Archiv für März 2010

Nutze den Tag! Geh’ surfen! (“Süchtig nach dem Sturm” von Norman Ollestad

Memento moriendum esse – Bedenke, dass du sterblich bist. Treffender kann man die Lebensgeschichte von Norman Ollestad, die er in »Süchtig nach dem Sturm« niedergeschrieben hat, wohl kaum beschreiben. Sowohl wörtlich genommen (überlebt er doch nur knapp einen Flugzeugabsturz), als auch im übertragenen Sinne. Carpe Diem! Nutze den Tag! Geh’ surfen!
Die 70er Jahre im Süden Kaliforniens. Norman Ollestad lebt mit seiner Mutter und deren Freund Nick in Miami, genauer gesagt am Topanga Beach in einem Strandhaus. Mit Nick kommt Norman nicht besonders gut klar. Und die Mutter stellt sich immer seltener auf Normans Seite. Zum Glück hat er noch Sunny, seinen Hund.
Normans Leben besteht aus Surfen. Surfen, Skateboarden, Skifahren und Eishockey.
Im Grunde das typische Leben eines kalifornischen Kindes. Wäre da nicht der Vater, Big Norm. Big Norm ist ein Held am Topanga Beach. Er ist Surfer, Hippie, ehemaliger CIA-Agent und vor allem: ein Freigeist. Sein Leben beruht auf der Maxime, das Beste aus dem Dasein zu pressen, was es zu bieten hat. Und er fordert von Boy Wonder, wie er seinen Sohn gerne nennt, es ihm gleich zu tun. So schickt er ihn im zarten Alter von vier Jahren auf Skiern »schwarze« Pisten hinunter und drängt ihn mit elf, mörderische Wellen an der Küste vor Mexiko zu surfen. Mit dem einen Ziel: Erkenne die Schönheit der Natur, genieße das Leben, Nutze den Tag! Für Norman eine harte Schule, wünscht er sich doch nur allzu oft, ein Leben wie die anderen Kinder zu führen. Mit Schokoriegeln, Fernsehen und co.
Genau diese Schule, durch die der Vater den Sohn schickte, rettet ihm am Ende das Leben. Nach einem Eishockeyspiel setzen sich Norman, der Vater und dessen Freundin in eine kleine Cessna, um rechtzeitig bei der Siegerehrung des Skirennens zu sein, bei dem Norman erstmals den ersten Platz erreichte. Bei heftigem Schneetreiben und schlechter Sicht kracht die Maschine in den 2650 m hohen Ontario Peak. Nur Norman überlebt nach einer Tortur durch Schnee und Eis, gegen Kälte, Hunger – und mit der Gewissheit, dass der geliebte Vater tot ist.
Ollestad musste erst erwachsen werden, um die Dinge klarer zu sehen: Dass Nick im Grunde ein ebenso guter Vater sein wollte wie Big Norm. Dass er sich als Heranwachsender wie ein Idiot verhalten hat. Und vor allem: Dass er, inzwischen selbst Vater, dem eigenen Sohn ein ähnlicher Vater ist, wie Big Norm es war.
Ollestad schildert seine Jugend in sich abwechselnden Kapiteln: Die aufregende Vater-Sohn-Beziehung auf der einen, die detaillierte Wiedergabe des Flugzeugabsturzes und der mörderische Überlebenskampf ins Tal auf der anderen Seite.
Das Buch ist eine Hommage an das freie und wilde Kalifornien der 70er Jahre, dessen facettenreiche Natur mit erbarmungslosen Wellen zum Surfen und steilen Bergen zum Skifahren aufwartet. Und an einen einzigartigen Vater.
»Mein Vater sehnte sich nach schwerelosem Gleiten. Er jagte Hurricans und Schneestürmen hinterher, um die Seligkeit zu spüren, mächtige Wellen zu reiten oder tiefen Pulverschnee zu durchpflügen. Er war ein unersättlicher Geist, er war süchtig nach dem Sturm. Und das rettete mir das Leben.«
Es rettete ihm das Leben, da der Vater ihn im Sport immer an die Grenzen führte. Das half ihm in dem Moment, als er vom Leben genötigt wurde, über die Grenzen hinaus zu gehen. Um zu überleben.
Die Aufmerksamkeit, die das Buch momentan in der deutschen Buchlandschaft erfährt, ist berechtigt. Nicht, dass es besonders poetisch geschrieben ist. Vielmehr wird die Geschichte so mitreißend, so bildhaft geschildert, dass man fast das Gefühl hat, einen Film zu lesen.
»Süchtig nach dem Sturm« ist die Chronik einer außergewöhnlichen Jugend und die Erinnerung an einen Vater, wie er für Norman Ollestad besser kaum gewesen sein könnte.
Christoph Hoffmann

