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Reinhard Stöckel: Der Lavagänger

Fabulös fabuliert
Alte Schuhe und ein großes Familiengeheimnis

»Als der Vater die Schuhe erkannte, erblassten seine eben noch glühenden Bäckchen. Selbst die goldenen Knöpfe seiner Eisenbahneruniform zogen, so schien es, ihr Glänzen zurück. (…) Helder stellte die alten Schuhe auf die Sitzfläche des Stuhls, und die Gesellschaft verstummte. Stille. Nicht einmal eine Stecknadel wagte zu Boden zu fallen.«
Das Nachspiel, mit dem »Der Lavagänger« beginnt, verrät dem Leser schon zu Beginn des Romans, wie er enden wird (der Roman, nicht der Leser). Aber nichts verrät es vom prallen Fabulieren Stöckels, dem ein echtes Schelmenstück gelungen ist, geprägt von der Lust des Autors, Geschichten über Geschichten zu erzählen, eine witziger, aberwitziger oder tragikomischer als die andere.
Henri Helder, Spross einer Eisenbahnerdyastie, erbt ein altes, an den Sohlen verschmortes Paar Schuhe, die seinem Großvater gehörten, dem schwarzen Schaf der Familie, verschollen auf den Lavafeldern einer Südseeinsel. Verdampft sei er dort, heißt es, der verdammte Kerl, ein Nichtsnutz sondergleichen.
Helder folgt den Spuren der Schuhe von der Lausitz bis nach Polynesien und zurück, begegnet einem Pferdekopfgeige spielenden Derwisch, einer schönen Seidenraupenzüchterin, einem einbeinigen Navigator und anderen pittoresken Figuren, bevor er zurückkommt und im Gasthof »Alt-Brandt«, wo der Chor der dreiköpfigen Stellwerksbesatzung von Krahnsdorf-Brandt gerade »Ännchen von Tharau« gesungen hat, die alten, versengten Treter präsentiert.
Reinhard Stöckel, Jahrgang 1956, verheiratet, drei Kinder, in Maust bei Cottbus lebend und gelernter Bibliothekar, hat einen wunderbaren-wundersamen Roman geschrieben, prall, manchmal zu prall und es allzu bunt (über-)treibend, aber immer farbig, fesselnd und den bestens unterhaltenen Leser zum Mitfabulieren anregend. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle