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Klappentext (23.1.2010)

Bei allem satirischem Respekt: Trotz vieler irrwitziger »Titanic«-Einfälle bleibt die Vorgängerin »Pardon« das Maß aller Dinge. Beide aber sind geprägt von der Neuen Frankfurter Schule (NFS), und die muss man, weil nicht jeder ein Liebhaber des höheren Schwachsinns ist, ausnahmsweise mal unsatirisch nüchtern vorstellen: Gründungsmitglieder der NFS waren F. W. Bernstein, Robert Gernhardt, Eckhard Henscheid und noch einige andere Größen des Genres, zur »zweiten Generation« gehörten u. a. Gerhard Henschel und Simon Borowiak, die in jüngster Zeit auf dieser Bücherseite gebührend zu Wort und Buch gekommen sind. Der Name der NFS spielt ironisierend auf die berühmt-berüchtigte soziologisch-philosophische Frankfurter Schule der Horkheimers und Adornos an.
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Das grundlegende historische Werk zur NFS stammt von Ex-»Titanic«-Chefredakteur Oliver Maria Schmitt: »Die schärfsten Kritiker der Elche. Die Neue Frankfurter Schule«. Hier lernen wir auch die unterlegene Alternative für den wohl bekanntesten Zweizeiler der Neuen Frankfurter Schule (Bernstein: »Die schärfsten Kritiker der Elche waren früher selber welche«) kennen: Robert Gernhardt verlor in der erbittert geführten und dem Vernehmen nach erst durch brutale Waffengewalt entschiedenen Diskussion mit seiner Version: »Die größten Kritiker der Molche waren früher ebensolche«.
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Vielleicht wurden die Elche den Molchen vorgezogen, weil man sonst tierisch nahe am Lurch von Heinz Erhardt geblieben wäre, dessen unsterblicher Vierzeiler im Lauf der Jahre bereits zwölf Mal (sagt unser Archiv) zum »Anstoß«-Motto in unserem Sportteil wurde: »Mal trumpft man auf, mal hält man stille, / mal muss man kalt sein wie ein Lurch, / des Menschen Leben gleicht der Brille: / man macht viel durch.«
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In der im Sachbuch-Potpourri erwähnten »Griechenland-Zeitung« (Tipp: kostenloses PDF-Probe-Abo im Internet bestellen!) lesen wir jahreszeitlich brandaktuell, dass in Galaxidi am Golf von Korinth am letzten Karnevalstag, dem »Kathari Devtera« (Reiner Montag), die traditionelle »Alevromountzouromata« (Mehlschlacht) stattfindet, bei der sich die Einwohner, bewaffnet mit Schutzbrillen, Mundschutz und Kuhglocken, mit buntem Mehl bewerfen. Man tritt wohl keiner der beiden Humor-Richtungen zu nahe, wenn man behauptet, dass Neue Frankfurter Schule und Karneval (griechischer sowieso) es ablehnen würden, gemeinsam in einer multihumorkulturellen Gesellschaft »abzuschunkeln« (bähh, eines dieser ekligen »ab«-Verben!).
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Apropos Griechenland: Bei einer der letzten Wahlen zum »Diagram Prize«, der dem seltsamsten Buchtitel des Jahres verliehen wird, hatten »Höhepunkte in der Geschichte des Betons«, »Oraler Sadismus und die vegetarische Persönlichkeit« und auch der wertvolle Ratgeber »Wie man riesigen Schiffen ausweicht« keine Chance, selbst die wichtige Studie »Menschen, die nicht wissen, dass sie tot sind« belegte nur Platz zwei hinter dem Siegertitel »Griechische Landpostboten und ihre Entwertungsnummern«. Wirklich wahr!
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Zu guter Letzt: Nur Matthias Politycki hält mit seiner »Jenseitsnovelle« heute die Fahne der Belletristik hoch. Beinahe hätten wir das Buch nie vorgestellt, denn es lag, nach begonnener Lektüre, lange auf dem Nachttisch des Rezensenten, der Depression und Alpträume befürchtete. Irgendwann aber schlug der Ängstliche vorsichtig hintere Seiten auf … tja, mehr wird auch hier nicht verraten, außer dass die Lektüre mit frischem Mut fortgesetzt wurde. Was auch anderen ängstlichen Lesern anzuraten ist (ohne hinten reinlinsen zu müssen, das tat für sie und Sie:) (gw)

Baumhausbeichte - Novelle