Veröffentlicht von gw am 19. März 2010 .
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Klappentext vom 20. März

So viel Lob war selten. Beide Bücher, die wir heute vorstellen, nehmen in der subjektiven Bestenliste unserer Rezensenten jeweils einen Spitzenplatz ein. Ob »Mehr Liebe« und »Süchtig nach dem Sturm« auch in der Verkaufs-Bestenliste weit vorne landen können, muss aber bezweifelt werden. Zu undurchsichtig – und literarisch sowieso nicht nachvollziehbar – ist das Bestseller-Geschäft, und ganz nach oben schaffen es vorwiegend prominenete Nicht-Schriftsteller wie Kerkeling oder Roche.
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Der Newcomer Norman Ollestad hat immerhin bessere Chancen als der in seinen literarischen Kreisen seit Jahren topgesetzte Frank Schulz, denn für »Süchtig nach dem Sturm« ist ein wichtiges Verkaufs-Rädchen gedreht worden: Die zweitgrößte deutsche Buchhandlungs-Kette wirbt mit ihm als »Das Thalia-Buch im März«, mithin wird Ollestad in ungefähr 300 Buchhandlungen des deutschsprachigen Raumes prominent beworben und vor allem griffbereit ausgestellt – das garantiert potenzierte Verkäufe.
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Einem Schulz dagegen verhilft weder das überschwängliche Lob des Schriftsteller-Kollegen Gerhard Henschel (»So hätte Arno Schmidt geschrieben, wenn er nicht bescheuert gewesen wäre«) noch das seines schreibgewaltigen Freundes Harry Rowohlt (»Sowieso mein Lieblingsautor) oder gar unsere kleine mittelhesische Bücherseite zu sechsstelligen Verkaufszahlen.
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Apropos Mittelhessen: Sind wir Lese-Muffel? Der Chef eines Belletristik-Verlags aus Kassel wunderte sich einmal über die vergleichsweise geringe Zahl von Buchhandlungen in unserer Gegend, die Mehrzahl davon unter überregionaler Regie. Er folgerte: Die Leute hier lesen wenig, kaum Romane, und wenn, dann meist das, was ihnen vom Marketing großer deutscher Buch-Ketten durch plakative Präsentation schmackhaft gemacht wird. Hat er recht? Hoffentlich nicht.
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Dass Gerhard Henschel, als er vor wenigen Monaten in Gießen aus seinem doch so schönen »Jugendroman« las, dies vor einstelliger Zuschauerzahl tat, sei daher bedauernd nur am Rande erwähnt.
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Ständiger Trost für kleine Schreiber wie für große Schriftsteller: Von Kafkas erstem Buch (»Betrachtung«) wurden nicht einmal 800 Exemplare verkauft. (gw)

Veröffentlicht von gw am 19. März 2010 .
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Kabinettstückchen eines Könners (“Mehr Liebe” von Frank Schulz)

