Montagsthemen
Outing ist »in«. Also: Ich gebe zu, mir reicht’s mit dem Wintersport. Prompt folgt die Strafe fürs Outing: Zwar schmilzt der Sport langsam zusammen, aber der Winter kommt mit Macht zurück. Da wär’ mir’s umgekehrt ja noch lieber!
Ich oute mich freiwillig, beim DFB wird zwangsgeoutet. Der dubiose Deal mit Amerell läuft darauf hinaus, dass der DFB-Boss dem auf Vergeltung sinnenden »sexuellen Belästiger« (die Behauptung ist seit Donnerstag gerichtlich legitimiert) diejenigen Schiedsrichter namentlich ausliefert, die aus gutem Grund anonym bleiben
Wer ein reiches Repertoire an Sonntagspredigten (Enke! Ehrlichkeit! Toleranz! Schutz von Minderheiten!) sein ureigen nennt, muss sich an einem Wort von Titus Livius messen lassen: »Ex factis, non ex dictis amici pensandi.«
Nach ihren Taten, nicht nach ihren Worten soll man die Freunde wägen. Gilt für alle in die Schmuddelaffäre Involvierten. In der Schlammschlacht droht die einzig relevante Frage verloren zu gehen: Nicht wer wen auf den Mund geküsst oder in den Schritt gefasst hat, sondern wer wen wann und wie sexuell belästigt hat und ob dies bis zu Nötigung und Missbrauch eines Abhängigkeitsverhältnisses ging, eventuell sogar bei minderjährigen Schutzbefohlenen.
Fakten: Amerell ist 63, Kempter 27. Ihr wie auch immer geartetes Verhältnis begann spätestens schon 2001, Kempters Karriere hob seither im Steilflug ab.
Schluss mit dem Schmuddel. Unter ein anderes Schiedsrichter-Problem zieht die FIFA einen offiziellen Schlussstrich in DFB-Manier: Chip im Ball, Torkamera oder gar »meine« Video-Hilfe, alle diese technischen Unterstützungen sportlicher Gerechtigkeit haben im Fußball nichts verloren. Basta!
Da dies auch das Eingeständnis der außersportlichen Sonderrolle des Fußballs ist, der von seinen großen Mythen lebt (Wembley! Hand Gottes!) und diesen steten Quell wunderbar aufgeregter Diskussionen nicht von schnöder Beweistechnik versiegen lassen will, muss man dieses sanktionierte Primat der Nicht-Sportlichkeit hinnehmen, das seine Befürworter »Salz in der Suppe« nennen. Damit landet auch unser Dauerbrenner »Video-Hilfe« auf dem Müllhaufen der »Anstoß«-Geschichte.
Fußball ist ein Wirtschaftsfaktor, auch die Wirtschaft kennt ihre Mythen, zum Beispiel vom Primat des Wachstums, in dem nur wir Laien ein globales Schneeballsystem vermuten, was uns aber nur zum Wintersport zurückbringen soll, also auf weniger glattes Terrain. Was ist das perfekte Schneeballsystem, und wie ist die beste Wurftechnik? Auf meiner Online-Suche finde ich fachlich Fundiertes (»Den Wurf am Ende immer aus dem Handgelenk steuern mit Zeige- und Mittelfinger«), aber auch frappierend Überzeugendes: »Die beste Form ist rund, und die beste Taktik ist, immer zu treffen.«
Mir persönlich gefällt diese Erklärung am besten: »Der Schneeball ist ein unübersehbarer Frühjahrsblüher. Durch eine große Anzahl Blüten, die eng aneinander sitzen, bildet sich ein großer, runder Ball.« Schon der Gedanke an diesen Schneeball erwärmt wintergeschädigte Seelen. (gw)
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