Sport-Stammtisch
Olympia beginnt – ohne das Skispringen der Frauen, was schade ist. Warum wird diese ästhetische Disziplin den Frauen olympisch vorenthalten, während … nee, keine Diskriminierung anderer Sportarten … also noch mal: Warum? Darum. Einen anderen Grund gibt’s nicht, es sei denn, dass die olympischen Wettbewerbshüter der Ansicht sind, dass das Weibliche in dieser Sportart sowieso schon überrepräsentiert ist, wenn man die mädchenhaften Figuren der meisten Springer betrachtet.
Olympische Sportarten kommen und gehen. Irgendwann wird auch Biathlon in den olympischen Annalen als exotische Zeiterscheinung auf- bzw. abtauchen, ähnlich wie das Tauziehen, das vor hundert Jahren als olympische Kerndisziplin viele Freunde und sogar deutsche Olympiasieger (Athen 1906) hatte.
Überhaupt gibt es außerhalb von Olympia viel mehr ehrenwerte und athletisch anspruchsvolle Sportarten als innerhalb. Nehmen wir nur einmal das Rückwärtslaufen. Hier hält nicht Usain Bolt die Weltrekorde, sondern ein deutscher Athlet namens Roland Wegner, und zwar mit 31,56 über 200 und 13,6 Sekunden über 100 Meter. Nun hat Wegner sogar sein großes Ziel geschafft, Bolts 9,58-Fabelweltrekord zu brechen: 9,34 Sekunden. Zwar nur über 60 Meter, aber immerhin.
Wer Retro-Running, wie das Rückwärtslaufen neudeutsch heißt, milde als sportliche Torheit belächelt, dem gibt Wegner eine frappierende Antwort: »Beim Schwimmen beschwert sich ja auch keiner über die Rückenschwimmer.« Sportlich hochwertiger als das Rod … nein, wir wollten ja nicht diskriminieren, also: Sportlich hochwertiger als das Rückwärtslaufen sind nur wenige Sportarten. Wichtigste Regel: Die Zehen müssen immer in die entgegengesetzte Laufrichtung zeigen. Ansonsten gelten die Regeln aus der Leichtathletik, mit einer Ausnahme: Rückspiegel sind erlaubt (wirklich!). Und noch ein wunderbares Argument für das Retro-Running: In dieser Sportart wird nicht gedopt, obwohl es keine Dopingkontrollen gibt. Weltrekordler Wegners unschlagbar logischer Beweis: »Würden Rückwärtsläufer dopen, wären sie vorwärts doch so gut, um an der Olympiade teilnehmen zu können.«
Auch im Fußball gibt es eine – allerdings sehr inoffizielle – Rückwärts-Disziplin. Als vor kurzem der kolumbianische Torwart Higuita seine Karriere beendete, wurde ihm allenthalben bescheinigt, die tollste Rückwärtsaktion aller Zeiten hingelegt zu haben: 1995, im Wembleystadion, in einem Länderspiel gegen England, flog der Ball auf den als übertypisch torwartverrückten Higuita zu, der tauchte nach vorne ab, schlug die Beine hinten hoch und wehrte den Ball mit der Hacke ab. Doch was ist dieser Taschenspielertrick gegen unseren übertypisch unverrückten Fritz Walter! Als sein 1. FC Kaiserslautern im Oktober 1956 in Leipzig gegen Ostzonenmeister Wismut Aue antrat (und 5:3 gewann), gelang ihm ein Tor, das er in seinem Buch »So habe ich’s gemacht« selbst schildert: »Der von rechts kommende Flankenball senkte sich hinter meinem Rücken. Da ließ ich mich nach vorne fallen, fast in den Handstand und schlug mit der Hacke zu. Aus zwölf, fünfzehn Metern Entfernung flog der Ball haarscharf ins obere Toreck. Dass es ein Tor wurde, war Glück. Dass ich in dieser Situation aber überhaupt an den Ball kam und ihn traf, das war kein Glück.« Denn Fritz Walter hatte diese Aktion geübt und damit schon etwa zehn Tore geschossen – nur waren damals keine Fernsehkameras dabei, und auch vom »Jahrhunderttor« gibt es nur ein einziges verwaschenes Schwarzweißfoto.
