Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Liebe in Zeiten des Todes (Jenseitsnovelle von Matthias Politycki)

»Wenn nur der Geruch nicht gewesen wäre! Als ob Doro vergessen hatte, das Blumenwasser zu wechseln, als ob die Stengel über Nacht zu faulen angefangen hatten und der Luft nun ein süßsaures Nebenaroma beimischten. Schepp witterte es auf der Stelle.«
Und nun stelle man sich vor, man ist dieser Schepp, ein Anfangs-Sechziger, und wie er überzeugt davon, »ein glücklicher Mensch« zu sein.
Nein, man stelle es sich lieber nicht vor, denn für Schepp beginnt der Morgen (und für uns die »Jenseitsnovelle«) mit dem zärtlichen Blick auf den Rücken der geliebten Ehefrau, die schon in der Frühe im Arbeitszimmer sitzt und seine Manuskripte redigiert. »Dann beugte er sich zu Doro hinab. Wieder schlug ihm der Geruch entgegen, ganz und gar fremd jetzt in seiner Süßlichkeit, mit einer Beimischung von Schweiß und Urin und – er schrak zurück.«
Unerträglich? Lesen an dieser Stelle nur in den Schmerz Verliebte weiter? Das wäre schade, denn Matthias Politycki hält noch einiges bereit, das zu verpassen fahrlässiger Verzicht auf den Genuss eines literarischen Kleinods bedeuten würde.
Obwohl auch den Leser Doros letzte hingeschriebene Worte schockieren: »Ohne Dich, Schepp, begreif es, ohne Dich. Meinetwegen fährst Du, jetzt spreche ich es aus, fährst Du zur Hölle!« Und kryptisch die allerletzten Worte: »jetzt auch noch diese … na … darüber reden wir noch.«
Schepp bleibt im Arbeitszimmer sitzen, neben seiner toten Frau, spricht mit ihr und mit sich. »In welch konfuser Manier geschrieben, von welcher Doro? So unbeherrscht kannte er sie gar nicht, so wüst, so direkt.«
Die Liebe ist ein Alptraum ist die Liebe.
Mehr sollte dem interessierten Leser nicht vorab verraten werden. Der Schluss schon gar nicht. Nur sein Beginn, diese Wiederholung nach 121 Seiten:
»Wenn nur der Geruch nicht gewesen wäre!« (gw/23.1.2010))

Baumhausbeichte - Novelle