Sport-Stammtisch
Die Flugangst des Paolo Guerrero (und von gw) beschäftigt unsere Leser in einem Maße, das in mir den klammheimlichen Verdacht aufkeimen lässt, einer Volkskrankheit auf die Spur gekommen zu sein. Danke, liebe Schicksalsgenossen, für Trost und Zuspruch.
Bei Guerrero bleibt Werner Walther (Bad Nauheim) aber skeptisch: »Wo war seine Flugangst auf dem Weg in die Heimat? Ich werde den Eindruck nicht los, dass da persönliche Gründe vorliegen, den Heimaturlaub zu verlängern.« Nein, so misstrauisch will ich nicht sein. Zumal ich weiß, dass Flugangst kommt und geht, wie sie will. Nie stieg ich gelassener in ein Flugzeug als zwei Tage nach dem 11. September 2001 in Heraklion: Alle Passagiere waren bleich vor Angst, so dass ich das Gefühl hatte, sie paniken für mich mit, da brauch ich mich nicht auch noch aufzuregen. Den Flug nach Frankfurt genoss ich wie eine Reise auf einer alten griechischen Fähre in der Ägäis. Meine Lieblings-Fortbewegungsart auf Reisen erwähne ich nur, um das Unrationale der Flugangst zu verdeutlichen, die objektiv ebensowenig nachzuvollziehen ist wie mein wohliges Sicherheitsgefühl auf untergangsgeweihten ägäischen Rostkisten.
Vielleicht spielt dabei eine Rolle, was Christian Lugerth, der Gießener Schauspieler, zu erzählen weiß: »Da muss ich immer an eine Geschichte denken, welche mein alter Deutschlehrer anno 1973 gerne zum Besten gab. Die ging so: Damals, als Königin Victoria noch Indien regierte, wurde ein Sadhu – so nennt man einen heiligen Mann in Indien – von einem britischen Regierungsvertreter zu einer Fahrt in seinem neu erworbenen Automobil eingeladen. Nach wenigen Minuten jedoch bat der Sadhu, das Auto anzuhalten, stieg aus und setzte sich an den Straßenrand, um zu meditieren. Als man ihn fragte, warum er dies tue, antwortete er: ›Meine Seele muss nachkommen. Sie ist etwas langsamer als Euer Automobil.‹« – Und auf der Fähre kommt meine Seele mit! Fröhlich an der Reling baumelnd, nicht über sie… nun ja, dazu meint Christian Lugerth: »Und, ganz nebenbei, wer schon mal richtig seekrank war, fliegt dann doch.«
Ich schwör’, so wahr ich Ulle-Fan bin: Jan Ullrich hat sich tatsächlich per Mail für die vielen Kolumnen bedankt, in denen ich ihm die Treue gehalten habe. Andreas Kautz wollte es erst nicht glauben, ist nun aber überzeugt. Leser Kautz war übrigens einer der Nieder-Florstädter Fans, die einst per Wohnmobil zur Tour fuhren und dort »gw« neben »Jan Ullrich« auf der Straße verewigten – der Fotobeweis wird auf ewig seinen Ehrenplatz in der Redaktion behalten!
Auch die Mails der Leser werden in Ehren gehalten, obwohl ich nicht allen antworten oder sie hier erwähnen kann. Zwei für alle: Walther Roeber fiel »die furienhaft wirkende Mutter von Andy Murray während des Finales der Australian Open« unangenehm auf, und Heinz Wenzel »beschäftigt Ihre Bemerkung von der ›unangenehmeren Hoeneß-Variante‹ in Wolfsburg. Einfach so ein Adjektiv, keine Begründung. Es ist mir auch nicht so wichtig zu wissen, wie dies Urteil zustande kam. Aber schön, dass der Anstoß immer wieder solche Sätze hat, die sich im Hirn des Lesers festsetzen.«
In meinem Hirn festgesetzt hat sich der Spruch jenes Mannes, der vor Jahren als Großaktionär bei der finanziell und sportlich darbenden Dortmunder Borussia mit der Drohung einstieg: »Diesen Saustall muss man ordnen.« Eine seiner ersten Maßnahmen: Er setzte eine Millionen-Prämie für den Gewinn der Meisterschaft 2006 aus. Ich ließ mich nicht lumpen und setzte als Großaktionär des hessischen Herzens unserer Eintracht die ähnlich realistische Prämie aus von einer Fantastillion für den Gewinn der Champions League 2007.