Und nun zur Leser-Post: »Sie sind ein total blödes Nazi Arschloch dem man auf keinen Fall die Möglichkeit geben sollte weitere Artikel dieser Art zu veröffentlichen.« Nein, nein, liebe Leser, so werde nicht ich beschimpft, sondern Harald Martenstein, der FC Bayern München unter den deutschen Kolumnisten, der diesen und viele ähnliche Briefe von militanten Radfahrern erhielt, nachdem er in seiner Kolumne bekannt hatte, zwei Rad-Fundis, die mutwillig sein Auto demolierten, als »Nazis« beschimpft zu haben. Unsere Leser schimpfen, wenn sie es denn tun, gesitteter, grammatisch korrekt und witzig. Wie Heinz Pebler, dem ich vorige Woche mit der Geruchsstärke-Einheit »Olf« sogar ein willkommenes Stichwort geliefert habe: »Ihr ewiges Getue mit Jan Ullrich stinkt mir seit langem. Jetzt weiß ich wie viel: mindestens 30 Olf.«
Rüde, aber herrlich. Gefällt mir. Und auch die Kritik von Leser Pebler, ich würde zu oft »auf gefühlte hundert Jahre alte frühere sportliche Leistungen hinweisen, bitte etwas zurücknehmen, unsere Enkel glauben uns das sowieso nicht« nehme ich demütig zur Kenntnis. Zumal ich ja selbst schon den alten Nestor (und mit ihm mich) veralbert habe, weil der einst tönte: »So war ich einst! Damals schien ich hervor unter den Helden.« Wie sich Greise eben glorifizieren. Wir armen, alten Kerle. Wie geht die hessische Nestor-Variante? »Was warn mir Kerle, was hu mir Bäusch«!
Keine Kritik, sondern eine Anregung von Arndt Schöniger aus Rosbach: »›Glocken dürfen in Dakar nicht läuten, weil es die Gefühle der Moslems verletzt‹, ›Gesellschaftspessimist‹, ›abängstende Machmänner‹ u. ä., irgendwie habe ich das Gefühl, dass Sie unterschwellig mit dem Zustand und der Entwicklung unserer Gesellschaft unzufrieden sind.« – Kann man so sagen. Unser Leser schlägt nun vor, dass wir mit Stammlesern einen regelmäßigen öffentlichen Stammtisch veranstalten, »bei dem man mal ausführlicher über diese Sache diskutieren kann«. – Tja, ähnliche Vorschläge erreichen mich immer wieder mal. Ein öffentlicher »Sport-Stammtisch« würde mich aber überfordern. Mein Gegenvorschlag: Wenn Leser in Eigeninitiative solch einen Treff organisieren, komme ich gerne mal vorbei, spätestens zum einjährigen Jubiläum. Versprochen!
Noch einmal zu den unverdient unolympischen Sportarten: Natürlich steht Retro-Running auch in Vancouver nicht auf dem Programm, obwohl Rückwärts-Biathlon oder gar Retro-Springen eine extreme sportliche Herausforderung bedeuten könnten. Ganz zu schweigen vom Sackhüpfen im Tiefschnee – vor allem auf der Langstrecke wäre Ultra-Triathlon dagegen Wellness-Sport für Weicheier. Aber die wirklich allerhärteste Sportart kommt aus Indien: Dort soll ein Fakir seit 1978 seinen rechten Arm nicht mehr bewegt haben, er verharrt in einer in Deutschland streng verbotenen Position. Dass er auch seine Fingernägel seit 1978 nicht mehr geschnitten hat, gehört zwar nicht unbedingt zu den staunenswerten sportlichen Höchstleistungen, aber der erhobene Arm … unglaublich. Im Sinne von: Ich glaub’s nicht. Muskelphysiologisch unmöglich. Versuchen Sie’s mal. Sie schaffen nicht mal eine Stunde. Schon gar nicht, wenn Sie Ihren Rekordversuch in der Öffentlichkeit starten … (gw)
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