Ein Zündholzbriefchen mit dem Aufdruck »Moulin Rouge« hat sie auf die Spur gebracht: Das alte Dörchen will nachgucken, was ihr Mann dort auf der Reeperbahn treibt …
Das ist als »Plot« scheinbar unoriginell und in jeder Niveau-Schattierung literarisch schon mal vorgekommen. Aber was Frank Schulz in seiner Kurzgeschichte »Männertreu« daraus macht, das schenkt dem Leser bewegende Überraschungsmomente und rührt selbst steinernste Altmännerherzen.
Den 22 virtuosen Kabinettstückchen in »Mehr Liebe. Heikle Geschichten« ist ein Satz von Marie von Ebner-Eschenbach programmatisch vorangestellt: »Die meisten Menschen brauchen mehr Liebe, als sie verdienen.« Man begreift, warum Schulz ihn sich einverleibt hat, versteht aber auch sein nachträgliches und nicht nur logisches Zweifeln: »Lässt die Aussage nicht ebenso anklingen, dass es ein paar gibt, die mehr verdienen?« Das alte Dörchen ganz gewiss – obwohl ihr ein ungewöhnlicher Liebesbeweis zuteil wird …
Trotz seiner hoch gelobten »Hagener Trilogie« mit dem sprachmächtigen »Ouzo-Orakel« als grandiosem Schlusspunkt (eine Sternstunde literarischer Hochtragikomik!) hat Schulz den ihm gebührenden Best(seller)platz in der deutschen Gegenwartsliteratur noch nicht erreicht. Immerhin kann er mittlerweile von seinem Können leben. Für seine Fans ist das noch nicht genug, denn Schulz hat das Format eines, sagen wir mal, genialen Walsers der frühen Jahre (und wird hoffentlich nie ein peinlicher Walser der späten Jahre). Zudem besitzt er einen unvergleichlichen, ja einen existenziellen Humor, abseits des puren Witzes, abseitig und auch gespeist vom Wahnsinn eigenen Er- und Überlebens, mit Alkohol als früherem Lebenskrisen-Brandbeschleuniger (den Teetrinker Schulz seit acht Jahren konsequent meidet, siehe auch »Dichter ran: Zu Besuch bei Frank Schulz« auf unserer Bücherseite vom 8. 9. 2007 / nachlesbar online unter www.anstoss-gw.de).
Und nun die »heiklen Geschichten« von »mehr Liebe«. Das sind nicht nur schreibtechnisch anspruchsvolle Fingerübungen, sondern sinfonische, also im Wortsinn zusammen klingende Etüden eines Meisters seines Fachs.
Schulz untertitelt seine Kurzgeschichten mal als »Feuilleton«, mal als »Schnurre«, als »Collage« oder »Novelle« und fasst sie thematisch zusammen, penibel römisch nummeriert, zur »Trilogie der Gewalt I« (bis III) und zum »Pop-Tetrameron I« (bis IV). Fast scheint es, als traue er seinem schriftstellerischen Talent nicht, als müsse er es hinterfragend immer wieder abklopfen und einordnend absichern, wie in der Schluss-Story vom »Okay Blues, die »nach dem zwölftaktigen Bluesschema strukturiert« ist (Schulz).
So viel Akribie dauert. Die »Hagener Trilogie« rund 16 Jahre, und an »Mehr Liebe« arbeitete Schulz dann auch schon wieder acht Jahre. Nicht nur, nicht am Stück, aber stets im Kopf.
