Archiv für Januar 2010
Zwischen Dulden und Aufbegehren (Friedrich Torberg: “Mein ist die Rache”)
Es ist einer der berühmtesten letzten Sätze der Literaturgeschichte, mit denen Friedrich Torbergs Novelle »Mein ist die Rache« endet, die nun in kommentierter Neuausgabe vorliegt, herausgegeben und mit einem – sehr lesenswerten, ausführlichen und informativen – Nachwort von Marcel Atze.
Den Satz verraten wir natürlich nicht, zu groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass ihn manche Leser (wie zuvor der Schreiber dieser Zeilen) nicht kennen, die das Taschenbüchlein in die Hand nehmen, das aus Anlass des 100. Geburtstages von Torberg erschienen ist.
Nur soviel, auch wenn der Vergleich ungebührlich erscheint: Der Satz trifft ebenso unvermittelt, überraschend, den Atem verschlagend, wie es damals einem jungen Leser erging, der in Agatha Christies »Alibi« neugierig und spannungsgeplagt ins letzte Drittel des Buches linste – und total perplex feststellte, dass »Ich« es war . . .
Wirklich nicht zu empfehlen, den letzten Satz vorab zu lesen, zumal er sehr umstritten ist: »Mein einziger Einwand ist gegen den Schluss. Vielleicht zu gut pointiert« (Max Brod). Torberg erwiderte dem Freund: »Ich hatte aber wirklich keine literarische Superpointe beabsichtigt, sondern es schien mir eine ganz selbstverständliche Abrundung des Wahnsinnsbildes, das von Aschkenasy doch entstehen muss.«
Aschkenasy, das ist jener hagere Mann, den der Erzähler der kurzen Rahmengeschichte im November 1940 am Pier von New Jersey immer wieder dann trifft, wenn ein Schiff aus Europa ankommt. Der namenlose Erzähler erwartet und empfängt geflohene Freunde, Aschkenazy bleibt stets alleine. Wartet er? Auf wen?
»›Verzeihen Sie‹, sagte ich. ›Ich sehe Sie nun schon so oft hier am Pier – erwarten Sie jemand Bestimmten?‹ (…) ›Jemand Bestimmten?‹, fragte er nachdenklich und senkte den Kopf.«
Nein. Aschkenazy wartet auf niemand Bestimmten.
»›Aber ich warte auf fünfundsiebzig. Und keiner kommt.‹«
Der Erzähler fragt nach, Aschkenazy willigt ein, seine Geschichte zu erzählen. »›Aber ich warne Sie!‹ sagte er plötzlich. ›Es ist keine Geschichte, die man nur so zum Zeitvertreib erzählen und zum Zeitvertreib mit anhören kann.‹«
Und die man auch nicht zum Zeitvertreib lesen kann – die Geschichte jenes Konzentrationslagers, in dem ein neuer Lagerkommandant den Befehl zur Ausrottung des Weltjudentums ganz persönlich in die Hand nimmt.
Die Novelle, erstmals erschienen 1943 in Los Angeles, ist schwer erträglich, aber nicht aus der Hand zu legen, bis zum bitteren Ende. Sie thematisiert schon früh ein jüdisches Trauma, den Zwiespalt zwischen Dulden und Aufbegehren, und sie zieht den gebannten und geschockten Leser so intensiv in diesen Zwiespalt hinein, dass er die grauenhaften Geschehnisse fast wie einer der fünfundsiebzig Lagerhäftlinge miterleidet.
Generationen von Schülern haben Torbergs berühmtestes Buch gelesen, den »Schüler Gerber«, und sie werden in »Mein ist die Rache« durchaus Parallelen finden zwischen dem sadistischen Lehrer Artur Kupfer aus Torbergs Debüt und dessen logischer Fortsetzung, dem brutal-abartigen SS-Offizier Hermann Wagenseil mit seinen perversen »pädagogischen« Vorlieben.
Eigentlich hat diese Novelle nicht 75 Seiten, sondern 150 – denn sie liest sich nach dem Knalleffekt des Schluss-Satzes noch einmal unter einer ganz anderen Perspektive.
Und ob dieser letzte Satz nur eine willkürlich gesetzte Pointe ist oder die zwingende Folge des Erzählten – das mag jeder Leser für sich selbst entscheiden. (gw/18.102008)
Friedrich Torberg: »Mein ist die Rache« (herausgegeben mit einem Nachwort und einer Zeittafel von Marcel Atze – dtv – 7,90 Euro – ISBN 978-3-423-13686-0)
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8. Januar 2010 .
