Archiv für den 19. Februar 2010
Christian Mähr: Alles Fleisch ist Gras
Recycling mit Schmäh
Anton Galba wird am Tod eines miesen Menschen schuldig – halb stieß er ihn, halb sank der hin. Der Miesling hatte per Nachtsichtkamera außereheliche Aktivitäten Galbas in Wald und Flur dokumentiert, bei der Begegnung mit dem Erpresser kommt es zu Handgreiflichkeiten, die rein zufällig tödlich enden.
Was tun mit der Leich’? Da trifft es sich gut, dass Galba Leiter der Abwasserreinigungsanlage von Dornbier ist und stolz auf seine hochmoderne Recyclinganlage, denn: Alles Fleisch wird Gras.
Endlich ein Buchtitel, in dem schon der ganze Plot steckt. Viele Krimis verrätseln mit ihren Titeln absichtlich, dieser hier gibt vordergründig alles preis: Wer wen wann und wie umbringt, steht außer Frage.
Auch der Polizist Nathanael Weiß, ein ehemaliger Schulfreund von Galba, weiß bald Bescheid.
Aber die beweisunfreundliche, weil unschlagbar umweltfreundliche Leichenbeseitigung bringt Weiß auf den aparten Gedanken, auch aus dem Fleisch des bösartigen Ludwig Stadler, der ihm die die Frau ausgespannt hat, Gras machen zu lassen – mit Hilfe des Experten Galba und dessen Vorzeige-Anlage.
Notgedrungen macht Galba mit, und Weiß kommt auf den Geschmack. Gibt es nicht viel zu viele böse Menschen auf der Welt, Schädlinge der Gesellschaft, die ausgemerzt werden müssen?
Gibt es nicht genügend Gleichgesinnte, die man für dieses ehrenwerte Unternehmen rekrutieren könnte?
Ob das Etikett »Krimi« dem Roman gerecht wird, sei dahingestellt. Ein anderes Etikett liegt jedenfalls näher: »Schmäh«. In »Fleisch ist Gras« des österreichischen Autors Mähr steckt jedenfalls fast schon idealtypisch, was mit dem »Schmäh« verbunden wird: melancholischer, sarkastischer Humor, gerne auch morbid und boshaft, scheinbar freundlich, oft (arg-)listig und im Inneren zutiefst menschenskeptisch.
Der heute in Dornbier lebende Christian Mähr, Jahrgang 1952, kann als Schriftsteller, Bienenzüchter, Doktor der Chemie und Mitarbeiter der ORF-Redaktion »Wissenschaft und Umwelt« nicht nur eine bunte, sondern auch eine für »Alles Fleisch ist Gras« topqualifizierte Vita vorweisen.
Ein ungewöhnlicher Roman, trotz des nicht ungewöhnlichen Grundmusters des »Psychos«, der manisch mordend die Welt verbessern will. Kleines Manko: Wenn die ersten beiden Opfer recycelt sind, verliert die Geschichte an Fahrt, wird etwas zu gemächlich in die finalen Gänge gebracht, die dann aber die womöglich aufgekommene Langeweile schnell wieder vertreiben. (gw)
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19. Februar 2010 .
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Reinhard Stöckel: Der Lavagänger
Fabulös fabuliert
Alte Schuhe und ein großes Familiengeheimnis
»Als der Vater die Schuhe erkannte, erblassten seine eben noch glühenden Bäckchen. Selbst die goldenen Knöpfe seiner Eisenbahneruniform zogen, so schien es, ihr Glänzen zurück. (…) Helder stellte die alten Schuhe auf die Sitzfläche des Stuhls, und die Gesellschaft verstummte. Stille. Nicht einmal eine Stecknadel wagte zu Boden zu fallen.«
Das Nachspiel, mit dem »Der Lavagänger« beginnt, verrät dem Leser schon zu Beginn des Romans, wie er enden wird (der Roman, nicht der Leser). Aber nichts verrät es vom prallen Fabulieren Stöckels, dem ein echtes Schelmenstück gelungen ist, geprägt von der Lust des Autors, Geschichten über Geschichten zu erzählen, eine witziger, aberwitziger oder tragikomischer als die andere.