Dem erwartungsfroh-ungeduldigen Schulz-Leser bleibt dann nur, wenn er das »Ouzo-Orakel« schon ein zweites oder gar drittes Mal genossen hat, auch in »Mehr Liebe« wiederholt zu schwelgen und das Urteil der »Zeit« (damals zu »Morbus fonticuli«, Teil 2 der »Hagener Trilogie«) mehr als bestätigt zu finden: »Frank Schulz ist kein Pointen spuckender Witzbold, das nun am allerwenigsten, sondern eher schon ein witziger Ernstbold. Darüber hinaus hat er ein fledermausfeines Gespür für die Stillagen und Tonfälle der Alltagssprache.«
Und er ist ein Beschreibungs-Künstler vor dem Herrn. Über am Strand gesammelte Steine: »Der wie eine Forelle gesprenkelte ovale, flache; der schlammfarbene, krötenförmige; der grünspangrüne mit dem Ockerschatten an der Bruchkante; der lachsfarbene Drops mit den schwarzen Adlern; der zwiefach geschnürte, taubenblaue Taler; die marmorierten weißen und die geschieferten und all die übrigen Kiesel und Steine.«
Oder: Wie Modeworte und Wortmodulations-Moden die Welt trennen »in Nicht-wirklich-Sager und Nicht-Nicht-wirklich-Sager. In Geht’s-noch?-Sager beziehungsweise Geht-gar-nicht-Antworter und Nicht-Geht’s-noch?-Frager beziehungsweise Nicht-Geht-gar-nicht-Antworter.« Und dann erst »dieses ominöse Okay. Dieses Okay-iii…? Der Sprecher setzte die erste Silbe mit der tiefsten Note seiner Sprechmelodie. Die zweite zunächst mit der gleichen. Zog diese zum Abschluss jedoch in einem Bogen hoch zur höchsten Note seiner Sprechmelodie. Einem neckischen Aufwärtsschwung.« Dieses Okay hat »an den virulenten Wurzeln etwas Giftiges. Tückisches. Lauerndes. Aggressiv Global-player-haftes. Arglistig menschelnd McKinseyhaftes.« – Wer wagt es nun, lieber Leser, wagt noch einmal in seinem Leben ein Okay-iii…?
Mal schlägt in einer der Geschichten mit dem ersten Satz der Blitz ein: »Es war der dreiundzwanzigste Geburtstag ihres Mörders, als Hilde doch noch wieder eine Schmierblutung bekam« (aus: »Hopfen«). Mal taucht, welche Freude, Bodo Morten auf, unser Held aus der »Hagener Trilogie«, dessen Lach- und Mitleidenstränen erregender, oberpeinlich endender, verzückt-versunkener Tanz im »Ouzo-Orakel«, würde der Roman kongenial verfilmt, selbst Zorbas Dance wie Senioren-Foxtrott nach Valium-Doping aussehen ließe.
In Sachen Liebe kommen weder Bodo noch Schulz voran, was in der Natur der Sache liegt. »Romantische Liebe« mag auf »Konsensillusion beruhen«, und die bleibt als schöne Wortschöpfung in zwiespältiger, weil an der Wahrheit kratzender Erinnerung.
Schulz’ Erzählungen, egal, welche Etiketten er ihnen aufklebt, sind einfach »nur« wunderbare Geschichten (kaum eine fällt ab) eines großen und immer noch unterschätzten, sich womöglich selbst unterschätzenden Könners.
Irgendwo in der »Hagener Trilogie« steht das schöne böse Wort von der »unangekränkelten Selbsttoleranz«, die flachseligen Mitmenschen das Leben erleichtert.
Frank Schulz könnte wenigstens eine Prise davon gut vertragen. (gw)