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Wenn die Vergangenheit im Buche steht (Anne Chaplet: Schrei nach Stille)
Eine Bestseller-Autorin, die langsam das reifere Alter erreicht, kehrt aus der Großstadt in das Dorf zurück, in dem sie in ihrer Jugend einen rauschhaften »summer of love« erlebt hatte. Geplagt gleichermaßen von auftauchenden Erinnerungen und abtauchendem Gedächtnis, lebt Sophie Winter alleine in dem Haus, das sich zu wehren scheint gegen seine neue, alte Bewohnerin. Scheinbar Unerklärliches geschieht, und Unerklärtes, das in der Vergangenheit geschehen ist, meldet sich zurück – nicht nur bei ihr, sondern auch in den Köpfen der damals Beteiligten oder Wegschauenden.
Eine Vergangenheit, wie sie buchstäblich im Buche steht. Denn der Polizist Giorgio DeLange, der in der Öffentlichkeitsabteilung des Frankfurter Polizeipräsidiums arbeitet und dort auch für das Polizeimuseum zuständig ist, entdeckt im Archiv verblüffende Gemeinsamkeiten in Winters Roman mit der Wirklichkeit: Drei Hippies, Charles und die beiden Frauen Angel und Sascha, ziehen Ende der 60er Jahre aus Frankfurt nach Klein-Roda, das Dorf grummelt zunächst nur gegen die allzu freizügigen und freisinnigen Landplagen, doch schon bald schlagen Abneigung und Unverständnis in Aggression um, es kommt zu Gewalttätigkeiten, Sascha verschwindet spurlos, Charles und Angel fliehen aus dem Ort, trennen sich und kehren nie mehr nach Klein-Roda zurück – doch vierzig Jahre danach erscheint Sophie Winter auf der Bildfläche und beschuldigt in ihrem Roman die Dorfbewohner offen des Mordes. Und abermals ist jemand auf unerklärliche Art verschwunden und bleibt es auch: ein aufgeweckter Junge aus dem Dorf.
Die Geschichte durchweht ein Geheimnis, dessen Auflösung wir gebannt herbeilesen wollen, aber in ständiger Furcht, dass die Lösung keine Erlösung ist, sondern uns von den liebgewonnenen Klein-Rodaern entfremdet. Ob die Angst berechtigt ist? Wir kennen doch Klein-Roda . . .
In Anne Chaplets letzten Romanen spielten der ihren Lesern ans Herz gewachsene Paul Bremer und Klein-Roda nur eine winzige Neben- (»Sauberer Abgang«) bzw. gar keine Rolle (»Russisch Blut« und »Doppelte Schuld«, das Roman-Duo um die Tierärztin Katalina Cavic). Diesmal mischt der zugezogene Großstädter Bremer wieder fleißig mit, wie auch seine und unsere alte Frankfurter Freundin, die Staatsanwältin Karen Stark. Dazu kommt Chaplets neuer Protagonist Giorgio DeLange, der wohl auch in ihren künftigen Romanen das Duo Bremer/Stark zum Trio erweitern dürfte, denn in ihn scheint sich seine Schöpferin Hals über Kopf verliebt zu haben. Daher gönnt sie dem alleinerziehenden Vater zweier halbwüchsiger Töchter auch eine neue Liebe, die in rekordverdächtigem Tempo ausbricht und Erfüllung findet. Für zaghaft-zurückhaltende Liebes- und Lesegemüter vielleicht der einzige »Kritikpunkt« an diesem wunderbaren Roman – aber gestehen wir zu, dass im merkwürdigen Verhalten geschlechtsreifer Großstädter nicht lange gefackelt wird, seit die 68er uns – na ja, einigen von uns – die sexuelle Revolution gebracht haben.
Die besondere Zuwendung der Autorin gehört aber auch einer starken, reifen Frau mit einem dunklen Geheimnis, einem kleinen Knacks und einem großen Problem, an das sie sich paradoxerweise erst zu erinnern beginnt, je mehr ihr das Gedächtnis verlorengeht. Eine ähnlich eindrucksvolle Frauengestalt spielte zuletzt auch in »Doppelte Schuld« eine tragende Rolle – rätselhafte weibliche Wesen, die den Leser faszinieren, auch oder gerade weil sie nicht seine ungeteilte Sympathie gewinnen (wollen).
