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Milder Sarkasmus, inbrünstige Liebe (Dave Eggers: “Wo die wilden Kerle wohnen”)

Milder Sarkasmus, inbrünstige Liebe

Max und die wilden Kerle – Ein Meister des kreativen Schreibens – Originalität und ironische Übertreibung

Mit seinem Debütroman »Ein herzzerreißendes Werk von umwerfender Genialität« ist Dave Eggers ein Meisterwerk gelungen. Zu behaupten, das Buch würde seinen Titel zu Recht tragen – fast noch untertrieben! Wer es nicht gelesen hat, sollte schleunigst in den nächsten Buchladen rennen. Versprochen, es lohnt sich! Ein ganz besonderes Buch, ein Kleinod der Belletristik. Allein der Einsatz der kursiven Schrift zur Belebung des Geschriebenen und zur Verdeutlichung der Ironie ist so grandios gelungen, dass es scheint, so, genau so, möchte kursive Schrift verwendet werden. Und: Er schaffte es, nach dem unerwartet großen Erfolg (Pulitzer-Preis-Nominierung, Platz 1 der US-Bestsellerliste) nachzulegen, die in den folgenden Jahren erschienen Werke sind durchweg lesenswert. Kein Wunder also, dass die New York Times ihn einen »umwerfend talentierten Schriftsteller« nennt. Die Erwartungshaltung an sein neues Werk, eine Romanadaption des Kinderbuchklassikers »Wo die wilden Kerle wohnen«, ist daher besonders groß.
Das Original, hauptsächlich Bilderbuch, gesäumt mit gerade mal 333 Wörtern, stammt von Maurice Sendak, ist 1963 erschienen und wohl Pflichtlektüre in jedem gut geführten Kinderhaushalt. Dave Eggers hat sich nun daran gemacht, diesen Klassiker in einen Roman zu verwandeln (aktuell läuft in den Kinos auch die Verfilmung. Das Drehbuch stammt ebenfalls von Eggers).
Die Geschichte ist schnell erzählt: Max ist ein achtjähriger Junge, die Eltern leben getrennt, die Mutter ist fast nur mit dem neuen Freund und der Arbeit beschäftigt. Seine pubertierende Schwester Claire scheint jegliches Interesse an ihrem kleinen Bruder verloren zu haben. Nach einem Streit verlässt Max das Haus, rennt in den Wald, findet ein Boot und segelt los. Das Ziel: Max’ Vater, der in der angrenzenden Stadt lebt. Doch nach tagelanger Reise erreicht er ein ganz anderes Ziel: Die Insel, wo die wilden Kerle wohnen. Er freundet sich mit den destruktiven, jedoch liebenswerten Monstern an und wird sogar zu ihrem König erkoren. Gemeinsam durchleben sie wilde Abenteuer, die erst enden, als Max den Gefühlen eines normalen Achtjährigen erliegt: Heimweh und Hunger lassen ihn die Heimreise antreten.
Eine tolle Adaption, wobei die Phase vor dem eigentlichen Abenteuer besser gelungen ist. Das liegt wohl daran, dass Eggers hier seiner Kreativität freien Lauf lassen kann, während der nachfolgende Teil zwar sprachlich ohne Frage originell geschrieben ist, der Plot jedoch ein wenig zu kindlich und überspitzt wirkt, was wohl dem Diktat der Vorlage geschuldet ist. Dennoch, mit seiner Formulierungs- und Sprachkunst schafft es Eggers, im Kopf des Lesers wundervolle Bilder entstehen zu lassen. Darüber hinaus ist die Interpretation des jungen Max bemerkenswert gut gelungen. Allein die Passagen vor der abenteuerlichen Reise zu den wilden Kerlen wecken eine starke Sympathie. Das närrische, aufmüpfige Verhalten, dem eine nur Kindern innewohnende Kompromisslosigkeit zugrunde liegt, der milde Sarkasmus sowie die inbrünstige Liebe zur Mutter werden authentisch und einnehmend dargestellt.
Dass die Abgeklärtheit der Gedankengänge phasenweise eher an einen Erwachsenen denken lässt, stört nicht. Im Gegenteil: Eggers schafft es dadurch, dem Buch eine Komponente zu verleihen, die das Kinderbuch-Genre verlässt und den Roman für Erwachsene zugänglich macht.
Dave Eggers ist ein Meister des kreativen Schreibens. Wie er auf spielerische Art und Weise mit der Sprache umgeht, macht ihm so schnell keiner nach. Durch Originalität und ironische Übertreibung werden seine Romane immer wieder zu einem besonderen Genuss. In diesem Werk muss man zwar eher mit der sprachlichen und weniger der inhaltlichen Originalität des Autors vorlieb nehmen, aber trotzdem, auch dieses Dave-Eggers-Buch macht Spaß. Nicht das Debüt-Meisterwerk übertreffend, ein weiteres Buch der Kategorie »lesenswert« jedoch allemal.
Harald Schmidt hat einst über ein wesentlich schlechteres Werk gesagt: »Jugend der Welt – kauf dieses Buch und lies es!« Bei Romanen von Dave Eggers kann man sich dieser Aufforderung nur anschließen.
Christoph Hoffmann

Dave Eggers: »Bei den wilden Kerlen« (Kiepenheuer & Witsch – 18,95 Euro – ISBN: 978-346-204176-7)

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