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Nach-Lese (13. 2. 2010)

Herzog, wir Kretins, eine
doppelte Neda und Musik
für alle »G«-elegenheiten

Die Uneindeutigkeit des Seins, er lebt sie aus: Werner Herzog, Jury-Präsident der Berlinale, muss nun naturgemäß Filme bewerten, obwohl er in der Welt am Sonntag »das Bewerten« als »die heikle Seite des Ganzen« bemäkelt: »Preise vergibt man am ehesten für einen Zuchtbullen auf der Landwirtschaftsausstellung oder bei Hundeschauen.« Nun vergibt Herzog Preise für Filme auf der Berlinale, die er zuletzt 1992 mit seinem Kuwait-Film »Lektionen in Finsternis« beehrte, was aber gar nicht gut ankam, woran die Süddeutsche Zeitung erinnert: »Man unterstellte Herzog eine Ästhetisierung des Golfkriegs, was, wenn man den Film heute betrachtet, kaum nachvollziehbar ist. Das Publikum brüllte ihn von der Bühne. Draußen spuckte man ihm nach. Herzog sagt: ›Ein Erlebnis, das ich nicht missen will.‹«

In einem Interview-Marathon durch die deutschen Feuilletons legt Herzog in der Welt am Sonntag nach und macht klar, was er von einem Publikum hält, das sein Werk nicht ehrt: »Ich dachte mir: ›Ihr seid alle Kretins, ihr habt alle unrecht.‹ Und das hab ich auch gesagt.« Ganz im Sinne von Klaus Kinski, des Regisseurs Lieblingsfreundfeind.

Herzog haben wir in Deutschland nach »Fitzcarraldo« und »Cobra Verde« kaum noch wahrgenommen. In den USA dagegen, wo er seit 15 Jahren lebt, gilt er als großer Film-Guru. Sein neues Werk heißt »Bad Lieutenant – Cop ohne Gewissen« (mit Nicolas Cage), und da könnte einen Skeptiker das seinsmäßig eindeutige Gefühl beschleichen, dass Berlinale-Rolle, Interview-Marathon und Vermarktung des neuen Films irgendwie zusammenhängen.

Frank Schirrmacher hat mit »Payback« eine Diskussion in den Feuilletons angezettelt. Der Untertitel seines Bestsellers wird rauf und runter definiert und durchdekliniert: »Warum wir im Informationszeitalter gezwungen sind zu tun, was wir nicht tun wollen, und wie wir die Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen.« Die Frankfurter Allgemeine Zeitung startete dazu in dieser Woche »ein für uns überlebenswichtiges Gespräch: Was von den immer gigantischer werdenden Datenbergen sollen wir überhaupt noch in unsere Köpfe hineinlassen, und was sollen wir davon behalten?« Im ersten Beitrag gelingt dem US-Journalisten Stephen Baker ein hübsches Bild: »Informationen waren lange Zeit ein rares Gut. Sie sind es aber nicht mehr. Wir können uns mit ihnen überfrachten. Wir können uns am Ramsch ins Koma saufen.«

Was Twitter- und Facebook-Unkultur anrichten können, erfährt und erleidet eine ehemalige Dozentin für englische Literatur in Teheran, die heute als Asylbewerberin in Deutschland lebt. Das Süddeutsche Zeitung Magazin hat ihre Geschichte recherchiert: »Im Sommer 2009 wurde eine Frau bei den Demonstrationen im Iran getötet, ihr Bild ging um die Welt. Zu oft war es das falsche. Es zeigte Neda Soltani.« Ihr unfassbares Pech: Sie sieht der getöteten Frau sehr ähnlich, die auch noch fast so heißt wie sie: Neda Soltan – beides gängige Namen im Iran, ähnlich wie Schmidt und Schmitt bei uns. Twitterer verbreiteten das bei Facebook gefundene Foto von Neda Soltani über die ganze Welt, und was das für die völlig ahnungslose Frau bedeutete und bedeutet, ist detailliert im Internet nachzulesen – nichts könnte Fluch und Segen dieses Mediums besser kennzeichnen.

Dass die 17jährige Helene Hegemann für ihren Roman »Axolotl Roadkill« von Spiegel bis FAZ, von Zeit bis Süddeutsche Zeitung hymnisch gepriesen wurde und selbst Berufs-Niedermacher wie Maxim Biller sich fast ins Delirium lobsangen, bevor bekannt wurde, dass Hegemann ihren »großen Coming-of-age-Roman-Roman der Nullerjahre« (FAZ) in weiten Teilen von einem unbekannten Blogger abgekupfert hat, passt zur Neda-Causa, hat aber den unschätzbaren Vorteil, dass es hier nicht um Leben und Tod geht, sondern nur um abgrundtiefe Blamagen hochliterarischer Kulturgrößen, denen das Hegefräulein auch noch frech nachruft, sie habe in unseren modernen Zeiten »das Recht zum Kopieren und zur Transformation«.

Gewagter Themawechsel zu einem neuen kulturellen Forschungsziel, dem »G-Punkt«. Die Zeit fragt: »Ja, wo isser denn?«, diese geheimnisumwitterte Stelle im weiblichen Körper. Der Stern forscht mit, sogar in einer Titelgeschichte nach dem Motto: Wenn Frauen immer öfter wollen und Männer immer seltener können. Also, wo ist der G-Punkt? Man müsste Tiger Woods fragen, obwohl die Bild-Schlagzeile »Tiger Woods von Sexsucht geheilt« tiefenpsychologisch manipulierten Informationsverlust befürchten lässt. Aber wir machen wohl viel zu viel Gewese um »diese Sache«. Jedenfalls behauptet die Anthropologin Saray Hrdy im SZ-Magazin, der Höhepunkt der Frau sei »ein Erbe aus ferner Vorzeit« und so überflüssig » wie der Greifreflex unserer Neugeborenen nach einem nicht mehr vorhandenen Fell der Mutter«.

Musik für alle »G«-elegenheiten, dafür war und ist Sade bekannt, die mit »Soldier Of Love« »ein neues Album von gewohnter Qualität aufgenommen hat« (WamS), was böse Zungen auch »wieder die alte Leier« nennen. Aber wir machen hier keine Musik-Kritik, sondern nehmen Sade beim Wort, die im WamS-Interview allen Faschingsmuffeln aus dem Herzen spricht: »Wenn alle herumhüpfen und mir befehlen, mich ja zu freuen, fühle ich mich am traurigsten. Also bitte, lassen Sie mir meine Melancholie!« Zum Glück kennt Sade unseren Fasching nicht, schon gar nicht die gnadenlosen Tele-Versionen von MDR oder RBB, sonst müsste man sich große Sorgen um ihr Wohlergehen machen.

Liebe Faschingsmuffel, lasst den Narrhallesen doch einfach ihren Spaß. Außerdem gibt es ein Narren-Motto, mit dem für mehr als nur ein paar tolle Tage ein uralter Menschheitstraum verwirklicht werden könnte und in das auch Melancholiker mit einem empfindsam gewisperten Helau einstimmen dürfen, denn:
Allen wohl und niemand weh.
Das find’ auch Sade ganz scheh! (gw)

Baumhausbeichte - Novelle