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Maarten ‘t Hart: Der Schneeflockenbaum

Berührende Geschichte einer lebenslangen Freundschaft
Tiefe Verletzungen und ein fatales Missverständnis – Liebe, Neid, Eifersucht, Selbstzweifel und die Sinnfrage

»Wir essen tapfer unser Tränenbrot« und »Mehr Herzenspein als Mondenschein«. Wenn die Mutter nicht solche Sätze von sich gibt, summt sie Psalmen vor sich hin oder schweigt. Oder tunkt die Hände ihres Sohnes in Petroleum, damit er nicht in der Nase bohrt oder sich am Hintern kratzt.
Sicher, man leidet mit dem Jungen, der im Kindergarten keine Lust hat, zu basteln, malen und zu kleben, sondern lieber Wassertierchen suchen und erforschen will. Der seine Verdauung nicht steuern lernt und unkontrolliert Darmwinde fahren lässt, was die Kindergartentante erzürnt und alle anderen Kinder in die Flucht schlägt. Nein, einfach macht Maarten ‘t Hart uns den Einstieg nicht, denn weder unappetitliche Darmprobleme inklusive ausführlicher Beschreibung, was gegen Aftermaden zu tun ist, noch die bizarre Welt pietistischer Sektierer, die in niederländischen Dörfern Generationen von Kindern im Namen des Herrn verstören, sind eine erbauliche Lektüre. Doch wir vertrauen dem Autor und halten durch.
Und richtig. Kaum hat der Erzähler das Abitur bestanden und ist nach Leiden gezogen, um dort zu studieren, atmen wir auf und dürfen nun eintauchen in eine tief berührende Geschichte. Es ist die Geschichte einer lebenslangen Freundschaft, die im Kindergarten geschlossen wird und trotz tiefer Verletzungen überdauert – und der ein fatales Missverständnis zugrunde liegt, das erst aufgeklärt wird, als beide Männer schon ergraut sind. Die Freundschaft beginnt im Sandkasten, und dort spielt sich auch zum ersten Mal ab, was sich im Laufe der Jahrzehnte stets aufs Neue wiederholt: Unser Protagonist verliebt sich. Sobald sein bester Freund Jouri das erkennt, erobert dieser scheinbar mühelos das Herz der Angebeteten. Er ist der vermeintlich schönere, klügere, wortgewandtere, charmantere.
So geht es mit Ria, mit Wilma, mit Hebe. Der immer wieder Verratene ist verletzt, doch beendet er die Freundschaft nicht. Vielmehr hält er den Freund von seinen weiteren Frauenbekanntschaften fern.
Und auch sonst entfernen sich die Freunde voneinander. Aus den Kindern von einst, die Libellen bestimmen und Wasserskorpione fangen, werden Wissenschaftler. Unser Erzähler ist leidenschaftlicher Parasitologe, Jouri anerkannter Mathematiker mit glänzender Universitätskarriere. Jouri heiratet die Frau, die auch unser Held liebt und die ihn einst unter dem Schneeflockenbaum im Garten das Küssen lehrte.
Sind sie noch seelenverwandt oder waren sie es jemals? Man zweifelt unterwegs daran, nicht zuletzt, weil Jouri die Liebe seines Freundes zu klassischer Musik nicht nur nicht teilt, sondern sie fast zu verachten scheint. Ach, die Musik. Sie berührt unseren Protagonisten zutiefst, was ihn mit Katja verbindet, einer dürren Querflötenspielerin in Gesundheitsschuhen, deren Reize sich erst nach und nach erschließen. Er versteckt sie bis nach der Hochzeit vor Jouri, um dann festzustellen, dass dieser die barsche kleine Frau kaum wahrzunehmen scheint – was den Helden nicht erleichtert, sondern auch wieder schmerzt.
Dank herrlicher Figuren wie die von Tina, die verzagt einer Art religiöser Prostitution, dem »Flirty Fishing« nachgeht, oder Toon, einem albinoähnlichen, hochintelligenten Kommilitonen, der mithilfe grässlicher griechischer Nattern die Standfestigkeit seiner Freunde testet, ist das Buch voller komischer Szenen.
Liebe, Neid, Eifersucht, Selbstzweifel und natürlich nicht zuletzt die Frage nach dem Sinn allen irdischen Seins – all das finden wir in Maarten ‘t Harts Geschichte, und weil er diese wie in fast allen seinen Romanen mit wunderbarem Humor beschreibt, ist man schnell versöhnt mit den garstigen Würmern und Fürzen, mit denen er uns anfangs quält.
Christine Steines

Baumhausbeichte - Novelle