Sehr angenehm auch, dass wir nicht über innere Unstimmigkeiten oder liegengelassene Handlungsfäden stolpern. Da hat sicher die »taffe«, nüchterne, logisch-analytische Top-Journalistin Cora Stephan ihr alter ego Anne Chaplet energisch an die Hand genommen.
Seit »Caruso singt nicht mehr«, ihrem genialen Erstling, produziert Anne Chaplet Jahr für Jahr Krimis der gehobenen Güteklasse. Hier übertrifft sie aber alles Bisherige. Souverän und mitreißend erzählt, spannend und stimmig bis ins Detail, erfüllt »Schrei nach Stille« die Wunschvorstellung aller Roman-Leser: Auf hohem literarischem Niveau sehr gut unterhalten zu werden.
Ob das unter dem Markenzeichen »Krimi« geschieht, spielt dann nicht mal eine geringe, sondern gar keine Rolle mehr. (gw/16.7.2008)
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Klappentext (22.3.2008)
Zugegeben, mit Douglas R. Hofstadters Weltsupermegasensationshit »Gödel, Escher, Bach« habe ich gefremdelt. Vor knapp 30 Jahren erschienen, galt es sofort als eines der ungewöhnlichsten Bücher des ausgehenden 20. Jahrhunderts und entwickelte sich schnell zum Kultbuch für Computerfreaks und Fans der künstlichen Intelligenz. Auch weniger IT-Gläubige kauften das angesagte Werk, begannen zu lesen, blätterten ratlos weiter und stellten es in den Bücherschrank (so funktioniert das Bestseller-Prinzip, doch das ist ein anderes Thema).
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Nun kann ich verpasste Erkenntnisse nachholen, denn Douglas R. Hofstadter legt mit »Ich bin eine seltsame Schleife« (Klett-Cotta – 29,50 Euro – ISBN 978-3-608-94444-0) einen »Gödel, Escher, Bach für alle!« nach (Verlagsankündigung). Der weltberühmte Kognitionswissenschaftler erklärt, warum es menschliches Bewusstsein gibt, und behauptet, dass unser Selbstbewusstsein die Gestalt einer Schleife annimmt.
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Auch Hofstadters Gedanken kreisen also immer nur um die dreifache Urfrage ersten Erkenntnisdämmerns, heute ungelöst wie eh und je, obwohl es schon Millionen Antworten gab: Wer bin ich? Was bin ich? Was wird aus mir? Und dunkel schwant uns: Alle Welt- und Seinserklärungsmodelle, vom Vorsokratiker über den Druiden bis zum Hirnforscher, sind nur Hilflosigkeitserklärungen.
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Aber bei diesem neuen Hofstadter fremdele ich nicht. Im Gegenteil, es funkt, wenn er funkelt. Noch stecke ich in den Anfangskapiteln, schneller geht’s nicht, denn mit jeder Seite gelingt es Hofstadter, den Leser zu eigenen Gedanken anzustiften, und auch die können lange, seltsame Schleifen werden, bevor sie zum Buch zurückkehren. Höher ist kein solches Buch zu preisen: Hofstadter, ein begnadeter Animateur des Denkens über Sein, Sinn und Selbst.
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Viele Hirnforscher behaupten ja, im Kopf herrschten nur Moleküle und Stromkreise, die uns in darwinistischer Überlebensstrategie »Seele« (oder auch »Gott«) nur vorgaukeln. Nun könnte man bei solch desillusionierender Aufklärung trübsinnig bis zur Suizidgefährdung werden. Aber die moderne Wissenschaft bietet auch Rettungsanker, denn viele Hirnforscher sind sich auch einig, dass das Hirn sich eine eigene Wirklichkeit zusammenzuschustert – zum Beispiel jene der Seelenlosigkeit der Gehirn-Maschine Mensch.
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Die Besten von ihnen scheinen zu wissen, was von ihrer Zusammenschusterei zu halten ist. Andrej Dimitriwitsch Linde, der geistige Vater des überlichtschnellen Atomkerns, des Ur-Alls vor dem Ur-Knall, soll zwar, nachdem er auf seine Theorie gestoßen war, seiner Frau zugerufen haben: »Jetzt weiß ich, wie Gott das Universum erschuf« – aber erstens hat bisher noch jeder Ehemann seiner Frau das Universum erklärt, und zweitens tat Linde später als Professor-Guru in Stanford alles, um seiner Fachwelt die Augen zu öffnen: Bei Vorträgen warf er gerne statt Formeln selbstgezeichnete Comicstrips an die Wand, und wenn seine Zuhörerschaft letztgültige Wahrheiten erwartete, setzte er sich schon mal eine Nadel an die Stirn und zog sie am Hinterkopf wieder hervor: Alles nur Simsalabim!