Henri Helder, Spross einer Eisenbahnerdyastie, erbt ein altes, an den Sohlen verschmortes Paar Schuhe, die seinem Großvater gehörten, dem schwarzen Schaf der Familie, verschollen auf den Lavafeldern einer Südseeinsel. Verdampft sei er dort, heißt es, der verdammte Kerl, ein Nichtsnutz sondergleichen.
Helder folgt den Spuren der Schuhe von der Lausitz bis nach Polynesien und zurück, begegnet einem Pferdekopfgeige spielenden Derwisch, einer schönen Seidenraupenzüchterin, einem einbeinigen Navigator und anderen pittoresken Figuren, bevor er zurückkommt und im Gasthof »Alt-Brandt«, wo der Chor der dreiköpfigen Stellwerksbesatzung von Krahnsdorf-Brandt gerade »Ännchen von Tharau« gesungen hat, die alten, versengten Treter präsentiert.
Reinhard Stöckel, Jahrgang 1956, verheiratet, drei Kinder, in Maust bei Cottbus lebend und gelernter Bibliothekar, hat einen wunderbaren-wundersamen Roman geschrieben, prall, manchmal zu prall und es allzu bunt (über-)treibend, aber immer farbig, fesselnd und den bestens unterhaltenen Leser zum Mitfabulieren anregend. (gw)
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Elliot Perlman: Drei Dollar
Das nachgelieferte Debüt
Breitbeinig betrat Elliot Perlman 1998 die literarische Weltbühne, ein australischer Cowboy, der wusste, was er konnte, und auch so schrieb, dass alle wissen sollten, was er konnte. Mit seinem kraftstrotzenden Debütroman »Drei Dollar«, der erst jetzt in seiner deutschen Übersetzung vorliegt, erntete er so viel Ruhm und Geld, dass er als junger Anwalt den Beruf wechseln und Vollzeit-Schriftsteller werden konnte.
Mit seinem zweiten Roman, »Sieben Seiten der Wahrheit« (bereits 2008 bei DVA erschienen), übertraf er den Debüt-Erfolg noch und gilt seitdem als einer der Großen der australischen Gegenwartsliteratur.
Dass »Drei Dollar« schon zwölf Jahre auf dem Buchrücken hat, merkt man dem Erstling auch thematisch nicht an, denn es klingt nicht so ganz inaktuell, wenn Perlmans Protagonist Eddie, eine Art Hans im Glück, der an das Gute in der Welt glaubt, seinen Job verliert. dessen Familienleben zu implodieren droht, Zwangsversteigerung ansteht, er nur noch drei Dollar in der Tasche hat – und wir Eddie schon auf der ersten von 409 Seiten in dieser dramatischen Notlage kennenlernen.
