Montagsthemen
Der in der Samstag-Kolumne vorgestellte Olf, das – wirklich offizielle! – Wort für die Einheit der Geruchsstärke, riecht schon jetzt nach einem neuen Lieblingswort für die Olf-erfreute Leserschaft. Zur Repetition: Einen Olf dünstet ein sauberer Normmensch aus, der am Tag 0,7 Duschbäder nimmt (starker Raucher: 25; rackernder Fußballer nach dem Schlusspfiff: 30). Und mindestens hundert Olf stark riecht es nach der Meisterschaft für den FC Bayern München.
Die Bayern sind einfach zu stark für die Liga. Zwar führt noch Bayer, aber das junge Team kann mit seiner labilen Spielfreude einfach nicht gegen das überlegene Potenzial und die innere Souveränität der Münchner anstinken. Sind nur Poschmänner.
Das muss erklärt werden. Wolf-Dieter Poschmann, der am Samstag das Sportstudio moderierte, war einst ein national gutklassiger Langläufer und gewann sogar mit dem TV Wattenscheid (und mit »gw«) mehrmals das, was selbst den Van-Gaal-Bayern so schnell nicht gelingen wird: den Europapokal der Landesmeister. Die wichtigsten Siegpunkte machten allerdings andere, nicht »gw« und auch nicht Poschmann. Dieser nämlich gab stets den tragischen Helden: Mutig rackerte sich der trainingsfleißige, aber nicht von der finalen Talentmuse geküsste Poschmann an der Spitze ab, rundenlang, mit schwerem Schritt, stets hoffend, die Führung bis ins Ziel zu verteidigen, um aber immer – immer! – in den letzten Runden von der leichtfüßigen Konkurrenz locker überspurtet zu werden und enttäuscht als Dritter, Vierter oder Fünfter ins Ziel zu traben.
Wenn’s drauf ankommt, nach hinten durchgereicht zu werden – ein Schicksal, das uns verbindet. Aber das ist ein anderes Thema. Wie hochgradig olfig es nach Bayern-Titel riecht, dazu ein anderes sportliches Beispiel: Man spielt im Schach gegen einen Besseren, nennen wir ihn FCB, glaubt aber, nach dem 21. Zug leichte Vorteile zu haben, weiß jedoch nicht, dass der Großmeister auf der anderen Seite des Brettes schon ein Matt in 13 Zügen abzuspulen beginnt, ein unabwendbares, von dem man selbst noch gar nichts ahnt.
Gegen den DFB scheint Bierhoff Räuberschach spielen zu wollen. Bei dieser Variante gewinnt, wessen Spielsteine komplett geschlagen werden, von Turm Köpke über Läufer Flick bis Dame Löw. Auch hier muffelt es so olfig wie nach einem Fußballspiel in der Kabine. Für Christian Lugerth riecht es »im höchsten Maße olfaktorisch auffällig: Egowucherungen? Fehlgeschlagene, weil zu offensichtliche, Sammerverhinderungsstrategien? Das Rollback der alten Betonköpfe? Rothaarige Bild-Informanten? Rückwirkende Sommermärchenbonuszahlungen? Erste Löwsche Absetzbewegung Richtung Türkei? Die Ohrfeige für Bierhoff, die Ballack nach dem EM–Finale in der Hosentasche steckenließ, um sie sich später beim Bandscheibenprinz Poldi abzuholen? Oder nur ein högscht seltsames Geburtstagsgeschenk von Theo und Co. für Jogi? Vivat dem Kaffeesatz!« – Ein Vivat auch dem Anstoß-Stammleser und Schauspieler Lugerth für dieses Solo-Programm, eine Zugabe für seinen Beitrag vom Samstag.
Unüberbietbare Olf-Werte wehen übel von der Insel herüber. John Terry wird als Kapitän der englischen Nationalmannschaft abgesetzt, weil er die Freundin eines Mannschaftskameraden geschwängert haben soll. So etwas ist zwar im Fußball nicht unüblich und bei den Reitern sogar die Regel, aber Terry soll auch die Abtreibung bezahlt haben, und da dieser private Schlamassel in die Schlammspalten der britischen Presse geriet, musste Löws Kollege Capello öffentliche Scheinmoral praktizieren. Scheinmoral, weil: Terry wurde früher schon verhaltensauffällig, weil er hohe Summen verzockte, sich private Führungen über das Chelsea-Klubgelände heimlich bezahlen ließ, konsequent auf Behindertenplätzen parkte und am 12. September 2001 US-Touristen wegen des 11. Septembers verhöhnte. All das galt, neben den obligatorischen Sauftouren, als übliche britische Kicker-Art. Dass Terry jetzt abgesetzt wurde, macht ihm nicht viel aus, denn er ist fest davon überzeugt, »wieder Kapitän zu werden, wenn sich die Wogen geglättet haben«. Trost der von Terry unbehelligten (oder es noch nicht wissenden) Mannschaftskameraden ist ihm gewiss. Selbst Ballack nahm ihn jüngst nach dem Schlusspfiff demonstrativ in die Arme.
Da fällt mir neben Olf ein anderes hübsches Wort ein, gefunden in Grimms Wörterbuch, das es seit 2004 auch digital gibt. Dort kann man sich festlesen wie in einem spannenden Roman. Wie reich doch die deutsche Sprache ist! Und wie sehr sie verarmt! Zu Unrecht vergessen sind wunderschöne Wörter wie »abängsten« (= durch Angst ermatten) oder auch der »Machmann«, obwohl er die Mehrzahl unserer heutigen männlichen Sport-, Fernseh- und sonstigen Prominenz treffend charakterisiert: »Einer, der einen Mann macht, nur vorstellt, ohne es zu sein, Scheinfigur.«
Aber sind wir nicht alle nur abängstende Machmänner? (gw)
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