
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Ein dritter großer Bekenner, Walter Kempowski, hatte an einem Gespräch mit Grass oder Walser, überhaupt kein Interesse: »Ich bin Antialkoholiker, ich rauche nicht, ich hure nicht. Also, was soll ich mit den alten Herren noch reden?« – Kempowski (Jahrgang 1929) ist tot, gestorben mit 78, Grass und Walser (beide Jahrgang 1927) leben. Putzmunter.
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Nun ja, Kempowski war Nichtsportler, Grass tanzt, Walser schwimmt. Im Bodensee, täglich: »Nur kraulen. Aber das liegt daran, dass ich keinen Hals habe. Wenn ich einen hätte, dann würde ich auch brustschwimmen. Nein, wirklich wahr. Ich kraule jeden Morgen etwa vierzig Minuten« (SZ-Magazin). Und im Tagebuch notiert Walser akribisch, wie weit er täglich kommt.
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Schöne Walser Sätze: »Offenbar ist jeder Mann eine Parodie des Männlichen« (in »Meßmers Reisen«). – »Schreiben bedeutet für mich, etwas so schön zu sagen, wie es nicht ist« (im aktuellen »Spiegel«-Interview). – »Heilandzack, dieses Gießen!« (lässt er in »Seelenarbeit« den Chauffeur Xaver Zürn erstaunt ausrufen).
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Heilandzack, dieser Walser!
(gw)

Veröffentlicht von gw am 16. April 2010 .
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Ein Mensch namens Walser (17. 4. 2010)

