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Nutze den Tag! Geh’ surfen! (“Süchtig nach dem Sturm” von Norman Ollestad

Memento moriendum esse – Bedenke, dass du sterblich bist. Treffender kann man die Lebensgeschichte von Norman Ollestad, die er in »Süchtig nach dem Sturm« niedergeschrieben hat, wohl kaum beschreiben. Sowohl wörtlich genommen (überlebt er doch nur knapp einen Flugzeugabsturz), als auch im übertragenen Sinne. Carpe Diem! Nutze den Tag! Geh’ surfen!
Die 70er Jahre im Süden Kaliforniens. Norman Ollestad lebt mit seiner Mutter und deren Freund Nick in Miami, genauer gesagt am Topanga Beach in einem Strandhaus. Mit Nick kommt Norman nicht besonders gut klar. Und die Mutter stellt sich immer seltener auf Normans Seite. Zum Glück hat er noch Sunny, seinen Hund.
Normans Leben besteht aus Surfen. Surfen, Skateboarden, Skifahren und Eishockey.
Im Grunde das typische Leben eines kalifornischen Kindes. Wäre da nicht der Vater, Big Norm. Big Norm ist ein Held am Topanga Beach. Er ist Surfer, Hippie, ehemaliger CIA-Agent und vor allem: ein Freigeist. Sein Leben beruht auf der Maxime, das Beste aus dem Dasein zu pressen, was es zu bieten hat. Und er fordert von Boy Wonder, wie er seinen Sohn gerne nennt, es ihm gleich zu tun. So schickt er ihn im zarten Alter von vier Jahren auf Skiern »schwarze« Pisten hinunter und drängt ihn mit elf, mörderische Wellen an der Küste vor Mexiko zu surfen. Mit dem einen Ziel: Erkenne die Schönheit der Natur, genieße das Leben, Nutze den Tag! Für Norman eine harte Schule, wünscht er sich doch nur allzu oft, ein Leben wie die anderen Kinder zu führen. Mit Schokoriegeln, Fernsehen und co.
Genau diese Schule, durch die der Vater den Sohn schickte, rettet ihm am Ende das Leben. Nach einem Eishockeyspiel setzen sich Norman, der Vater und dessen Freundin in eine kleine Cessna, um rechtzeitig bei der Siegerehrung des Skirennens zu sein, bei dem Norman erstmals den ersten Platz erreichte. Bei heftigem Schneetreiben und schlechter Sicht kracht die Maschine in den 2650 m hohen Ontario Peak. Nur Norman überlebt nach einer Tortur durch Schnee und Eis, gegen Kälte, Hunger – und mit der Gewissheit, dass der geliebte Vater tot ist.
Ollestad musste erst erwachsen werden, um die Dinge klarer zu sehen: Dass Nick im Grunde ein ebenso guter Vater sein wollte wie Big Norm. Dass er sich als Heranwachsender wie ein Idiot verhalten hat. Und vor allem: Dass er, inzwischen selbst Vater, dem eigenen Sohn ein ähnlicher Vater ist, wie Big Norm es war.
Ollestad schildert seine Jugend in sich abwechselnden Kapiteln: Die aufregende Vater-Sohn-Beziehung auf der einen, die detaillierte Wiedergabe des Flugzeugabsturzes und der mörderische Überlebenskampf ins Tal auf der anderen Seite.
Das Buch ist eine Hommage an das freie und wilde Kalifornien der 70er Jahre, dessen facettenreiche Natur mit erbarmungslosen Wellen zum Surfen und steilen Bergen zum Skifahren aufwartet. Und an einen einzigartigen Vater.
»Mein Vater sehnte sich nach schwerelosem Gleiten. Er jagte Hurricans und Schneestürmen hinterher, um die Seligkeit zu spüren, mächtige Wellen zu reiten oder tiefen Pulverschnee zu durchpflügen. Er war ein unersättlicher Geist, er war süchtig nach dem Sturm. Und das rettete mir das Leben.«
Es rettete ihm das Leben, da der Vater ihn im Sport immer an die Grenzen führte. Das half ihm in dem Moment, als er vom Leben genötigt wurde, über die Grenzen hinaus zu gehen. Um zu überleben.
Die Aufmerksamkeit, die das Buch momentan in der deutschen Buchlandschaft erfährt, ist berechtigt. Nicht, dass es besonders poetisch geschrieben ist. Vielmehr wird die Geschichte so mitreißend, so bildhaft geschildert, dass man fast das Gefühl hat, einen Film zu lesen.
»Süchtig nach dem Sturm« ist die Chronik einer außergewöhnlichen Jugend und die Erinnerung an einen Vater, wie er für Norman Ollestad besser kaum gewesen sein könnte.
Christoph Hoffmann

Baumhausbeichte - Novelle