Eddies »Ich« erzählt dem Leser seine Geschichte, dramaturgisch zusammengehalten von Amanda, seiner Kindheitsfreundin, die abschiedslos aus Eddies Leben verschwindet, als er neun Jahre alt ist, und der er danach alle neuneinhalb Jahre wieder begegnet, an Wendepunkten seines Lebens, als periodisch auftauchender Standhaftigkeitstest. Auch als Drei-Dollar-Eddie am Ende scheint, taucht sie wieder auf …
Wie es mit ihr, Eddie und seiner Frau Tanya endet, wird hier selbstverständlich nicht verraten. Aber wie Eddie seine Tanya kennenlernt, die depressive Intellektuelle, soll dem potenziellen Leser nicht vorenthalten werden, denn es verrät viel von Perlmans Ambitionen, seinem Witz und seiner Ironie: »Bei unserer ersten Begegnung bevorzugten wir noch lange Kameraeinstellungen à la Bergman, die zeigten, wie sich ein Tropfen skandinavischen Wassers widerwillig von seiner Metapher löste.«
Ein schöner Satz, ein gelungener Roman, und ein guter Grund, um gleich weiter zu lesen – in den »Sieben Seiten der Wahrheit«. (gw)
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gw am
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Maarten ‘t Hart: Der Schneeflockenbaum
Berührende Geschichte einer lebenslangen Freundschaft
Tiefe Verletzungen und ein fatales Missverständnis – Liebe, Neid, Eifersucht, Selbstzweifel und die Sinnfrage
»Wir essen tapfer unser Tränenbrot« und »Mehr Herzenspein als Mondenschein«. Wenn die Mutter nicht solche Sätze von sich gibt, summt sie Psalmen vor sich hin oder schweigt. Oder tunkt die Hände ihres Sohnes in Petroleum, damit er nicht in der Nase bohrt oder sich am Hintern kratzt.
Sicher, man leidet mit dem Jungen, der im Kindergarten keine Lust hat, zu basteln, malen und zu kleben, sondern lieber Wassertierchen suchen und erforschen will. Der seine Verdauung nicht steuern lernt und unkontrolliert Darmwinde fahren lässt, was die Kindergartentante erzürnt und alle anderen Kinder in die Flucht schlägt. Nein, einfach macht Maarten ‘t Hart uns den Einstieg nicht, denn weder unappetitliche Darmprobleme inklusive ausführlicher Beschreibung, was gegen Aftermaden zu tun ist, noch die bizarre Welt pietistischer Sektierer, die in niederländischen Dörfern Generationen von Kindern im Namen des Herrn verstören, sind eine erbauliche Lektüre. Doch wir vertrauen dem Autor und halten durch.
Und richtig. Kaum hat der Erzähler das Abitur bestanden und ist nach Leiden gezogen, um dort zu studieren, atmen wir auf und dürfen nun eintauchen in eine tief berührende Geschichte. Es ist die Geschichte einer lebenslangen Freundschaft, die im Kindergarten geschlossen wird und trotz tiefer Verletzungen überdauert – und der ein fatales Missverständnis zugrunde liegt, das erst aufgeklärt wird, als beide Männer schon ergraut sind. Die Freundschaft beginnt im Sandkasten, und dort spielt sich auch zum ersten Mal ab, was sich im Laufe der Jahrzehnte stets aufs Neue wiederholt: Unser Protagonist verliebt sich. Sobald sein bester Freund Jouri das erkennt, erobert dieser scheinbar mühelos das Herz der Angebeteten. Er ist der vermeintlich schönere, klügere, wortgewandtere, charmantere.
So geht es mit Ria, mit Wilma, mit Hebe. Der immer wieder Verratene ist verletzt, doch beendet er die Freundschaft nicht. Vielmehr hält er den Freund von seinen weiteren Frauenbekanntschaften fern.
Und auch sonst entfernen sich die Freunde voneinander. Aus den Kindern von einst, die Libellen bestimmen und Wasserskorpione fangen, werden Wissenschaftler. Unser Erzähler ist leidenschaftlicher Parasitologe, Jouri anerkannter Mathematiker mit glänzender Universitätskarriere. Jouri heiratet die Frau, die auch unser Held liebt und die ihn einst unter dem Schneeflockenbaum im Garten das Küssen lehrte.
Sind sie noch seelenverwandt oder waren sie es jemals? Man zweifelt unterwegs daran, nicht zuletzt, weil Jouri die Liebe seines Freundes zu klassischer Musik nicht nur nicht teilt, sondern sie fast zu verachten scheint. Ach, die Musik. Sie berührt unseren Protagonisten zutiefst, was ihn mit Katja verbindet, einer dürren Querflötenspielerin in Gesundheitsschuhen, deren Reize sich erst nach und nach erschließen. Er versteckt sie bis nach der Hochzeit vor Jouri, um dann festzustellen, dass dieser die barsche kleine Frau kaum wahrzunehmen scheint – was den Helden nicht erleichtert, sondern auch wieder schmerzt.