Florian Homm war früherer Basketball-Juniorennationalspieler, sein Großonkel hieß Josef Neckermann, mit 18 Jahren gründete Homm seine erste Investmentgesellschaft, mit 23 hatte er die erste Million im Portemonnaie … und heute lese ich im »Spiegel«, dass »der vor gut zwei Jahren untergetauchte deutsche Hedgefondsmanager womöglich vor erbosten Investoren« geflüchtet ist, denen ein »Schaden von beinahe 200 Millionen Dollar angerichtet« worden sei. Das allerdings wäre mangels Masse beim BVB gar nicht möglich gewesen.
Aus Proporzgründen vor der Eintracht-Partie in Dortmund ein weiteres Zitat aus dem Polizei-Bericht: »Bild« meldet: »Ex-Eintracht-Boss Ohms zu Arbeit verurteilt – 150 Stunden wegen falscher eidesstattlicher Versicherungen der Vermögenslosigkeit«. Da fällt mir ein, dass einmal eine Untersuchungskommission den Verdacht klären sollte, in der Ära Ohms habe es Schmiergeldzahlungen gegeben. Man munkelte, auch an Journalisten. Damals fragte ein interessierter Anrufer, was »gw« davon wisse, oder ob er vielleicht gar…, »gw« habe doch viel über die Eintracht geschrieben…, zwar auch kritisch, aber immerhin… Empört wies ich den Verdacht zurück, insgeheim aber tief beleidigt, dass ich in der mittelhessischen Provinz, weit ab vom Schuss großstädtischer Meinungsmacherei, offenbar als zu unerheblich und daher des Schmierens nicht würdig befunden worden war. Sonst …
Schmiergeld, Polizei-Bericht … ganz schön kriminell heute! Bei den letzten Winterspielen in Turin flogen österreichische Langläufer und Biathleten aus der Gruppe des Trainers Walter Mayer als Blutdoper auf. Mayer raste in einer Amok-Fahrt der Polizei davon, wurde später verhaftet, wieder freigelassen, genoss, obwohl von Olympia ausgeschlossen, hochrangigen Schutz und plant sogar, in Vancouver aufzutauchen. Er sei zwar »aufs Existenzminimum gepfändet, aber es gibt Österreicher, die mir diese Reise finanzieren würden«.
Tja, dann greife ich mal in meinen Themen-Zettelkasten, in dem seit Jahren eine merkwürdige Meldung liegt: Ein österreichischer Verleger zahlte 2007 290 000 Euro für die Exklusivrechte an Mayers Memoiren und wies vorwärtsverteidigend gleich ein böses Gerücht zurück: »Das ist kein Schweigegeld, sondern als Redegeld gedacht.« Wer’s glaubt, glaubt auch, dass die Memoiren des Intimkenners des Dopings, seiner Profiteure und Förderer irgendwann erscheinen werden.
Die Sache stinkt. Mindestens hundert Olf! Das Wort für die Einheit der Geruchsstärke kommt, wie mein alter Freund Brockhaus (Jahrgang 55) weiß, aus dem Lateinischen (»nervus olfactorius« – Riechnerv). Ein Olf, das ist der Geruch, der von einem Menschen ausgeht, der am Tag 0,7 Duschbäder nimmt (wie immer dieser Normmensch das auch anstellen mag). Ein zwölfjähriges Kind muffelt zwei Olf aus, ein starker Raucher eklige 25, und ein Fußballer bringt’s nach dem Spiel auf schweißtreibend ehrliche 30 Olf. Wenn die Eintracht morgen gewinnen will, muss sie gegen Klopps 30-Olf-BVB mindestens mit 40 Olf kontern. Vielleicht macht dann ja auch Caio den Unterschied – seinen Olf-Wert hat er dem Vernehmen nach bereits gesteigert, von 0,7 auf den Wert des Zwölfjährigen. Wenn er noch eine Schippe Schweiß draufpackt, schafft er 25 Olf, dampft dann auch als Nichtraucher aus allen Poren und kann endlich zu den Toren verhelfen, die manche Toren ihm schon als Olf-Dreiviertelduscher zugetraut hatten. Na, dann riecht mal schön! (gw)
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