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Dass der große Gedankenanreger Hofstadter auch Schabernack im Sinn hat, beweist er mit der Aufnahme eines »Peanuts«-Comics in sein Buch: Linus, Lucy und Charlie Brown liegen auf einer Wiese und starren in die Wolken. Lucy: »Was siehst du, Linus?« – Linus: »Die Wolke da oben sieht ein bisschen aus wie das Profil von Thomas Eakins . . . und die Wolkengruppe da drüben erinnert mich an die Steinigung des Stephanus . . . «
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Undsoweiter undsoweiter. Lucy: »Wow, das ist gut . . . und was siehst du in den Wolken, Charlie Brown?« – Dieser, intellektuell eingeschüchtert: »Ach, ich wollte sagen, dass ich ein Entchen und ein Pferdchen sehe, aber ich hab’s mir anders überlegt.«
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Warum denn, Charlie, du seltsames Schleifchen!? Mit deinen Entchen und Pferdchen bist du seinsmäßig weiter als alle Linusse! (gw)
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8. Januar 2010 .
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Klappentext (29.12.2007)
Literarisch leider nur gut gemeint – wie Bölls späte Romane, doch dazu später – war vieles von dem, was als Buchgeschenk den Gabentisch, nun ja, zierte? Für Enttäuschte und Selbsterwerber empfehlen wir als Rezept gegen Lese-Frust . . . nein, empfehle ich, denn meine Tipps sind zu subjektiv, um im Pluralis daherzukommen, weder im auftrumpfenden majestatis noch im bescheidenen modestiae . . . Bernd Pfarrs Sondermann plus Thurber, Schulz und Borowiak (siehe »Der Welt die Realität austreiben«)
*
Wenn Sie mir, liebe Leser, schon so persönlich kommen, hier meine drei Lieblingsbücher des Jahres: Auf Platz eins das nun allerdings von mir schon oft genug und heute wieder (Blick nach rechts) gepriesene »Ouzo-Orakel« von Frank Schulz, gefolgt auf Platz zwei gleichauf von »Am Strand« (Ian McEwan / Diogenes / 18,90 Euro / ISBN 978-3-257-86163-1)) und »Der Mond und das Mädchen« (Martin Mosebach / Hanser – 17,90 Euro – ISBN 978-3-446-20916-9).
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»Am Strand«: Es ist die große Liebe, zweifellos. Aber nicht nur »das Bett ächzte klagend, sobald sie sich bewegten«: Edward und Florence bereiten sich im Juli 1962 auf ihre Hochzeitsnacht vor. Florence »plagt ein hilfloser Widerwille so heftig wie die Seekrankheit«. Fassungslos fragt sie sich: »Wurde von ihr etwa erwartet, dass sie sich in dieser Nacht für Edward in ein Portal verwandelt, eine Art Vorhalle, durch die er Einzug hielt?« Dagegen hatte »Edwards einziger bedeutsamer Beitrag darin bestanden, sich eine Woche lang Enthaltsamkeit aufzuerlegen«. Mit fatalen Folgen: Florence legt »die Finger sanft um dieses seltsam haarige Etwas, das sie in ähnlicher Form von Hunden und Pferden kannte, auch wenn sie bislang nie recht geglaubt hatte, dass derlei an erwachsenen Menschen vorkam« – und ein Tsunami der Liebe überflutet sie. Angeekelt flieht sie zum Strand.
Der Rest ist . . . Schweigen?
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»Der Mond und das Mädchen«: Der feinziselierte, seriös-hintergründige Humor erinnert an Vicco von Bülow, und die Handlung liest sich wie eine Fortsetzung von McEwans »Am Strand«. Mosebachs Paar hat die Hürde der Hochzeitsnacht übersprungen – doch dann lauert ihm das wahre Leben auf in einer trostlosen Wohnung im trostlosen Frankfurter Bahnhofsviertel, das allerdings nicht beiden gleichermaßen trostlos erscheint. Nur das Buch ist nicht trostlos, im Gegenteil, es ist ein kleiner (191 Seiten), feiner, eleganter Roman eines großen Könners.