Veröffentlicht von gw am 19. März 2010 .
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Wenn Schriftsteller auf den Hund kommen

(7.5.2005) Wenn Schriftsteller auf den Hund kommen, geht’s der Literatur meist gut und dem Hund oft schlecht. Groß ist die Auswahl, von Jack Londons »Wolfsblut« über Marie von Ebner-Eschenbachs »Krambambuli« bis zu Helmut Kraussers »Die wilden Hunde von Pompeii« (»Die Bücherseite« vom 15. 1.). Wir greifen in die Fülle hinein und drei Bücher heraus, deren literarische Qualität ihr Hunde-Verständnis deutlich übertrifft.

Sogar bei Thomas Mann, dem ausgewiesenen Hunde-Liebhaber. In »Herr und Hund«, der 1919 erschienenen Erzählung, »zeichnet er mit unnachahmlicher Ironie das anrührende Porträt einer Hundeseele« (Klappentext), »doch bei aller Vertrautheit und Sympathie – stets bleibt dem Erzähler bewusst, wie fremd der Hund am Ende bleibt«. Was aber auch daran liegt, dass vor fast 100 Jahren die Kenntnisse, wie der Hund »tickt«, noch in den kynologischen Kinderschuhen steckten.

Was ist aus Manns Hund Bauschan geworden? Das und mehr erfahren wir in der Anekdotensammlung »Er konnte ja sehr drollig sein«: »Nach seinem Ableben ruhte Bauschan in einem würdigen Grab. Es trug zum Gedenken Zeilen von August von Platen, die der Herr seinem Hund ausgewählt hatte: ›Zwar hat auch ihm das Glück sich hold erwiesen / Denn schöner stirbt ein Solcher, den im Leben / ein unvergänglicher Gesang gepriesen.‹«

Auch andere Mann-Hunde wurden literarisch verewigt. Zum Beispiel Motz: »Der feinnervige Collie veränderte sich im Roman Königliche Hoheit in den ›schönen, aber entsetzlich aufgeregten Perceval‹.« (Hoffmann). Später legte sich die Hundefamilie Mann diverse Pudel zu. Aber egal ob Motz, Bauschan oder die Pudel Nico 1 und Nico 2, manchmal wird Thomas Manns Liebe zum Hund auf eine Weise auf die Probe gestellt, die jeder Hundebesitzer bzw. von Hunden Besessener kennt. Tagebucheintrag vom 6. Januar 1940: »Zerwürfnis mit dem Pudel wegen seiner Unfolgsamkeit nach Auffindung abstoßender Dinge.«

Sándor Márai (»Ein Hund mit Charakter«) spielt sich erst gar nicht als Hundeexperte auf: »Wir müssen den werten Leser allerdings um Nachsicht bitten (…) Denn wir beabsichtigen im Rahmen dieser Arbeit weder ›das Verhältnis Tier-Mensch‹ noch andere existenzielle Probleme zu klären, verzichten auch auf das Recht, Urteile zu fällen und Schlussfolgerungen zu ziehen.« Márais »Charakterhund« von 1931 erschien 2004 neu bei Piper als preiswerter Taschenbuch-Dopppelroman zusammen mit »Das Vermächtnis der Eszter«. Wer Márai noch nicht kennt, wird seine Lese-Freude haben, ihn für sich zu entdecken.

Hartmut von Hentigs Hund »Joschi« ist dagegen ein ganz armes Schweinchen. Leider kein erfundenes, denn der Autor erzählt ein Stück aus seinem und des Hundes Leben. Joschi kommt als Welpe zur Nachbarin, kann tun und lassen, was er will. Ist ja auch sooo süß! Aber er wird größer, und da nicht mal ansatzweise erzogen, wächst er allen über den Kopf, kommt in den Zwinger. Nur wenn der Nachbar nach Hause kommt – alle sechs Wochen für eine Woche –, kehrt Freude ein, denn von Hentig geht mit ihm spazieren. Aber wie! »Ein Kunststück, allein den in wahnsinniger Aufregung befindlichen Hund im Zwinger an die Leine zu kriegen. Ist dies endlich gelungen, schießt er auf dem Burgweg davon. Ich laufe hinterher, hoffe, dass der steile Burgberg den rasenden Lauf verlangsamt. Unermüdlich zerrt mich Joschi voran.« Immer im Wechsel: Sechs Wochen im Zwinger, dann eine Woche wildestes Spazierenzerren mit dem Nachbarn, der nicht merkt, was angerichtet wird, sondern gerührt bekennt, dass Joschi »zu einer Furie der Freude« wird, wenn er ihn aus dem Zwinger lässt. »Habe ich dann an meiner ›Rakete‹ angekoppelt, zischt sie – mit mir in Rückwärtslage – davon. Ich muss, sobald ich Menschen kommen sehe oder kommen höre, die Leine um einen Baum schlingen, um nicht von Joschi umgerissen zu werden.«

Es kommt, wie es kommen muss: Joschi beißt fremde Menschen. Die Vorfälle häufen sich, die Behörde muss einschreiten, der Hund wird geprüft, als gefährlich eingestuft, und es gibt Auflagen, die von Hentig als überbürokratisch kritisiert, zum Beispiel die Verpflichtung, dass Besitzerin und Hund sich einer Schulung unterziehen müssen. Dazu hat die Nachbarin weder Zeit noch Lust, von Hentig sowieso nicht, daher lassen sie Joschi . . . einschläfern!

Und wer ist schuld? »Das war sein Leben. Nun ist es ausgelöscht durch eine amtliche Maßnahme.« – Amtliche Maßnahme? Menschliches Versagen!

