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Sport-Stammtisch

Entlassen zu werden, das ist auch für einen Bundesligatrainer keine reine Freude, egal wie hoch die Abfindung sein mag. Selbst an scheinbar Seelenhornhäutigen der Branche knabbert der Selbstwertgefühlsabnager, dieser böse große Bruder von Loriots »possierlichem kleinen Kerl«, der Steinlaus. Hat der geschasste Trainer Kinder, werden diese schlimmer gehänselt als zuvor bewundert, und der Trainer muss wieder auf entwürdigende Anbiederungstour gehen, wie ein Leichenhund durch die Ligenkeller schnüren und nach Aas wittern. All das weiß ein kluger, sensibler Trainer wie Armin Veh, und dennoch trat er in Wolfsburg eine Stelle an, deren Haltbarkeits-Halbwertzeit in der Bundesliga absehbar einmalig kurz war und übertragen auf die Atomwirtschaft alle Lagerprobleme endgültig lösen könnte.

Warum nahm Veh das Himmelfahrtskommando an? Vermutung: Weil der Wille den Verstand unterdrückt und auf die Hoffnung setzt, die stets zuletzt stirbt. Magath hatte mit Glück und Können und schwachen Bayern das Unmögliche möglich gemacht, von dem er wusste, dass die doppelte Wiederholung ein Ding der potenzierten Unmöglichkeit wäre. Also ging er. Veh kam, obwohl er scheitern musste. Hätte er vernünftige, realistische Ziele formuliert, hätten ihn die »Think big!«-Autobauer gar nicht erst an ihr Spielzeug gelassen. Was!?, die paar Spiele in der Champions League genießen und dann versuchen, in der Liga nicht allzu weit abzufallen – mit dem Anspruch, Veh, sollten Sie sich nicht bei uns Weltmarktführern bewerben, sondern höchstens bei einem Gebrauchttraktorhandel!

Seit die Betriebsfußballer von VW die unangenehmere Hoeneß-Variante verpflichteten, lief Veh als enteierter Zombie durch Wolfsburg. Nun reden sie schon von Schuster, statt bei ihrem Leisten zu bleiben. Einer wie Schuster aber wird nur kommen, wenn die »Kir Royal«-Methode bis zum letzten ausgereizt wird. Schließlich ist Schuster kein Betriebsrat, der mit popeligen brasilianischen Peanuts abgespeist werden kann, da müsste schon Mario Adorf persönlich kommen. Hab’s gerade noch einmal bei youtube angesehen, wie er in seiner tragikomischen Paraderolle als Generaldirektor Heinrich Haffenloher versucht, über Baby Schimmerlos bzw. Franz Xaver Kroetz Zugang in die schicken Münchner Kreise zu erzwingen: »Ich kauf dich einfach. Ich scheiß dich doch sowas von zu mit meinem Geld. Gegen meine Kohle hast du doch keine Chance, begreif das doch.« Wie nebenbei nuschelt Adorf den alles erklärenden Kernsatz: »Ich will doch nur dein Freund sein.« Was Adorf nicht schaffte, wird auch Wolfsburg nicht gelingen: Freunde in der Bundesliga zu finden.

Schönes Frankfurter Kontrastprogramm: Die Eintracht steht auf dem Platz (7), den die Wolfsburger Haffenlohers vernünftigerweise hätte einplanen sollen, stattdessen belegen sie den nach sachlichen Erwägungen der Eintracht zustehenden Rang (10). Kleine Feinheiten, die mit dem Doch-nicht-nur-Geld-Markt Fußball versöhnen.

Und jetzt kommt auch noch Hamit. Oder Halil? Na ja, bei dem neuen Eintrachtler halten wir’s mit dem alten Frankfurter Bub Andi Möller (»Mailand oder Madrid – Hauptsache Italien«): Hamit oder Halil – Hauptsache Altintop! Immer noch ein Klasse-Mann, der, um eine Floskel mit Leben zu füllen, »der Mannschaft helfen kann«.

Das kann Christoph Preuß leider nicht mehr. Ihm zu Ehren Ausschnitte aus meinem im Waldstadion geschriebenen »Anstoß« von 14. August 2000: »18.50 Uhr. Für Wimmer kommt die Nummer 34. Christoph Preuß, ›unser‹ Junge aus Großen-Linden! Christoph Preuß wirkt zwar noch etwas schlaksig-fohlenhaft, aber an seinen Bewegungen glaubt man zu erkennen: Das wird ein richtig Guter!« – Christoph Preuß’ Profi-Debüt endete mit einem 3:0 gegen Unterhaching, was mich zu dem Überschwang-Kalauer trieb: Nie mehr unter Haching, immer über Haching! Trainer damals: Felix Magath. Bestaunter Gast auf der Tribüne: Frank Lowe. Chef von Octagon.

Octagon? So hieß der »strategische Partner«, der im Mai 2000 50 Millionen Mark in die Eintracht pumpte. Es wurde munter geheuert und gefeuert, Magath war schon lange weg, als die Eintracht ab- und Octagon mit vollen Miesen-Hosen wieder ausstieg, und wir hatten in all dem Jammer immerhin unsere hessische Schadenfreude, denn die lokale Geldverbrennungsmaschine hatte damit haushoch gegen die globale Geldvermehrungsmaschine gewonnen.

Geldverbrennungsmaschine? Hab ich zum Glück nicht. Geldvermehrungsmaschine? Auch nicht. Leider. Schneekehrmaschine? Bin ich. Beim Schneekehren kommt man ja auch auf die schönsten Gedanken. Über Gott und die Welt, den Glauben an Gott oder die Naturwissenschaften, an Martin Suter und die Beutelratten, na ja, Existenzielles eben, aber das haben wir heute in eine andere Kolumne ausgelagert (»Nach-Lese« im Feuilleton).

Nur Suter und die Beutelratten bleiben bei uns. Der Schweizer Schriftsteller (neuer Roman: »Der Koch«), dessen dreijähriger Sohn vor wenigen Monaten an einem Stückchen Wurst erstickte, bekennt: »Ich wäre gern ein gläubiger Mensch. Jahrelang habe ich daran gearbeitet. Aber die gemachten Fortschritte haben unter der Tragödie gelitten.«

Dennoch, und damit zurück in den Schnee, gibt Suter zu bedenken: »Noch nie ist aus einem Haufen Schnee zufällig ein Schneemann entstanden. Und da soll aus einem Haufen Zellen zufällig ein Gänseblümchen entstehen? Oder eine Beutelratte? Oder ein Mensch? Diese Vorstellung ist doch noch unglaubwürdiger als die, dass allem ein Plan zugrunde liegt.« Das ist dann allerdings ein ganz anderes Thema und hat mit Sport eventuell nicht mehr allzu viel zu tun. (gw)

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Mittelhessenkrimi von gw