*
Heinrich Böll – auch ein großer Könner? Robert Gernhardt: »Er war immer erste Sahne / wären da nicht die Romane«. Sehr böse. Und die alte Diskussion wurde rechtzeitig zum 90. Geburtstag (21. Dezember) des guten Menschen von Köln aufgewärmt. Gebrauchsliteratur für das schlechte Nachkriegs-Gewissen von Dr. Lieschen Müller? Die Kritiker machen es sich zu einfach oder haben zu wenig von Böll gelesen, zumindest nicht die lakonischen Kurzgeschichten und die frühen Romane wie »Wo warst du, Adam« oder »Ansichten eines Clowns«, sie alleine rechtfertigten schon den Nobelpreis, waren einfach gut – ist der subjektive Eindruck eines Böll-Fans der eigenen frühen Jahre. Erst ab »Ende einer Dienstfahrt« ging’s bergab, die späte Betroffenheits-Prosa war nur noch gut gemeint.
*
Ähnlich geht es mir mit einem anderen deutschen Großpoeten, nur rutscht er nicht von gut auf gut gemeint ab, sondern glitscht von erotischem Gebeuteltsein zu lippenschnalzender Altersgeilheit. Wer? Ich verrat’s nicht. Außerdem hat da jeder seinen eigenen Favoriten, stimmt’s? (gw)
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8. Januar 2010 .
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Der Welt die Realität austreiben (Bernd Pfarr)
Bernd Pfarrs gesammelter Sondermann, ein Prachtband dank Witwe – Lobpreisung mit Abschweifungen
Das Bild: Ein Mann mit Skiern an den Füßen, Taucherbrille auf der Nase und einer Hantel in den Händen springt vom Zehnmeterturm ins Wasser. Der Text, ein hoch empörter Ausruf: »Ist das noch Fußball!?«
Ist das noch Humor? Manche schmeißen sich weg, andere schauen ratlos auf Bernd Pfarrs Cartoon, ein Running Gag unserer Sport-Kolumne »Anstoß«, und suchen vergeblich nach dem Witz im Witz.
Was ist Humor? Wie wird er definiert? Berufenere haben sich daran abgearbeitet, wir lassen das lieber und geben zu: keine Ahnung. Nur eine vage Vermutung: Humor ist Ausdruck einer Lebenshaltung. Jeder hat seine(n) eigene(n). Und lacht sogar selbst nicht immer über das Gleiche. Auch der größte Freund des schwarzen Humors wird nicht mit dem Entsetzen Scherz treiben und dem trauernden Angehörigen eines Opfers den tollen Witz vom Flugzeugabsturz erzählen. Aber wenn er selbst im abstürzenden Flugzeug sitzt, da würde er den gleichen Witz vielleicht sich selbst und seinem Nebenmann erzählen, als Sterbehilfe für Fortgeschrittene. Denn eine Form der Lebenshaltung, eine Art Humor zeichnet sich zwar durch Diskriminierung von Minderheiten aus, aber nur der kleinstmöglichen aller Minderheiten, dem eigenen Ich.
Auch über Bernd Pfarrs Sondermann kann nicht jeder lachen, und über den, der zum Beispiel über »Sondermann streikt« nicht lacht, sollte man auch nicht humorverächtlich lachen – es sei denn, derjenige lacht dann doch, weil er den Witz zu verstehen vorgibt: »Neger kann nicht deutsch, hahaha.« Den wahren Witz im Pfarr-Cartoon, ihn kann man nicht erjagen, nur erfühlen.
Manchmal aber hilft beim Humor etwas Fachwissen. Wer bei Pfarrs Turmspringer nicht weiß, dass in beinahe jeder Sportreportage, fast jedem Sportlerinterview ein entrüstetes »Das hat mit Fußball nichts mehr zu tun« auftaucht, wird den Witz nicht voll auskosten können.
Abschweifung: Auch bei James Thurbers lakonischem Text zu seiner Zeichnung eines Fecht-Duells ist ein bisschen Fachwissen hilfreich: Mit »Touché!« gab man im Fechten der vorelektronischen Ära vornehm und fair auf Französisch an, getroffen zu haben oder zu sein – beim großen US-Humoristen Thurber, auch als Zeichner ein Lakoniker, fliegt der abgeschlagene Kopf eines in der Tat getroffenen Fechters durchs Bild, der auch mit seinem letzten Wort noch Contenance bewahrt: »Touché!« (James Thurber, 1961 gestorben, kam 2006 durch Enzensbergers »Andere Bibliothek« zu späten Ehren in Deutschland / James Thurber: »Vom Mann, der die Luft anhielt« – Eichborn – 28,50 Euro – ISBN 3-8218-4566-X).