Der Evolutionsforscher Manfred Eigen antwortete auf die Frage, welchen Wunsch er an eine gute Fee hätte: »Ich möchte einmal eine Stunde lang in meinem Hund sein.«

Wünschen wir Hartmut von Hentig, dass ihm solch ein Wunsch nicht erfüllt wird. Eine Stunde lang Joschi sein – das wäre doch eine gar zu menschenquälerische Strafe.

Da ist mit Hartmut von Hentig der Hund als Gaul durchgegangen. Von dem angesehenen Autor und Pädagogik-Professor liegen empfehlenswertere Bücher vor (aktuelles Beispiel siehe Literaturliste) – über Hunde sollte er andere schreiben lassen. (gw)

KLAPPENTEXT

Jeder Hundefreund glaubt, in die Seele des Tieres an seiner Seite zu schauen. Doch da können sich selbst die Klügsten und Empfindsamsten (siehe Thomas Mann, Hartmut von Hentig oder Sándor Márai) täuschen. Denn zu gerne schaut man in die Seele des Hundes wie in einen Spiegel – und sieht, fühlt nur sich selbst und die eigenen Bedürfnisse. Das tut zwar gut, aber nicht dem Hund.

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Mir öffnete einst Kretahund die Augen. Er gab auch, zusammen mit Thomas Gaitanides, der uns zuletzt (Bücherseite vom 23. April) durch die Ägäis schipperte und dabei über die hundemitleidigen Insel-Touristen schimpfte, den Anstoß für diese Seite, auf der wir neue Hundebücher vorstellen, die entweder gute Ratgeber oder gute Literatur sind. Das eine scheint das andere auszuschließen.

*

Also Kretahund. Leckte mir plötzlich die Hand. Er hatte sich unbemerkt genähert, einer jener allgegenwärtigen, glatthaarigen jungen kretischen Hunde. Nach dem Begrüßungs-Handkuss winselte er kurz, leise und freudig, um sich dann still an unsere Fersen zu heften. Wir suchten ein schattiges Plätzchen für einen langen Strandtag in flimmernder Hitze. Unser neuer Gefährte kugelte sich ein, schob mit den Pfoten den Sand zurecht und schloss in seiner Kuhle glücklich die Samtaugen. Still, unaufdringlich, würdevoll hatte er sich uns, nur uns ausgesucht, um uns seine liebe, treue Hundeseele zu Füßen zu legen. Kretahund würde für immer bei uns bleiben, das stand fest. Wir würden ihn mit nach Deutschland nehmen, ungeachtet aller bürokratischen Hemmnisse, im Notfall würden wir ihn aus Kreta hinaus schmuggeln. Er öffnete die Augen, blickte uns seelenvoll an. Er hatte verstanden, der Gute. Wir streichelten ihn gerührt.

Kretahund schüttelte sich den Sand aus dem Fell. Als wir wieder klar sehen konnten . . . sahen wir ihn einem jungen Paar hinterhertrotten. Er leckte dem blonden Mann die Hand, winselte kurz, leise und freudig, um sich dann still an seine Fersen zu heften. Enttäuscht sahen wir ihm nach, dem Hund, der klüger war als wir.

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Das ist viele Jahre her. Nun haben wir schon lange einen eigenen Hund. So lieb. Und sooo talentiert! Ihm liegt Musikalität derart im Blut, dass selbst seine Artgenossen, die bei Thomas Manns Tochter Elisabeth lebten, staunend die Ohren aufgestellt hätten. Deren Setter konnten zwar Klavier spielen, aber erst nach langem, aufwändigem Training und nur bei bundesligareifem Preisgeld von Leckerli-Fantastillionen. Unser Hund dagegen konnte schon beim ersten Hören von Händels Messias das »Halleluja« mitsingen, ohne jedes Training, ohne plumpe Bestechungsversuche. Sobald sich »und Gott der Herr regiert« in höchste Jubeltöne aufschwingt, stimmt er lauthals jaulend ein, jeden Ton treffend.