Die geschundene Seele klagt, wimmert, schreit – und schreibt ihre Verzweiflung ins Tagebuch, Tag für Tag, Woche für Woche. Ausgerechnet »Jenseits der Liebe«, einen der walserischsten aller Walser-Romane, verreißt der schon damals gefürchtete Marcel Reich-Ranicki auf grausamste Art.
Wer die Kritik noch einmal liest, sieht förmlich, wie sich MRR dabei hämisch-genüsslich die Lippen leckt: »Ein belangloser, ein schlechter, ein miserabler Roman. Es lohnt sich nicht, auch nur ein Kapitel, auch nur eine einzige Seite dieses Buches zu lesen.«
Kein Wunder, dass der nach bedingungsloser Zuneigung lechzende Martin Walser nicht nur am Boden, sondern auch in sich selbst zerstört ist. Er taumelt von einer hilflosen Rachephantasie in die nächste, und zum Glück hat er die Gabe, seine Mordgelüste schreibend therapieren und abreagieren zu können, wenigstens bis auf ein gerade noch erträgliches Maß.
Ohne das Tagebuch-Ventil – wer weiß, ob ein Mensch nicht auch physisch zerstört worden wäre. Nicht Reich-Ranicki, sondern ein Mensch namens Walser. Denn zur wahren Gewalttat wäre ein Walser wohl nur an sich selbst fähig.
In allen Rezensionen von »Leben und Schreiben. Tagebücher 1974 – 1978« spielt das hemmungslos verzweifelte Winden und Wüten des Autors gegen den Kritiker die Hauptrolle. Doch den dritten Band der Walser-Tagebücher auf jene spannende, kolportagehafte Aufregung zu reduzieren, würde dieser großen literarischen Spontan-Collage nicht gerecht. 74/78, das sind die beginnenden besten Jahre des Autors Walser, und das spürt und liest man auf jeder Seite dieses Auch-Tagebuchs, das viel mehr eine Sammlung von Notizen, Gedanken, Gedichten, Aphorismen ist und nicht zuletzt ein Wort-Steinbruch, in dem die Konturen in den Jahren danach geschriebener, noch zu schreibender und auch womöglich nie geschrieben werdender Romane sichtbar sind.
Ein jeder finde darin seinen eigenen Schatz. Als großer Verehrer des jungen und mittelalten Walsers, hingerissen vom »Schwanenhaus« bis zur »Brandung«, von »Ehen in Philippsburg« bis »Ein fliehendes Pferd« (der perfekten, fast zu perfekten Novelle, wahrscheinlich der besten der letzten 50 Jahre deutschen Literaturschaffens), genießt man vor allem die durchaus auch eitel um sich kreisenden Selbstbefindlichkeitsbeschreibungen, das schaurig-wohlige Suhlen im eigenen Sumpf der Unzulänglichkeiten und Undenkbarkeiten, die wir alle kennen, aber so nicht zu sagen oder schreiben wagen und es auch gar nicht könnten, nicht einmal ansatzweise, selbst wenn wir nicht zu genant dazu wären. Walser schmeckt jedes einzelne Wort genießerisch ab, vor allem das ingeniös selbst erschaffene, genießt wohlig schamhaft das scheinbar schamlose Bekennen und breitet vor dem Leser einen prachtvollen Wort-Teppich aus, auf dem wir nur niederknien können und das tun, was Walser am liebsten hat: ihn hemmungslos lieben und bewundern.
Leider stand Martin Walser in den letzten Jahren selbst für manche seiner früher begeisterten Leser (»man« bezieht sich ein) überwiegend für johannistriebartige Verbalerotik peinlicher Lustgreise. »Er war auf dem besten Weg, eine Art Dieter Bohlen für die gebildeten Stände zu werden«, der uns »in angehäuften Geschmacklosigkeiten mit seiner Greisensexualität konfrontierte«, schreibt die »Welt«. Umso größer ist die Freude, dass sich Walser, fast gleichzeitig mit der Veröffentlichung seiner 74/78-Tagebücher, mit seiner Novelle »Mein Jenseits« »in einen ernst zu nehmenden Schriftsteller zurückverwandelt« (»Welt«).
Dreißig Jahre nach 74/78 kehrt Walser in der Tat zu seinen schriftstellerischen Wurzeln zurück. »Mein Jenseits« ist dem Vernehmen nach Kostprobe und Vorbote eines neuen großen Romans des Altmeisters vom Bodensee, der dem »Jenseits«-Protagonisten Augustin Feinlein den Kernsatz von – nicht nur – dessen Lebensgeschichte in den Mund legt: »Wir glauben mehr als wir wissen« (was angesichts unseres übergroßen Nichtwissens allerdings nicht allzu viel Glauben verlangt, aber dies nur am Rande).
Natürlich kämpft auch Feinlein mit der Liebe und dem Alter, aber nicht mit greisensexuell angehäuften Geschmacklosigkeiten, sondern in guter, alter Walsermanier.
Feinlein, Chef eines psychiatrischen Krankenhauses, liebt die Frau seines Oberarztes, mit der er vor einem halben Menschenalter verlobt war und die er immer noch liebt. Und sie ihn? Sie könne ihn nicht vergessen, sagt sie beziehungsweise schreibt sie, auf gelegentlich verschickten Postkarten. Soll er ihr glauben? Eine echte Glaubensfrage, und da bevorzugt Feinlein eine Variation seines Kernsatzes: »Eine Sekunde Glauben ist mit tausend Stunden Zweifel und Verzweiflung nicht zu hoch bezahlt.«
Augustin Feinlein muss, wer nicht?, irgendwie mit dem Älterwerden fertig werden, und als flankierendes Hilfsmittel verzichtet er verdrängend auf die Gewissheit des Wissens um seine Lebensjahre, sondern hat mit 63 aufgehört, sie zu zählen.
Walser auch? Bei 63? Oder doch schon beim gefühlten wahren Alter der Feinleins und Walsers – lebenslang 14? Man ist nicht allein.
Eine bittersüße Pointe des MRR-Verrisses von »Jenseits der Liebe« bleibt ein möglicher Grund für Walsers größten Erfolg, »Das fliehende Pferd«. Eine Novelle wie aus einem Guss, klar, prägnant, perfekt angelegt und durchgeführt, bei der jeder Ton trifft und sitzt und kein überfüssiger zu hören oder lesen ist, so unwalserisch stringent, abschweifungs- und wortfindungsverliebtlos geschrieben, als hätte ein bockiger 14jähriger Schüler seinem verhassten, strengen Deutschlehrer nach einer bitterbösen, ihn vor der ganzen (gemischten natürlich!) Klasse vorgelesenen und ihn blamieren sollenden Aufsatzbewertung zeigen wollen, dass er ihm gerne und sogar mühelos eine Arbeit hinschleudern kann, die alle verlangten Kriterien des gestrengen Unmenschen erfüllt, so dass dieser nicht umhin kann, ihm ein »Sehr gut« zu bescheinigen. Was Reich-Ranicki dann auch tat. Walser blieb bockig.
Blieben wir auch.
Wie lebenslang 14. (gw)