Auch Bernd Pfarr ist schon tot, viel zu früh gestorben, 2004, gerade mal 45 Jahre alt. Krebs. Seit 1987 bis zu seinem Tod entstanden im Satire-Blatt Titanic über 500 Blätter mit dem sonderbaren Sondermann, die nun endlich komplett in einem großen Prachtband erschienen sind, herausgegeben von Pfarrs Witwe Gabriele Roth-Pfarr.
Bernd Eilert, Klassenkamerad aus der neuen Frankfurter Schule: »Bernd Pfarr hat sich mit seinen Zeichnungen gegen die Verbesserung der Welt entschieden und für die Verbesserung der Laune des Betrachters.« Mit Verlaub: Nicht jedes Betrachters, es kommt auf dessen Haltung an. Mario-Barth-Fans werden nicht unbedingt etwas anfangen können mit dem Bild des im Zimmer an der Wand stehenden Mannes mit dem kleinen Hut und dem zart-innigen Text: »Manchmal hatte Sondermann keine Lust zum Fotografieren. Dann stand er still im Zimmer und schmiegte seine Hand weich an die Tapete.« Nicht zum Brüllen witzig, sondern zum Weinen schön.
Einige der Sondermann-Bilder wurden von einer Titanic-Redakteurin namens Simone Borowiak betextet. Sie dichtete auch, ohne Pfarr-Bildvorlage, unter dem Titel »Hessen nimmt Abschied« über den an Aids gestorbenen Queen-Sänger Freddy Mercury: »Mit fünfundverzisch war schon Schluss, / Des kam vom vielen Koitus. / Der Fred war schwul als wie die Nacht, / drum hat er’s auch nicht lang gemacht. / Dabei konnt’ der doch so schön singe! / Was muss er da noch Kerls bespringe! / Wär er net rein in jedes Bett, / könnt’ er noch leben, unsän Fred.« Zu witzig für eine Frau? Deshalb heißt Simone nach einer Geschlechtsumwandlung Simon. Was nun wirklich nicht witzig ist, aber vielleicht einen weiteren Weg zur Lebenshaltung Humor weist: Wer die Irrwitzigkeit des Lebens am eigenen Leib und in der eigenen Seele hautnah spürt, der hat die kürzeste psychosomatische Verbindung zu irrem Witz. Das ist manchmal nur mit Alkohol auszuhalten, scheinbar – mehr dazu lese man in Simon Borowiaks einzigartigem Erfahrungsbericht »Alk«, »ein Fachbuch von einem Betroffenen ohne Betroffenheit, im Dienst von Aufklärung, Verständnis, Naturwissenschaft und Komik« (Simon Borowiak).
Nicht fehlen bei dieser Humor-Haltung darf Frank Schulz beziehungsweise sein alter ego Bodo Morten, der vier Jahre lang freiwillig zolibitär lebte, nachdem ihn das WEIB in den Suff und Wahn getrieben hatte (»Das Ouzo-Orakel« – Eichborn – 24,90 Euro – ISBN 3-8218-0729-6). Ein wundersames, wunderbares, sprachmächtiges, unfassbar witziges deutsches (ja, trotz Ouzu und Hellas) Heimatbuch. Lesen!
Apropos Elke Heidenreich. Sie schreibt, wie Bernd Eilert, ein schönes Sondermann-Nachwort, Robert Gernhardt ein ebensolches Vorwort, wenige Wochen vor seinem Tod. Tote unter sich: »Die Realität ist lebensfeindlich und phantasielos. Deswegen finde ich die Unvernunft häufig ausgesprochen anregend und komisch und lebenswert« (Pfarr), aber eine »Unvernunft, die nicht mit Vernunftlosigkeit, gar Blödsinn verwechselt werden darf« (Gernhardt). Ein Lebender ergänzt: »Komposita wie ›Hamstermusspender‹, ›Walfischtranzerstäuber‹ oder ›Giraffenhirnextraktpistole‹ bringen Bernd Pfarr seinem erklärten Ziel erfreulich nahe« (Henscheidt), das da wäre: »Am liebsten würde ich der ganzen Welt die Realität austreiben« (Pfarr). Mit seinem Sondermann, der sich »im Laufe seines Wirkens vom spießbürgerlichen Bürotrottel zu einer Kultfigur entwickelt« (Gernhardt) hat, ist ihm das vortrefflich gelungen. (gw/29.12.2007)
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