Dank herrlicher Figuren wie die von Tina, die verzagt einer Art religiöser Prostitution, dem »Flirty Fishing« nachgeht, oder Toon, einem albinoähnlichen, hochintelligenten Kommilitonen, der mithilfe grässlicher griechischer Nattern die Standfestigkeit seiner Freunde testet, ist das Buch voller komischer Szenen.
Liebe, Neid, Eifersucht, Selbstzweifel und natürlich nicht zuletzt die Frage nach dem Sinn allen irdischen Seins – all das finden wir in Maarten ‘t Harts Geschichte, und weil er diese wie in fast allen seinen Romanen mit wunderbarem Humor beschreibt, ist man schnell versöhnt mit den garstigen Würmern und Fürzen, mit denen er uns anfangs quält.
Christine Steines
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gw am
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Klappentext (20.2.2010)
Wie wird man Romanautor? Vielleicht wie Reinhard Stöckel: »Im Lesebuch der 2. Klasse wurde die Geschichte eines dicken Faulpelzes erzählt, der mit einem lauten Knall aus dem Leben schied. Solch pädagogische Unerbittlichkeit widerstrebte mir. Ich ließ den Dicken wieder auferstehen und machte ihn, Runde für Runde auf dem Pausenhof, zur Erbauung meiner Freunde zum Helden. Die Unerbittlichen geben noch immer gute Gründe, Geschichten zu erzählen.« Und Stöckel gibt mit dem »Lavagänger« gute Gründe, seinen Roman zu lesen.
Es gibt auch viele gute Gründe, die Krimis von Reginald Hill zu lesen. Einige – mit dem kauzig-prolligen Superintendenten Andy Dalziel – haben wir hier in den letzten Jahren vorgestellt und gerühmt. Leider liegt nur etwa die Hälfte von Hills Werken in deutscher Übersetzung vor. Manches davon ist nur noch antiquarisch erhältlich, wie »Noch ein Tod in Venedig«, ein Goldmann-Taschenbuch aus dem Jahr 1981.
Das wollte ich haben! Bei Amazon bestellt, knapp 20 Euro bezahlt (Neupreis wohl um die zwei Mark) … und ein völlig zerfleddertes, fleckiges, speckiges Exemplar erhalten. Angeekelt wollte ich es mit spitzen Fingern in den Papierkorb befördern, aber da fiel der Blick auf den ersten Absatz – und der wird sofort in die persönliche Liste der schönsten Anfänge aufgenommen und war Anlass, behandschuht bis zum Ende zu lesen (und es nicht zu bereuen): »Während der Nacht weinte die dicke Frau mit der Zigeunerperücke im Nebenzimmer erneut. Sarah lag im Bett und hörte ihr voll Sorge zu, weckte aber Michael nicht, der zwei Tage vorher erklärt hatte, von allen Weckrufen auf dieser armseligen, traurigen Welt findet er das Weinen einer dicken Frau am jämmerlichsten.«
Auf den neuen »deutschen« Hill müssen wir noch ein Weilchen warten, als Krimi-Ersatz dient uns Christian Mährs »Alles Fleisch ist Gras«, auch das spät nachgereichte Perlman-Debüt »Drei Dollar« hat es in sich, aber über allen thront, nicht nur optisch auf dieser Seite, der unvergleichliche Maarten ‘t Hart. Dessen Mutter, eine christliche Fundamentalistin, las keines der Bücher ihres Sohnes, der die holländische Sektiererei in fast jedem seiner Bücher auf die Schippe nimmt. Und t‘ Harts Vater hatte schwer daran zu tragen, dass sein Sohn Biologie studierte – nur die Hoffnung, dass er Darwin widerlegen könnte, hielt ihn aufrecht! (gw)
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gw am
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