Archiv für den 22. Januar 2010

Liebe in Zeiten des Todes (Jenseitsnovelle von Matthias Politycki)

»Wenn nur der Geruch nicht gewesen wäre! Als ob Doro vergessen hatte, das Blumenwasser zu wechseln, als ob die Stengel über Nacht zu faulen angefangen hatten und der Luft nun ein süßsaures Nebenaroma beimischten. Schepp witterte es auf der Stelle.«
Und nun stelle man sich vor, man ist dieser Schepp, ein Anfangs-Sechziger, und wie er überzeugt davon, »ein glücklicher Mensch« zu sein.
Nein, man stelle es sich lieber nicht vor, denn für Schepp beginnt der Morgen (und für uns die »Jenseitsnovelle«) mit dem zärtlichen Blick auf den Rücken der geliebten Ehefrau, die schon in der Frühe im Arbeitszimmer sitzt und seine Manuskripte redigiert. »Dann beugte er sich zu Doro hinab. Wieder schlug ihm der Geruch entgegen, ganz und gar fremd jetzt in seiner Süßlichkeit, mit einer Beimischung von Schweiß und Urin und – er schrak zurück.«
Unerträglich? Lesen an dieser Stelle nur in den Schmerz Verliebte weiter? Das wäre schade, denn Matthias Politycki hält noch einiges bereit, das zu verpassen fahrlässiger Verzicht auf den Genuss eines literarischen Kleinods bedeuten würde.
Obwohl auch den Leser Doros letzte hingeschriebene Worte schockieren: »Ohne Dich, Schepp, begreif es, ohne Dich. Meinetwegen fährst Du, jetzt spreche ich es aus, fährst Du zur Hölle!« Und kryptisch die allerletzten Worte: »jetzt auch noch diese … na … darüber reden wir noch.«
Schepp bleibt im Arbeitszimmer sitzen, neben seiner toten Frau, spricht mit ihr und mit sich. »In welch konfuser Manier geschrieben, von welcher Doro? So unbeherrscht kannte er sie gar nicht, so wüst, so direkt.«
Die Liebe ist ein Alptraum ist die Liebe.
Mehr sollte dem interessierten Leser nicht vorab verraten werden. Der Schluss schon gar nicht. Nur sein Beginn, diese Wiederholung nach 121 Seiten:
»Wenn nur der Geruch nicht gewesen wäre!« (gw/23.1.2010))

Veröffentlicht von gw am 22. Januar 2010 .
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Klappentext (23.1.2010)

Bei allem satirischem Respekt: Trotz vieler irrwitziger »Titanic«-Einfälle bleibt die Vorgängerin »Pardon« das Maß aller Dinge. Beide aber sind geprägt von der Neuen Frankfurter Schule (NFS), und die muss man, weil nicht jeder ein Liebhaber des höheren Schwachsinns ist, ausnahmsweise mal unsatirisch nüchtern vorstellen: Gründungsmitglieder der NFS waren F. W. Bernstein, Robert Gernhardt, Eckhard Henscheid und noch einige andere Größen des Genres, zur »zweiten Generation« gehörten u. a. Gerhard Henschel und Simon Borowiak, die in jüngster Zeit auf dieser Bücherseite gebührend zu Wort und Buch gekommen sind. Der Name der NFS spielt ironisierend auf die berühmt-berüchtigte soziologisch-philosophische Frankfurter Schule der Horkheimers und Adornos an.
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Das grundlegende historische Werk zur NFS stammt von Ex-»Titanic«-Chefredakteur Oliver Maria Schmitt: »Die schärfsten Kritiker der Elche. Die Neue Frankfurter Schule«. Hier lernen wir auch die unterlegene Alternative für den wohl bekanntesten Zweizeiler der Neuen Frankfurter Schule (Bernstein: »Die schärfsten Kritiker der Elche waren früher selber welche«) kennen: Robert Gernhardt verlor in der erbittert geführten und dem Vernehmen nach erst durch brutale Waffengewalt entschiedenen Diskussion mit seiner Version: »Die größten Kritiker der Molche waren früher ebensolche«.
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Vielleicht wurden die Elche den Molchen vorgezogen, weil man sonst tierisch nahe am Lurch von Heinz Erhardt geblieben wäre, dessen unsterblicher Vierzeiler im Lauf der Jahre bereits zwölf Mal (sagt unser Archiv) zum »Anstoß«-Motto in unserem Sportteil wurde: »Mal trumpft man auf, mal hält man stille, / mal muss man kalt sein wie ein Lurch, / des Menschen Leben gleicht der Brille: / man macht viel durch.«
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In der im Sachbuch-Potpourri erwähnten »Griechenland-Zeitung« (Tipp: kostenloses PDF-Probe-Abo im Internet bestellen!) lesen wir jahreszeitlich brandaktuell, dass in Galaxidi am Golf von Korinth am letzten Karnevalstag, dem »Kathari Devtera« (Reiner Montag), die traditionelle »Alevromountzouromata« (Mehlschlacht) stattfindet, bei der sich die Einwohner, bewaffnet mit Schutzbrillen, Mundschutz und Kuhglocken, mit buntem Mehl bewerfen. Man tritt wohl keiner der beiden Humor-Richtungen zu nahe, wenn man behauptet, dass Neue Frankfurter Schule und Karneval (griechischer sowieso) es ablehnen würden, gemeinsam in einer multihumorkulturellen Gesellschaft »abzuschunkeln« (bähh, eines dieser ekligen »ab«-Verben!).
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Apropos Griechenland: Bei einer der letzten Wahlen zum »Diagram Prize«, der dem seltsamsten Buchtitel des Jahres verliehen wird, hatten »Höhepunkte in der Geschichte des Betons«, »Oraler Sadismus und die vegetarische Persönlichkeit« und auch der wertvolle Ratgeber »Wie man riesigen Schiffen ausweicht« keine Chance, selbst die wichtige Studie »Menschen, die nicht wissen, dass sie tot sind« belegte nur Platz zwei hinter dem Siegertitel »Griechische Landpostboten und ihre Entwertungsnummern«. Wirklich wahr!
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Zu guter Letzt: Nur Matthias Politycki hält mit seiner »Jenseitsnovelle« heute die Fahne der Belletristik hoch. Beinahe hätten wir das Buch nie vorgestellt, denn es lag, nach begonnener Lektüre, lange auf dem Nachttisch des Rezensenten, der Depression und Alpträume befürchtete. Irgendwann aber schlug der Ängstliche vorsichtig hintere Seiten auf … tja, mehr wird auch hier nicht verraten, außer dass die Lektüre mit frischem Mut fortgesetzt wurde. Was auch anderen ängstlichen Lesern anzuraten ist (ohne hinten reinlinsen zu müssen, das tat für sie und Sie:) (gw)

Veröffentlicht von gw am 22. Januar 2010 .
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Dem Wahnsinn auf der Spur (30 Jahre Titanic)

Eigentlich ist das Satireblatt viel älter. Denn schon 1962 wurde »Pardon« gegründet, und »Titanic« ist nichts anderes als die Fortsetzung mit anderem Namen, aber gleichen Mitteln und selben Personen – Gernhardt, Knorr, Poth, Traxler, Waechter und wie sie alle heißen. Nur ging ihnen ihr Herausgeber Hans A. Nikel tierisch auf den Geist, der »Pardon« in eine Art Zeitgeist-Illustrierte umwandeln wollte. Nach und nach verließen sie ihn und waren schon fast alle weg, als Nikel im November 1977 auf dem »Pardon«-Titelblatt in heiligem Ernst verkündete: »Kein Witz – ich kann fliegen!« Nikel war esoterisch abgedriftet, gläubiger Anhänger von Guru Maharishi und fest davon überzeugt, im Sitzen mit gekreuzten Beinen abheben zu können, mit Meditation als Kerosin.
Statt zu resignieren, weil wieder einmal bewiesen war, dass Satire nie und nimmer den Wahnsinn des wahren Lebens übertreffen kann, gründeten Gernhardt & Co., die Väter der Neuen Frankfurter Schule, ihre eigene »Pardon« namens »Titanic«, die nun schon seit 30 Jahren unverdrossen versucht, dem echten Wahnsinn auf der Satire-Spur zu bleiben.
»Das Erstbeste aus 30 Jahren« erinnert an die Höhepunkte des »Titanic«-Schaffens: »Meine erste Banane« von »Zonen-Gabi« (mit geschälter Gurke in der Hand und erstaunlicher Ähnlichkeit mit Angela Merkel, obwohl die heutige Bundeskanzlerin damals völlig unbekannt und noch nicht einmal »Kohls Mädchen« war), und natürlich auch an Chefredakteur Bernd Fritz, der in »Wetten, dass…?« behauptete, er könne die Farben von Buntstiften an deren Geschmack erkennen, worauf Deutschlands ewig größter Betrugsskandal das Land erschütterte.
Kleine, feinere Coups: Als der »Stern« Hitlers Tagebücher veröffentlichte, konterte »Titanic« mit seinem Poesiealbum, und als ihre ureigene Generation ‘68 ihr zwanzigjähriges »Betriebsnudeljubiläum« feierte, startete »Titanic« eine Solidaritätsaktion für den »am längsten inhaftierten deutschen Gefangenen«. Hunderte von Gesinnungsgenossen unterschrieben daraufhin den »Titanic«-Aufruf »Freiheit für Rudi Dutschke«. Dumm nur, dass der schon ein paar Jährchen tot war.
Humor ist Glücksache, schwarzer Humor Geschmacksache, und manchem vergeht das Lachen (was beabsichtigt sein dürfte), wenn er auf der letzten Seite des Jubiläums-Bandes zwei gut gelaunte Szenepärchen auf dem Weg ins Abendvergnügen zeigt, angeführt von einem, der seinen In-Tipp verkündet: »Ich kenne da ein Lokal, nicht ganz billig, aber die Großeltern der Wirtin sind in Auschwitz umgekommen.«
Schwarzer Humor muss weh tun. Kein Wunder, dass »Titanic« auch mit Strafanzeigen überzogen wurde. Aber nur einmal wurde es gefährlich für das Blatt, als es das Gesicht Engholms in das Barschel-Badewannenfoto montierte: Engholm gewann den Prozess, erhielt 40 000 Mark Schadenersatz, und die Anwaltskosten von knapp 200 000 Mark ließen die »Titanic« fast untergehen. Aber sie hielt durch und schwimmt weiter auf dem Satire-Meer, auch wenn es immer schwieriger wird zu provozieren. Selbst der Titel »Problembär außer Rand und Band: Knallt die Bestie ab!« schaffte es nicht auf einen Platz in der Empörungs-Top-Ten, obwohl ein lachender Kurt Beck das Titelbild zierte.
Kurt … wer? Nicht nur die Satire hat es schwer, auf der Höhe der Zeit zu bleiben.
(gw23.1.2010)

Veröffentlicht von gw am 22. Januar 2010 .
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