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Die Sehnsucht nach Liebe in leidenschaftslosen Partnerschaften (Nick Hornby: “Juliet, Naked”)

Seit gut 15 Jahren wird fast alles, was er anfasst, zu Gold: Bücher, Filmadaptionen und Drehbücher. Er ist Pop-Literat, Musik-Enthusiast und leidenschaftlicher Fußball-Fan. Gestatten: Nick Hornby! Begonnen hat alles mit seinem 1992 erschienenen Erstlingswerk »Fever Pitch«, einer Hommage an das alte, das dreckige, das »boring boring« Arsenal London der 80er Jahre. Für die einen schlicht »das beste Fußballbuch, das jemals geschrieben wurde, und das ist noch untertrieben« (taz). Für die anderen wirkt das veraltete Bild des Vereins eher befremdlich, gilt er doch seit Mitte der 90er Jahre als Inbegriff des schönen, des modernen Fußballs. Dennoch wurde »Fever Pitch« ein Welthit – und wenn selbst Frauenzeitschriften attestieren, es sei ein gutes Buch, kann es nicht nur der Fußball sein, der ins Gewicht fällt.
Immer wiederkehrendes Moment bei Hornby ist die beflissene Pflege von Obsessionen, die den Übergang von Pubertät ins Erwachsenenalter überleben. Und die daraus resultierenden Widrigkeiten des Alltags. So auch in seinem neuen Werk, »Juliet, Naked«: Duncan und Annie sind seit 15 Jahren ein Paar, leben im nordenglischen Badeort Gooleness. Duncan ist Lehrer am College, Annie Leiterin des Museums. Leidenschaft für einander hegen sie keine. Sie ist nicht mit der Zeit erloschen, sie war einfach nie da. Es ist eine Zweckgemeinschaft, die auf Bequemlichkeit beruht. Und doch ist ihr Alltag von einer Leidenschaft geprägt: Jener von Duncan für Tucker Crowe, seit mehr als 20 Jahren untergetauchter Singer-Songwriter der 80er Jahre. So begeben sich die beiden auf Pilgerreise durch die USA, um Orte zu besuchen, die nach Meinung der Crowologen, einer kleinen Internet-Fan-Gemeinde, in der Entwicklung von Tucker Crowes Karriere eine bedeutende Rolle spielten – wie das Klo einer Bar, dem eine beinahe metaphysische Bedeutung zugemessen wird, da es der letzte Ort war, an dem Tucker Crowe gesichtet wurde.
Zurück in Gooleness passiert das Unglaubliche: Annie fällt die Kopie eines neuen Tucker-Crowe-Albums in die Hände. Die Begeisterung Duncans kann sie jedoch nicht teilen. Sie postet daher ihre eigene Kritik des Albums in Duncans Forum und erhält Antwort. Von Tucker Crowe! Es folgt ein virtuelles Tête-à-tête, das längst verloren geglaubte Gefühle erwachen lässt. Sowohl bei Annie, als auch bei Tucker.
»Juliet, Naked« thematisiert die Sehnsucht nach Liebe in leidenschaftslos geführten Partnerschaften. Und, in klassischer Hornby-Manier, die Obsessionen von Männern mittleren Alters. Was bei pubertären Mädchen als Schwärmerei abgetan werden kann, grenzt bei einem erwachsenen Mann zwar ans Lächerliche, doch Hornby schafft es, dies durch gezielten Wortwitz und feine Ironie in sympathischen Enthusiasmus zu verwandeln.
Ein weiteres schönes Element ist die Beziehung zwischen Tucker und seinem sechsjährigen Sohn Jackson, der, im Gegensatz zu den anderen Kindern des ehemaligen Rockstars, von sich behaupten kann, ein inniges Verhältnis zu seinem Vater zu haben.
Die nicht hinterfragte, bedingungslose und bisweilen theatralische Liebe Jacksons sorgt für eine liebevolle Komponente, die dem Buch gut tut. Der trockene, schwarze und fatalistische Humor Tuckers auf der anderen Seite lässt sogar die vorrangig negativen Eigenschaften des Protagonisten in milderem Licht erscheinen.
Um aus der Masse herauszuragen, fehlt »Juliet, Naked« jedoch etwas. Zwar nimmt der Roman am Ende etwas Fahrt auf, doch wirkt dies zu konstruiert und reicht nicht aus, die Belanglosigkeit des phasenweise allzu Kurzweiligen wettzumachen. Hornby-Fans wird das nicht weiter stören. Neu-Leser könnten unter Umständen mehr erwartet haben.
Und trotzdem, »Juliet, Naked« ist ein sprachlich ansprechender, überwiegend humorvoller und in spärlich gesäten Ansätzen liebevoller Roman. Nicht mehr – aber sicher auch nicht weniger. Christoph Hoffmann

Nick Hornby: »Juliet, Naked« (Kiepenheuer & Witsch – 19,90 Euro – ISBN 978-3-462041392)

Baumhausbeichte - Novelle