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Dem Wahnsinn auf der Spur (30 Jahre Titanic)

Eigentlich ist das Satireblatt viel älter. Denn schon 1962 wurde »Pardon« gegründet, und »Titanic« ist nichts anderes als die Fortsetzung mit anderem Namen, aber gleichen Mitteln und selben Personen – Gernhardt, Knorr, Poth, Traxler, Waechter und wie sie alle heißen. Nur ging ihnen ihr Herausgeber Hans A. Nikel tierisch auf den Geist, der »Pardon« in eine Art Zeitgeist-Illustrierte umwandeln wollte. Nach und nach verließen sie ihn und waren schon fast alle weg, als Nikel im November 1977 auf dem »Pardon«-Titelblatt in heiligem Ernst verkündete: »Kein Witz – ich kann fliegen!« Nikel war esoterisch abgedriftet, gläubiger Anhänger von Guru Maharishi und fest davon überzeugt, im Sitzen mit gekreuzten Beinen abheben zu können, mit Meditation als Kerosin.
Statt zu resignieren, weil wieder einmal bewiesen war, dass Satire nie und nimmer den Wahnsinn des wahren Lebens übertreffen kann, gründeten Gernhardt & Co., die Väter der Neuen Frankfurter Schule, ihre eigene »Pardon« namens »Titanic«, die nun schon seit 30 Jahren unverdrossen versucht, dem echten Wahnsinn auf der Satire-Spur zu bleiben.
»Das Erstbeste aus 30 Jahren« erinnert an die Höhepunkte des »Titanic«-Schaffens: »Meine erste Banane« von »Zonen-Gabi« (mit geschälter Gurke in der Hand und erstaunlicher Ähnlichkeit mit Angela Merkel, obwohl die heutige Bundeskanzlerin damals völlig unbekannt und noch nicht einmal »Kohls Mädchen« war), und natürlich auch an Chefredakteur Bernd Fritz, der in »Wetten, dass…?« behauptete, er könne die Farben von Buntstiften an deren Geschmack erkennen, worauf Deutschlands ewig größter Betrugsskandal das Land erschütterte.
Kleine, feinere Coups: Als der »Stern« Hitlers Tagebücher veröffentlichte, konterte »Titanic« mit seinem Poesiealbum, und als ihre ureigene Generation ‘68 ihr zwanzigjähriges »Betriebsnudeljubiläum« feierte, startete »Titanic« eine Solidaritätsaktion für den »am längsten inhaftierten deutschen Gefangenen«. Hunderte von Gesinnungsgenossen unterschrieben daraufhin den »Titanic«-Aufruf »Freiheit für Rudi Dutschke«. Dumm nur, dass der schon ein paar Jährchen tot war.
Humor ist Glücksache, schwarzer Humor Geschmacksache, und manchem vergeht das Lachen (was beabsichtigt sein dürfte), wenn er auf der letzten Seite des Jubiläums-Bandes zwei gut gelaunte Szenepärchen auf dem Weg ins Abendvergnügen zeigt, angeführt von einem, der seinen In-Tipp verkündet: »Ich kenne da ein Lokal, nicht ganz billig, aber die Großeltern der Wirtin sind in Auschwitz umgekommen.«
Schwarzer Humor muss weh tun. Kein Wunder, dass »Titanic« auch mit Strafanzeigen überzogen wurde. Aber nur einmal wurde es gefährlich für das Blatt, als es das Gesicht Engholms in das Barschel-Badewannenfoto montierte: Engholm gewann den Prozess, erhielt 40 000 Mark Schadenersatz, und die Anwaltskosten von knapp 200 000 Mark ließen die »Titanic« fast untergehen. Aber sie hielt durch und schwimmt weiter auf dem Satire-Meer, auch wenn es immer schwieriger wird zu provozieren. Selbst der Titel »Problembär außer Rand und Band: Knallt die Bestie ab!« schaffte es nicht auf einen Platz in der Empörungs-Top-Ten, obwohl ein lachender Kurt Beck das Titelbild zierte.
Kurt … wer? Nicht nur die Satire hat es schwer, auf der Höhe der Zeit zu bleiben.
(gw23.1.2010)

Baumhausbeichte - Novelle