Sport-Stammtisch
Welcher Schiedsrichter hat denn nun die Arschkarte gezogen? Was als schmuddelige Anspielung auf die aktuelle DFB-Affäre missverstanden werden könnte, ist harmloser Wissensdrang, denn eine der vielen seltsamen Mythen der Neuzeit will wissen, dass die »Arschkarte« tatsächlich zuerst von einem Schiedsrichter gezogen wurde: Irgendwann im letzten Jahrhundert, als es schon rote und gelbe Karten, aber noch kein Farbfernsehen gab, begannen die Schiedsrichter, zur besseren Unterscheidung für den Fernsehzuschauer, gelbe Karten aus der Brust- und rote aus der Gesäßtasche zu ziehen.
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Ob’s stimmt? Es gibt so viele Mythen der Neuzeit. Zum Beispiel, passend zur Arschkarte, die erstaunliche Tatsache, dass der Mensch im Mund mehr Bakterien hat als im After. Interessant auch die Medecophobie, die Angst, andere könnten an der Ausbeulung der Hose die eigene Erektion erkennen, eine Furcht, die momentan in gewissen Schiedsrichterkreisen grassieren soll. Hübsch auch, als Nachtrag zu Winterolympia: Das Eisbein heißt Eisbein, weil früher aus Röhrenknochen von Schweinen Schlittschuhe gemacht wurden. Und: Elefanten wachsen ihr ganzes Leben lang (kein Wunder, dass sie so groß werden!)
Hinter der Arschkarte könnte aber auch ein ganz anderer, ein hessisch-etymologischer Ursprung stecken. Das Adjektiv »arg« hat bekanntlich zwei Bedeutungen (»sehr«/»viel« und »böse«/«schlimm«), und wenn ein Hesse sagt, dass es sehr eisig geworden ist, heißt das bei ihm »arschkalt«. Nehmen wir die zweite Bedeutung von »arg«, dann wird aus der »bösen«, der »schlimmen« roten die »arge« Karte, also die »arsch Kard«.
Das Gegenteil einer Arschkarte ist hier zu sehen, eine historische Glückskarte. Reimar Dahler schickt sie »in Ergänzung zu Ihrer Notiz zu dem Hackentor im Leipziger Zentralstadion am 6. 10. 1956 vor gut 100 000 Besuchern, unter anderem ich als Jugendlicher. Der Verein Wismut titulierte sich damals etwas anders als … Aue.« Ach, wie gerne wäre ich als kleiner Junge auch dabei gewesen! Aber ich hatte keine Zeit, musste Halla in Stockholm helfen, Winkler über den olympischen Parcours zum Gold zu tragen.
Kleiner Scherz. Zugegeben: sehr klein. Ungefähr so winzig wie dieser in den Montagsthemen«: »Der Sport-Informationsdienst (sid) meldet: ›Hoeneß will Neuner zu Bayern lotsen.‹ Die Deutsche Presse-Agentur (dpa) meldet: ›Bayern hat Werben um Neuer eingestellt.‹ Ein Widerspruch nur für allzu schnelle Leser – welche Unterschiede ein kleines ›n‹ bewirken kann!«
Dazu kam eine rüffelnde Mail: »Man sollte nicht mit Steinen werfen wenn man selbst im Glashaus sitzt und sich über ein fehlplatziertes ›n‹ mokieren. Das sowohl sid als auch dpa in ihren Texten fehlerhaft bis schlampig arbeiten, ist ja nun hinlänglich bekannt«, und statt uns zu mokieren sollten wir besser redigieren. Recht hat der Leser! Mittlerweile weiß er auch, dass, warum und wie sehr ich über seine Zeilen geschmunzelt habe: Weil weder dpa noch sid »n«-Fehler gemacht haben, sondern ich nur ein Witzchen, und weil ich nun ganz besonders auf den korrekten Gebrauch von »das«/»dass« und der Interpunktion achten will.
Auch die Sport-Bild hat keinen Fehler gemacht, als sie in dieser Woche über »Helden im Abseits« berichtete, die Weltmeister von 1990 und ihre sehr bescheidenen Trainer-Karrieren. Über die Gründe rätselte Sport-Bild, obwohl ein paar Seiten weiter eine Antwort zu lesen war: In einem Bericht über den BVB, Trainer Klopp und seine verletzten Spieler wird Jürgen Kohler zitiert, der Klopps Forderung von hoher Laufbereitschaft kritisiert: »Wenn man immer mehr laufen muss als der Gegner, ist es zwangsläufig, dass man in Verletzungen rennt.« Also: mehr Erfolg durch weniger Laufbereitschaft. Noch Fragen, warum nicht Kohler (oder Augenthaler, oder Brehme, oder oder oder) in der Bundesliga trainiert, sondern die Klopps und Tuchels, die als Fußballer nicht Welt-, sondern gerade mal Bezirksmeister waren?
Noch mal zum Mokieren: Das tun derzeit fast alle Deutschen, wenn’s um Griechenland geht. Auch ich als ausgewiesener Hellas-Freund muss schwer an mich halten, um nicht selbst erlebte einschlägige Anekdötchen zum Besten zu geben. Dabei sind die Griechen die freundlichsten Menschen der Welt. Wie jener alte Kafenion-Hocker (es gibt auch viele junge, siehe Renteneintrittsalter), den ich einst auf den unglaublich lauten Gesang einer an der Wand hängenden Zikade aufmerksam machte. Ist ja ohrenbetäubend, toll! Noch nie so was gehört. Ich war begeistert. Der alte Grieche missverstand mich aber und fischte den scheinbar ruhestörenden Lärmer mit einer routinierten Handbewegung von der Wand, schleuderte ihn auf den Boden, zertrat ihn unter seinem Absatz – mit einem ekelhaft knirschenden Geräusch – und blickte mich Beifall heischend an wegen des Gefallens, den er dem Fremden gemacht hatte.
Als ich gestern wieder mal Rad fuhr (natürlich nur zur Vorbereitung dieser Kolumne, schließlich bin ich immer im Dienst), fiel mir auch wieder der Verkehr in Griechenland ein und warum sie dort keine Schumis oder Jan Ullrichs haben: Die meisten Griechen fahren unkalkulierbar und riskant, also viel schlechter als sie glauben. Und wenn sie jemals Rad-Talente wie unseren Jan gehabt haben sollten, so sind diese schon in frühesten Trainingsjahren von wahnwitzigen vierrädrigen Amokläufern zerquetscht worden wie Zikaden unter den Schuhen sadistischer Kafenion-Greise. Oder sie sind in eines der vielen riesigen Schlaglöcher gestürzt und am Hunger-Ast gestorben, bevor sie von Suchmannschaften gefunden werden konnten.
Bevor ich mich weiter in »Bild«- und »Focus«-Manier lustig machen kann, rrrummmse ich plötzlich in ein kretabreites und ägäistiefes Schlagloch, von denen wir nach diesem arschkalten Winter mehr zu bieten haben als die Griechen. Mit einem Achter im Vorderrad, der wie ein Siebener aussieht, erfahre ich schmerzhaft, dass Hochmut vor dem Fall kommt. Und wer die Arschkarte gezogen hat, weiß ich jetzt auch. (gw)
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