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Manche der Mannschen Hunde konnten sogar schreiben. Deren Pfoten-Tasterei auf der Schreibmaschine schickte die Mann-Tochter einstmals kommentarlos an die New York Times, die das dadaistische lyrische Werk auch prompt hundenichtsahnend abdruckte, weil die Redaktion dachte, es sei ein originaler Mann-Text. Wirklich!

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Und raten Sie mal, wer diesen Klappentext geschrieben hat. Ich bin nicht nur musikalisch begabt! Aber mit meinem Namen zu signieren, das traue ich mich nicht. Da nehme ich doch lieber das Zeichen meines Zweibeiners. Obwohl, das glaubt ihm kein Mensch – so ganz ohne Fehler wie heute schafft er’s alleine doch nie . . . (gw)

Thomas Mann: Herr und Hund. Ein Idyll (in der Gestaltung der Ausgabe von 1925) – S. Fischer Verlag

10 Euro – ISBN 3-10-348151-9

Thomas Mann: Die Erzählungen (sämtliche Erzählungen in einem Schmuck-Dünndruckband, enthaltend auch »Herr und Hund«)

S. Fischer Verlag – 10 Euro

ISBN 3-10-048514-9

Renate Hoffmann: Anekdoten über Thomas Mann: Er konnte ja sehr drollig sein – Eulenspiegel Verlag

9,90 Euro – ISBN 3-359-01310-7

Sándor Márai: Das Vermächtnis der Eszter / Ein Hund mit Charakter (zwei Romane in einem Band) – Piper

10 Euro – ISBN 3-492-24184-0

Hartmut von Hentig: Joschi – Hanser – 10 Euro – ISBN 3-446-20570-5

Hartmut von Hentig/Sten Nadolny (und andere): Deutsche Gestalten – dtv – 9 Euro – ISBN 3-423-13218-3

Veröffentlicht von gw am 17. März 2010 .
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Nach-Lese (Beethoven, Bohlen und die Donaldisten/13.3.2010)

»Was ließen sich für Garstigkeiten über trunkene Bischöfinnen schreiben oder auch über all jene hochgebildeten Leute, die sich wegen des kleinen Hegemann-Schmuddel-Buchs fürchterlich befehden, obwohl sie noch nicht einmal die Islam-Debatte ganz ausgetragen haben«, juxt Kurt Kister in seiner SZ-Kolumne »Deutscher Alltag«. Die Themen Käß-, Hege- und Islam-mann haken wir damit endgültig ab, mit Kistners Neuübersetzungen zweier Fremdwörter im Hinterkopf: »Politik« kommt aus dem Griechischen und heißt »ich habe recht«, während »Feuilleton« aus dem Französischen stammt und »ich habe recht und du bist doof« bedeutet.

Den Kulturseiten der großen deutschen Zeitungen bleibt aber genügend Stoff, denn sie nehmen ihn sich einfach. Und von überall. In den letzten Tagen war die Wirtschaft dran, in Gestalt Griechenlands, ein allerdings heikles Thema, denn in den Feuilleton-Stuben wabert traditionell klassische Hellas-Liebe. Wohin damit, wenn die Nachfahren der Hellenen unsere sauer verdienten Euros verschleudern? Jens Jessen bringt uns in der Zeit auf die richtige Idee, denn »die deutsche Idealisierung der Hellenen hat schon immer in die Irre geführt«. Erstens waren die alten Griechen gar nicht so edel, und zweitens sind die neuen Griechen nicht deren Nachfahren, denn »Jakob Philipp Fallmerayer, Begründer der Ethnogeografie, erklärte schon 1830 (…), dass die alten Hellenen vermutlich im Mittelalter ausgestorben und die heutigen Griechen in Wahrheit Nachfahren von Albanern und zugewanderten Slawen seien«, also edler Einfalt und stiller Größe generell unverdächtig.

