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Kabinettstückchen eines Könners (“Mehr Liebe” von Frank Schulz)

Ein Zündholzbriefchen mit dem Aufdruck »Moulin Rouge« hat sie auf die Spur gebracht: Das alte Dörchen will nachgucken, was ihr Mann dort auf der Reeperbahn treibt …
Das ist als »Plot« scheinbar unoriginell und in jeder Niveau-Schattierung literarisch schon mal vorgekommen. Aber was Frank Schulz in seiner Kurzgeschichte »Männertreu« daraus macht, das schenkt dem Leser bewegende Überraschungsmomente und rührt selbst steinernste Altmännerherzen.
Den 22 virtuosen Kabinettstückchen in »Mehr Liebe. Heikle Geschichten« ist ein Satz von Marie von Ebner-Eschenbach programmatisch vorangestellt: »Die meisten Menschen brauchen mehr Liebe, als sie verdienen.« Man begreift, warum Schulz ihn sich einverleibt hat, versteht aber auch sein nachträgliches und nicht nur logisches Zweifeln: »Lässt die Aussage nicht ebenso anklingen, dass es ein paar gibt, die mehr verdienen?« Das alte Dörchen ganz gewiss – obwohl ihr ein ungewöhnlicher Liebesbeweis zuteil wird …
Trotz seiner hoch gelobten »Hagener Trilogie« mit dem sprachmächtigen »Ouzo-Orakel« als grandiosem Schlusspunkt (eine Sternstunde literarischer Hochtragikomik!) hat Schulz den ihm gebührenden Best(seller)platz in der deutschen Gegenwartsliteratur noch nicht erreicht. Immerhin kann er mittlerweile von seinem Können leben. Für seine Fans ist das noch nicht genug, denn Schulz hat das Format eines, sagen wir mal, genialen Walsers der frühen Jahre (und wird hoffentlich nie ein peinlicher Walser der späten Jahre). Zudem besitzt er einen unvergleichlichen, ja einen existenziellen Humor, abseits des puren Witzes, abseitig und auch gespeist vom Wahnsinn eigenen Er- und Überlebens, mit Alkohol als früherem Lebenskrisen-Brandbeschleuniger (den Teetrinker Schulz seit acht Jahren konsequent meidet, siehe auch »Dichter ran: Zu Besuch bei Frank Schulz« auf unserer Bücherseite vom 8. 9. 2007 / nachlesbar online unter www.anstoss-gw.de).
Und nun die »heiklen Geschichten« von »mehr Liebe«. Das sind nicht nur schreibtechnisch anspruchsvolle Fingerübungen, sondern sinfonische, also im Wortsinn zusammen klingende Etüden eines Meisters seines Fachs.
Schulz untertitelt seine Kurzgeschichten mal als »Feuilleton«, mal als »Schnurre«, als »Collage« oder »Novelle« und fasst sie thematisch zusammen, penibel römisch nummeriert, zur »Trilogie der Gewalt I« (bis III) und zum »Pop-Tetrameron I« (bis IV). Fast scheint es, als traue er seinem schriftstellerischen Talent nicht, als müsse er es hinterfragend immer wieder abklopfen und einordnend absichern, wie in der Schluss-Story vom »Okay Blues, die »nach dem zwölftaktigen Bluesschema strukturiert« ist (Schulz).
So viel Akribie dauert. Die »Hagener Trilogie« rund 16 Jahre, und an »Mehr Liebe« arbeitete Schulz dann auch schon wieder acht Jahre. Nicht nur, nicht am Stück, aber stets im Kopf.
Dem erwartungsfroh-ungeduldigen Schulz-Leser bleibt dann nur, wenn er das »Ouzo-Orakel« schon ein zweites oder gar drittes Mal genossen hat, auch in »Mehr Liebe« wiederholt zu schwelgen und das Urteil der »Zeit« (damals zu »Morbus fonticuli«, Teil 2 der »Hagener Trilogie«) mehr als bestätigt zu finden: »Frank Schulz ist kein Pointen spuckender Witzbold, das nun am allerwenigsten, sondern eher schon ein witziger Ernstbold. Darüber hinaus hat er ein fledermausfeines Gespür für die Stillagen und Tonfälle der Alltagssprache.«
Und er ist ein Beschreibungs-Künstler vor dem Herrn. Über am Strand gesammelte Steine: »Der wie eine Forelle gesprenkelte ovale, flache; der schlammfarbene, krötenförmige; der grünspangrüne mit dem Ockerschatten an der Bruchkante; der lachsfarbene Drops mit den schwarzen Adlern; der zwiefach geschnürte, taubenblaue Taler; die marmorierten weißen und die geschieferten und all die übrigen Kiesel und Steine.«
Oder: Wie Modeworte und Wortmodulations-Moden die Welt trennen »in Nicht-wirklich-Sager und Nicht-Nicht-wirklich-Sager. In Geht’s-noch?-Sager beziehungsweise Geht-gar-nicht-Antworter und Nicht-Geht’s-noch?-Frager beziehungsweise Nicht-Geht-gar-nicht-Antworter.« Und dann erst »dieses ominöse Okay. Dieses Okay-iii…? Der Sprecher setzte die erste Silbe mit der tiefsten Note seiner Sprechmelodie. Die zweite zunächst mit der gleichen. Zog diese zum Abschluss jedoch in einem Bogen hoch zur höchsten Note seiner Sprechmelodie. Einem neckischen Aufwärtsschwung.« Dieses Okay hat »an den virulenten Wurzeln etwas Giftiges. Tückisches. Lauerndes. Aggressiv Global-player-haftes. Arglistig menschelnd McKinseyhaftes.« – Wer wagt es nun, lieber Leser, wagt noch einmal in seinem Leben ein Okay-iii…?
Mal schlägt in einer der Geschichten mit dem ersten Satz der Blitz ein: »Es war der dreiundzwanzigste Geburtstag ihres Mörders, als Hilde doch noch wieder eine Schmierblutung bekam« (aus: »Hopfen«). Mal taucht, welche Freude, Bodo Morten auf, unser Held aus der »Hagener Trilogie«, dessen Lach- und Mitleidenstränen erregender, oberpeinlich endender, verzückt-versunkener Tanz im »Ouzo-Orakel«, würde der Roman kongenial verfilmt, selbst Zorbas Dance wie Senioren-Foxtrott nach Valium-Doping aussehen ließe.
In Sachen Liebe kommen weder Bodo noch Schulz voran, was in der Natur der Sache liegt. »Romantische Liebe« mag auf »Konsensillusion beruhen«, und die bleibt als schöne Wortschöpfung in zwiespältiger, weil an der Wahrheit kratzender Erinnerung.
Schulz’ Erzählungen, egal, welche Etiketten er ihnen aufklebt, sind einfach »nur« wunderbare Geschichten (kaum eine fällt ab) eines großen und immer noch unterschätzten, sich womöglich selbst unterschätzenden Könners.
Irgendwo in der »Hagener Trilogie« steht das schöne böse Wort von der »unangekränkelten Selbsttoleranz«, die flachseligen Mitmenschen das Leben erleichtert.
Frank Schulz könnte wenigstens eine Prise davon gut vertragen. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle