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Nach-Lese (Beethoven, Bohlen und die Donaldisten/13.3.2010)

»Was ließen sich für Garstigkeiten über trunkene Bischöfinnen schreiben oder auch über all jene hochgebildeten Leute, die sich wegen des kleinen Hegemann-Schmuddel-Buchs fürchterlich befehden, obwohl sie noch nicht einmal die Islam-Debatte ganz ausgetragen haben«, juxt Kurt Kister in seiner SZ-Kolumne »Deutscher Alltag«. Die Themen Käß-, Hege- und Islam-mann haken wir damit endgültig ab, mit Kistners Neuübersetzungen zweier Fremdwörter im Hinterkopf: »Politik« kommt aus dem Griechischen und heißt »ich habe recht«, während »Feuilleton« aus dem Französischen stammt und »ich habe recht und du bist doof« bedeutet.

Den Kulturseiten der großen deutschen Zeitungen bleibt aber genügend Stoff, denn sie nehmen ihn sich einfach. Und von überall. In den letzten Tagen war die Wirtschaft dran, in Gestalt Griechenlands, ein allerdings heikles Thema, denn in den Feuilleton-Stuben wabert traditionell klassische Hellas-Liebe. Wohin damit, wenn die Nachfahren der Hellenen unsere sauer verdienten Euros verschleudern? Jens Jessen bringt uns in der Zeit auf die richtige Idee, denn »die deutsche Idealisierung der Hellenen hat schon immer in die Irre geführt«. Erstens waren die alten Griechen gar nicht so edel, und zweitens sind die neuen Griechen nicht deren Nachfahren, denn »Jakob Philipp Fallmerayer, Begründer der Ethnogeografie, erklärte schon 1830 (…), dass die alten Hellenen vermutlich im Mittelalter ausgestorben und die heutigen Griechen in Wahrheit Nachfahren von Albanern und zugewanderten Slawen seien«, also edler Einfalt und stiller Größe generell unverdächtig.

Dass die alten Griechen von Dekadenz hinweggerafft und von Immigranten verdrängt wurden, könnte zu Parallelen mit aktuellen Zeiterscheinungen verleiten. Doch dann ginge es einem vermutlich wie Fallmerayer, der seine Erkenntnisse zur Unzeit vorlegte: »Für die multikulturelle …«, sorry, noch einmal und jetzt die Zeit richtig zitiert. »Für die philhellenische Öffentlichkeit war das ein Skandal. Fallmerayer verlor seine Professur.«

Wir haken auch dieses Thema ab, der Süddeutschen Zeitung zustimmend, die von der »Stunde der Kleinhirne« schreibt – bei beiden: »Pennälerhumor und Ignoranz auf deutscher Seite (…), Hakenkreuze und hohle Schauproteste auf der anderen.« Allerletzte Worte, gesprochen vom griechischen Parlamentspräsidenten Filippos Petsalnikos: »Griechenland hat in den letzten 40 Jahren zwei Literaturnobelpreise gewonnen. Und was haben Sie vorzuzeigen? Haben Sie vielleicht einen neuen Beethoven hervorgebracht, von dem wir noch nichts wissen?« – Touché. Unser neuer Beethoven nennt sich Bohlen, »und unser David Bowie heißt Heinz Schenk« (Rodgau Monotones).

Schenk uns einen eleganten Übergang! Nein? Dann ohne: Im Spiegel-Interview spricht »der Schauspieler und Produzent Ulli Lommel über seine wilde Karriere vom deutschen Teeniestar der sechziger Jahre zum B-Movie-Regisseur in Hollywood, seine berühmten Liebhaberinnen und die Zeit mit Rainer Werner Fassbinder und Andy Warhol«. Und darüber, wie er die depressive Schriftstellerin Ingeborg Bachmann aufmunterte, bei »einem Chinesen an der Gedächtniskirche. Der Besitzer, ein alter Mongole, aß immer die Essensreste seiner Gäste und rülpste und furzte dabei. Das war damals das Einzige, was die Bachmann zum Lachen bringen konnte.« – Vermutung: Lommel, der Lümmel, ist zu recht nur B-Movie-Regisseur, kennt aber zumindest ein großes A-Movie der Filmgeschichte: »Tote schlafen fest« … und können sich nicht mehr gegen üble Nachrede wehren.

Weitere Feuilleton-Kernthemen: Fußball und Bauwesen, also Schiedsrichter-Affäre und Kölner Stadtarchiv, beide abgehandelt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Patrick Bahners über den »preisgekrönten Toleranzapostel Zwanziger: Wer den DFB kränkt, bekommt es mit einem Präsidenten zu tun, der zwar Jurist ist, aber auf Gerichtsurteile pfeift.« Soll uns hier aber nicht weiter interessieren, wir merken uns nur den Namen Bahners. Auch der Stadtarchiv-Artikel spielt für uns keine Rolle, sondern nur seine Überschrift: »Der Ingenieur fand kein Gehör.« Und schon macht es »klick«: FAZ-Kulturchef Bahners, »Ehrenpresidente« der Donaldisten, der »Deutschen Organisation der Nichtkommerziellen Anhänger des Lauteren Donaldismus« (D.O.N.A.L.D.), ist berühmt, berüchtigt und in Entenhausen beliebt wegen seiner Hingabe, mit der er Entenhausener Kultsprüche, original oder modifiziert, im scheinbar so ernsten FAZ-Kulturteil unterbringt.

Wenn sich Bahners und seine Donaldisten treffen, diskutieren sie auf höchstem dadaistisch-wissenschaftlichem Niveau zum Beispiel darüber, warum in Entenhausen alle Enten Zähne haben, aber nur die Entenfrauen Schuhe. Bei besonders gelungenen Beiträgen wird heftig applaudiert – nicht mit den Händen, sondern onomatopoetisch laut rufend, wie in Donald-Sprechblasen: »Klatsch, klatsch, klatsch.« – Bleibt die bange Frage nach dieser ebenfalls leicht unernsten Kolumne: Wie reagiert der Leser? »Klatsch, klatsch, klatsch?« Oder »Ächz, würg, ggrrg«? (gw)

Baumhausbeichte - Novelle