Dass die alten Griechen von Dekadenz hinweggerafft und von Immigranten verdrängt wurden, könnte zu Parallelen mit aktuellen Zeiterscheinungen verleiten. Doch dann ginge es einem vermutlich wie Fallmerayer, der seine Erkenntnisse zur Unzeit vorlegte: »Für die multikulturelle …«, sorry, noch einmal und jetzt die Zeit richtig zitiert. »Für die philhellenische Öffentlichkeit war das ein Skandal. Fallmerayer verlor seine Professur.«

Wir haken auch dieses Thema ab, der Süddeutschen Zeitung zustimmend, die von der »Stunde der Kleinhirne« schreibt – bei beiden: »Pennälerhumor und Ignoranz auf deutscher Seite (…), Hakenkreuze und hohle Schauproteste auf der anderen.« Allerletzte Worte, gesprochen vom griechischen Parlamentspräsidenten Filippos Petsalnikos: »Griechenland hat in den letzten 40 Jahren zwei Literaturnobelpreise gewonnen. Und was haben Sie vorzuzeigen? Haben Sie vielleicht einen neuen Beethoven hervorgebracht, von dem wir noch nichts wissen?« – Touché. Unser neuer Beethoven nennt sich Bohlen, »und unser David Bowie heißt Heinz Schenk« (Rodgau Monotones).

Schenk uns einen eleganten Übergang! Nein? Dann ohne: Im Spiegel-Interview spricht »der Schauspieler und Produzent Ulli Lommel über seine wilde Karriere vom deutschen Teeniestar der sechziger Jahre zum B-Movie-Regisseur in Hollywood, seine berühmten Liebhaberinnen und die Zeit mit Rainer Werner Fassbinder und Andy Warhol«. Und darüber, wie er die depressive Schriftstellerin Ingeborg Bachmann aufmunterte, bei »einem Chinesen an der Gedächtniskirche. Der Besitzer, ein alter Mongole, aß immer die Essensreste seiner Gäste und rülpste und furzte dabei. Das war damals das Einzige, was die Bachmann zum Lachen bringen konnte.« – Vermutung: Lommel, der Lümmel, ist zu recht nur B-Movie-Regisseur, kennt aber zumindest ein großes A-Movie der Filmgeschichte: »Tote schlafen fest« … und können sich nicht mehr gegen üble Nachrede wehren.

Weitere Feuilleton-Kernthemen: Fußball und Bauwesen, also Schiedsrichter-Affäre und Kölner Stadtarchiv, beide abgehandelt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Patrick Bahners über den »preisgekrönten Toleranzapostel Zwanziger: Wer den DFB kränkt, bekommt es mit einem Präsidenten zu tun, der zwar Jurist ist, aber auf Gerichtsurteile pfeift.« Soll uns hier aber nicht weiter interessieren, wir merken uns nur den Namen Bahners. Auch der Stadtarchiv-Artikel spielt für uns keine Rolle, sondern nur seine Überschrift: »Der Ingenieur fand kein Gehör.« Und schon macht es »klick«: FAZ-Kulturchef Bahners, »Ehrenpresidente« der Donaldisten, der »Deutschen Organisation der Nichtkommerziellen Anhänger des Lauteren Donaldismus« (D.O.N.A.L.D.), ist berühmt, berüchtigt und in Entenhausen beliebt wegen seiner Hingabe, mit der er Entenhausener Kultsprüche, original oder modifiziert, im scheinbar so ernsten FAZ-Kulturteil unterbringt.

Wenn sich Bahners und seine Donaldisten treffen, diskutieren sie auf höchstem dadaistisch-wissenschaftlichem Niveau zum Beispiel darüber, warum in Entenhausen alle Enten Zähne haben, aber nur die Entenfrauen Schuhe. Bei besonders gelungenen Beiträgen wird heftig applaudiert – nicht mit den Händen, sondern onomatopoetisch laut rufend, wie in Donald-Sprechblasen: »Klatsch, klatsch, klatsch.« – Bleibt die bange Frage nach dieser ebenfalls leicht unernsten Kolumne: Wie reagiert der Leser? »Klatsch, klatsch, klatsch?« Oder »Ächz, würg, ggrrg«? (gw)

Veröffentlicht von gw am 12. März 2010 .
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Baumhausbeichte - Novelle