Veröffentlicht von gw am 16. April 2010 .
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Nach-Lese (Hosenlatz-Lobby/10.4.2010)

Dem Feuilletonisten ist alles Kultur, daher mischt er sich überall ein. Wenn unsereiner über Zahlengläubigkeit lästert (wie lang ist der Rhein?) oder über die Fehde der Klima-Apokalyptiker mit den Verharmlosern des Klimawandels (beiden geht’s ums Geld, hier Fördermittel, da Profit), oder wenn er CERN als weltgrößten Physikbaukasten verulkt, mit dem oberschlaue Kinder spielen und glauben, im Karussell die Welt erklären zu können, und wenn er dann auch noch behauptet, wer an den Urknall glaube, habe selbst einen Knall – dann liefert er im besten Fall Denkanstöße, und im schlechtesten macht er sich zum Narren, schadet also niemandem als sich selbst. Wenn aber Kultur-Intellektuelle in die aktuelle Missbrauchsdebatte eingreifen, können sie gefährlichen Unsinn verzapfen, der anderen Menschen schadet, vor allem jenen, denen damit zum zweiten Mal Leid zugefügt wird: den Opfern. Sie werden erneut missbraucht, wenn päderastische Taten mit »pädagogischem Eros« in Verbindung gebracht werden.

Zwei angesehene Schriftsteller sind es, die sich am widerwärtigsten äußern. Adolf Muschg, schreibt die Frankfurter Rundschau, rechtfertigt »den Missbrauch mit den Worten (…), Eros sei immer Grenzüberschreitung, es sei nur die Frage, ob mit Einverständnis oder ohne«. Joseph Haslinger, der in einer Klosterschule einschlägige Erfahrungen gemacht hat, zeigt in der Welt-Beilage Die Literarische Welt besonders viel Verständnis mit den Missbrauchern: »Ich bin solchen Annäherungen nicht ausgewichen, sondern ich habe sie in gewisser Weise als Auszeichnung empfunden. Ich wurde in die geheime, aufregende Welt der Sexualität eingeführt. Ein Penis, der ejakuliert. Wenn man zwölf Jahre alt ist, will man das endlich einmal sehen. Dass es katholische Priester waren, die mir diese Welt eröffneten, mag ungewöhnlich sein.«

Ungewöhnlich? Ungewöhnlich kriminell! Und solchen ungewöhnlich kriminellen »Pädagogen« stellt Haslinger noch ein ungewöhnlich lobend-verständnisvolles Zeugnis aus: »Ich weiß auch, dass sie zärtlich sind, fürsorglich, liebevoll und weitaus weniger egoistisch, als man sich das gemeinhin vorstellt.« – Solche Worte sind gemeinhin unvorstellbar.

Wie auch das, was Daniel Cohn-Bendit 1975 über seine Tätigkeit in einem Kinderladen schrieb. Die Zeit fragt nach: »Sie berichten dort unter anderem davon, dass Ihr Flirt mit den Kindern ›erotische Züge‹ annahm und dass Kinder Ihren Hosenlatz geöffnet und Sie gestreichelt haben. Das liest sich so, als verharmlosten Sie sexuelle Beziehungen zwischen Kindern und Erwachsenen.« – Aber Cohn-Bendit ist kein Muschg oder Haslinger, sondern ausgebuffter Politiker, ahnt die Gefahr und bannt sie mit einer frappierenden Finte: »Das war kein Tatsachenbericht, sondern schlechte Literatur.« – Die Zeit: »Was Sie in Ihrem Buch schildern, hatte also keinen Bezug zur Realität?« – Cohn-Bendit: »Nein, es war als Provokation gedacht.« – Vorteil Cohn-Bendit: Wer’s nicht glaubt, kann’s trotzdem nicht widerlegen.

Nicht rausreden kann sich Tilman Krause aus diesen Sätzen seines Editorials in der Literarischen Welt: »Wer sich also als Kind auf ›Mittagsschläfchen‹ mit mutueller Masturbation und Ähnliches einließ, hat dafür vielleicht seine Gründe gehabt.« Krause versteigt sich sogar zu einer speziellen Angebot-und-Nachfrage-Theorie: »Es gibt einfach viele Pädagogen, Priester, Intellektuelle, die mit ihrer Triebnatur nicht zurande kommen«, und auf der anderen Seite Kinder, »die, von ihren Eltern emotional vernachlässigt, Zuwendung und Zärtlichkeit bei anderen Erwachsenen suchen und dabei auch vorübergehend eine Form von körperlicher Annäherung in Kauf nehmen, die ihnen später unangenehm ist.«

Wie unangenehm, dieser Euphemismus »unangenehm« für widerwärtigen Missbrauch! Peter Michalzik redet den Missbrauchs-Verstehern in der Frankfurter Rundschau Klartext ins Kleinhirn, ins Koordinationszentrum also, denn einigen scheinen die richtigen Koordinaten abhanden zu kommen: »Dass es schön ist, die Selbstverantwortung der Kinder zu fördern, bedeutet noch lange nicht, dass Kinder beim Sex mit Erwachsenen irgendeine Selbstverantwortung haben.«

Auch Volker Zastrow beantwortet das eklige Geschwurbel mit klaren Worten in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung: Die »Serientäter« »idealisieren oder ideologisieren ihre Schandtaten«, schreibt er. Deutschlands jahrzehntelangem Ober-Reformpädagogen Hartmut von Hentig, der seinem Lebensgefährten und Ex-Odenwaldschulleiter Gerold Becker zugute hält, Becker habe »nichts gegen den Willen eines Schülers ausgeübt«, gibt Zastrow die einzig passende Antwort: »Gegen welchen Vorwurf taugt dieses Argument? Bestimmt nicht gegen den des Missbrauchs, der Perversion der Pädagogik, der Ausbeutung von kindlicher Abhängigkeit, kindlicher Zuwendung und kindlicher Schwäche.«

Sehr, sehr seltsam, welch große, verständnisvolle Lobby die Päderasten-Pädagogen und deren Verharmloser dennoch haben. Der Spiegel: »Von einer Mafia raunen ›Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung‹ und ›Zeit‹ und spekulieren über die Mitwisserschaft mehrere Männer, die zu den Leuchttürmen des liberalen deutschen Bildungsbürgertums zählen – unter anderen (…) Hartmut von Hentig und Richard von Weizsäcker.«

Auf die schwindlig machende Höhe der meinungs-, ton- und diskursangebenden liberalen deutschen Leuchtturm-Mafia begeben wir uns lieber nicht, Lebensgefahr!, sondern rutschen schnell runter ins niedere, leichtere kulturelle Milieu: Lena Meyer-Landrut, der Deutschen derzeit liebstes Kind, singt für uns am 29. Mai beim Eurovision Song Contest in Oslo das Lied »Satellite«. Alle drücken ihr die Daumen, auch Opa Andreas Meyer-Landrut, von 1989 bis 1994 Chef des Bundespräsidialamtes unter Richard von Weizsäcker. (gw)

Veröffentlicht von gw am 9. April 2010 .
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Baumhausbeichte - Novelle