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Christian Mähr: Alles Fleisch ist Gras

Recycling mit Schmäh

Anton Galba wird am Tod eines miesen Menschen schuldig – halb stieß er ihn, halb sank der hin. Der Miesling hatte per Nachtsichtkamera außereheliche Aktivitäten Galbas in Wald und Flur dokumentiert, bei der Begegnung mit dem Erpresser kommt es zu Handgreiflichkeiten, die rein zufällig tödlich enden.
Was tun mit der Leich’? Da trifft es sich gut, dass Galba Leiter der Abwasserreinigungsanlage von Dornbier ist und stolz auf seine hochmoderne Recyclinganlage, denn: Alles Fleisch wird Gras.
Endlich ein Buchtitel, in dem schon der ganze Plot steckt. Viele Krimis verrätseln mit ihren Titeln absichtlich, dieser hier gibt vordergründig alles preis: Wer wen wann und wie umbringt, steht außer Frage.
Auch der Polizist Nathanael Weiß, ein ehemaliger Schulfreund von Galba, weiß bald Bescheid.
Aber die beweisunfreundliche, weil unschlagbar umweltfreundliche Leichenbeseitigung bringt Weiß auf den aparten Gedanken, auch aus dem Fleisch des bösartigen Ludwig Stadler, der ihm die die Frau ausgespannt hat, Gras machen zu lassen – mit Hilfe des Experten Galba und dessen Vorzeige-Anlage.
Notgedrungen macht Galba mit, und Weiß kommt auf den Geschmack. Gibt es nicht viel zu viele böse Menschen auf der Welt, Schädlinge der Gesellschaft, die ausgemerzt werden müssen?
Gibt es nicht genügend Gleichgesinnte, die man für dieses ehrenwerte Unternehmen rekrutieren könnte?
Ob das Etikett »Krimi« dem Roman gerecht wird, sei dahingestellt. Ein anderes Etikett liegt jedenfalls näher: »Schmäh«. In »Fleisch ist Gras« des österreichischen Autors Mähr steckt jedenfalls fast schon idealtypisch, was mit dem »Schmäh« verbunden wird: melancholischer, sarkastischer Humor, gerne auch morbid und boshaft, scheinbar freundlich, oft (arg-)listig und im Inneren zutiefst menschenskeptisch.
Der heute in Dornbier lebende Christian Mähr, Jahrgang 1952, kann als Schriftsteller, Bienenzüchter, Doktor der Chemie und Mitarbeiter der ORF-Redaktion »Wissenschaft und Umwelt« nicht nur eine bunte, sondern auch eine für »Alles Fleisch ist Gras« topqualifizierte Vita vorweisen.
Ein ungewöhnlicher Roman, trotz des nicht ungewöhnlichen Grundmusters des »Psychos«, der manisch mordend die Welt verbessern will. Kleines Manko: Wenn die ersten beiden Opfer recycelt sind, verliert die Geschichte an Fahrt, wird etwas zu gemächlich in die finalen Gänge gebracht, die dann aber die womöglich aufgekommene Langeweile schnell wieder vertreiben. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle