Archiv für den 21. Januar 2010

Milder Sarkasmus, inbrünstige Liebe (Dave Eggers: “Wo die wilden Kerle wohnen”)

Milder Sarkasmus, inbrünstige Liebe

Max und die wilden Kerle – Ein Meister des kreativen Schreibens – Originalität und ironische Übertreibung

Mit seinem Debütroman »Ein herzzerreißendes Werk von umwerfender Genialität« ist Dave Eggers ein Meisterwerk gelungen. Zu behaupten, das Buch würde seinen Titel zu Recht tragen – fast noch untertrieben! Wer es nicht gelesen hat, sollte schleunigst in den nächsten Buchladen rennen. Versprochen, es lohnt sich! Ein ganz besonderes Buch, ein Kleinod der Belletristik. Allein der Einsatz der kursiven Schrift zur Belebung des Geschriebenen und zur Verdeutlichung der Ironie ist so grandios gelungen, dass es scheint, so, genau so, möchte kursive Schrift verwendet werden. Und: Er schaffte es, nach dem unerwartet großen Erfolg (Pulitzer-Preis-Nominierung, Platz 1 der US-Bestsellerliste) nachzulegen, die in den folgenden Jahren erschienen Werke sind durchweg lesenswert. Kein Wunder also, dass die New York Times ihn einen »umwerfend talentierten Schriftsteller« nennt. Die Erwartungshaltung an sein neues Werk, eine Romanadaption des Kinderbuchklassikers »Wo die wilden Kerle wohnen«, ist daher besonders groß.
Das Original, hauptsächlich Bilderbuch, gesäumt mit gerade mal 333 Wörtern, stammt von Maurice Sendak, ist 1963 erschienen und wohl Pflichtlektüre in jedem gut geführten Kinderhaushalt. Dave Eggers hat sich nun daran gemacht, diesen Klassiker in einen Roman zu verwandeln (aktuell läuft in den Kinos auch die Verfilmung. Das Drehbuch stammt ebenfalls von Eggers).
Die Geschichte ist schnell erzählt: Max ist ein achtjähriger Junge, die Eltern leben getrennt, die Mutter ist fast nur mit dem neuen Freund und der Arbeit beschäftigt. Seine pubertierende Schwester Claire scheint jegliches Interesse an ihrem kleinen Bruder verloren zu haben. Nach einem Streit verlässt Max das Haus, rennt in den Wald, findet ein Boot und segelt los. Das Ziel: Max’ Vater, der in der angrenzenden Stadt lebt. Doch nach tagelanger Reise erreicht er ein ganz anderes Ziel: Die Insel, wo die wilden Kerle wohnen. Er freundet sich mit den destruktiven, jedoch liebenswerten Monstern an und wird sogar zu ihrem König erkoren. Gemeinsam durchleben sie wilde Abenteuer, die erst enden, als Max den Gefühlen eines normalen Achtjährigen erliegt: Heimweh und Hunger lassen ihn die Heimreise antreten.
Eine tolle Adaption, wobei die Phase vor dem eigentlichen Abenteuer besser gelungen ist. Das liegt wohl daran, dass Eggers hier seiner Kreativität freien Lauf lassen kann, während der nachfolgende Teil zwar sprachlich ohne Frage originell geschrieben ist, der Plot jedoch ein wenig zu kindlich und überspitzt wirkt, was wohl dem Diktat der Vorlage geschuldet ist. Dennoch, mit seiner Formulierungs- und Sprachkunst schafft es Eggers, im Kopf des Lesers wundervolle Bilder entstehen zu lassen. Darüber hinaus ist die Interpretation des jungen Max bemerkenswert gut gelungen. Allein die Passagen vor der abenteuerlichen Reise zu den wilden Kerlen wecken eine starke Sympathie. Das närrische, aufmüpfige Verhalten, dem eine nur Kindern innewohnende Kompromisslosigkeit zugrunde liegt, der milde Sarkasmus sowie die inbrünstige Liebe zur Mutter werden authentisch und einnehmend dargestellt.
Dass die Abgeklärtheit der Gedankengänge phasenweise eher an einen Erwachsenen denken lässt, stört nicht. Im Gegenteil: Eggers schafft es dadurch, dem Buch eine Komponente zu verleihen, die das Kinderbuch-Genre verlässt und den Roman für Erwachsene zugänglich macht.
Dave Eggers ist ein Meister des kreativen Schreibens. Wie er auf spielerische Art und Weise mit der Sprache umgeht, macht ihm so schnell keiner nach. Durch Originalität und ironische Übertreibung werden seine Romane immer wieder zu einem besonderen Genuss. In diesem Werk muss man zwar eher mit der sprachlichen und weniger der inhaltlichen Originalität des Autors vorlieb nehmen, aber trotzdem, auch dieses Dave-Eggers-Buch macht Spaß. Nicht das Debüt-Meisterwerk übertreffend, ein weiteres Buch der Kategorie »lesenswert« jedoch allemal.
Harald Schmidt hat einst über ein wesentlich schlechteres Werk gesagt: »Jugend der Welt – kauf dieses Buch und lies es!« Bei Romanen von Dave Eggers kann man sich dieser Aufforderung nur anschließen.
Christoph Hoffmann

Dave Eggers: »Bei den wilden Kerlen« (Kiepenheuer & Witsch – 18,95 Euro – ISBN: 978-346-204176-7)

Veröffentlicht von gw am 21. Januar 2010 .
Abgelegt unter: gw-Beiträge Kultur | Kein Kommentar vorhanden »

Die Sehnsucht nach Liebe in leidenschaftslosen Partnerschaften (Nick Hornby: “Juliet, Naked”)

Seit gut 15 Jahren wird fast alles, was er anfasst, zu Gold: Bücher, Filmadaptionen und Drehbücher. Er ist Pop-Literat, Musik-Enthusiast und leidenschaftlicher Fußball-Fan. Gestatten: Nick Hornby! Begonnen hat alles mit seinem 1992 erschienenen Erstlingswerk »Fever Pitch«, einer Hommage an das alte, das dreckige, das »boring boring« Arsenal London der 80er Jahre. Für die einen schlicht »das beste Fußballbuch, das jemals geschrieben wurde, und das ist noch untertrieben« (taz). Für die anderen wirkt das veraltete Bild des Vereins eher befremdlich, gilt er doch seit Mitte der 90er Jahre als Inbegriff des schönen, des modernen Fußballs. Dennoch wurde »Fever Pitch« ein Welthit – und wenn selbst Frauenzeitschriften attestieren, es sei ein gutes Buch, kann es nicht nur der Fußball sein, der ins Gewicht fällt.
Immer wiederkehrendes Moment bei Hornby ist die beflissene Pflege von Obsessionen, die den Übergang von Pubertät ins Erwachsenenalter überleben. Und die daraus resultierenden Widrigkeiten des Alltags. So auch in seinem neuen Werk, »Juliet, Naked«: Duncan und Annie sind seit 15 Jahren ein Paar, leben im nordenglischen Badeort Gooleness. Duncan ist Lehrer am College, Annie Leiterin des Museums. Leidenschaft für einander hegen sie keine. Sie ist nicht mit der Zeit erloschen, sie war einfach nie da. Es ist eine Zweckgemeinschaft, die auf Bequemlichkeit beruht. Und doch ist ihr Alltag von einer Leidenschaft geprägt: Jener von Duncan für Tucker Crowe, seit mehr als 20 Jahren untergetauchter Singer-Songwriter der 80er Jahre. So begeben sich die beiden auf Pilgerreise durch die USA, um Orte zu besuchen, die nach Meinung der Crowologen, einer kleinen Internet-Fan-Gemeinde, in der Entwicklung von Tucker Crowes Karriere eine bedeutende Rolle spielten – wie das Klo einer Bar, dem eine beinahe metaphysische Bedeutung zugemessen wird, da es der letzte Ort war, an dem Tucker Crowe gesichtet wurde.
Zurück in Gooleness passiert das Unglaubliche: Annie fällt die Kopie eines neuen Tucker-Crowe-Albums in die Hände. Die Begeisterung Duncans kann sie jedoch nicht teilen. Sie postet daher ihre eigene Kritik des Albums in Duncans Forum und erhält Antwort. Von Tucker Crowe! Es folgt ein virtuelles Tête-à-tête, das längst verloren geglaubte Gefühle erwachen lässt. Sowohl bei Annie, als auch bei Tucker.
»Juliet, Naked« thematisiert die Sehnsucht nach Liebe in leidenschaftslos geführten Partnerschaften. Und, in klassischer Hornby-Manier, die Obsessionen von Männern mittleren Alters. Was bei pubertären Mädchen als Schwärmerei abgetan werden kann, grenzt bei einem erwachsenen Mann zwar ans Lächerliche, doch Hornby schafft es, dies durch gezielten Wortwitz und feine Ironie in sympathischen Enthusiasmus zu verwandeln.
Ein weiteres schönes Element ist die Beziehung zwischen Tucker und seinem sechsjährigen Sohn Jackson, der, im Gegensatz zu den anderen Kindern des ehemaligen Rockstars, von sich behaupten kann, ein inniges Verhältnis zu seinem Vater zu haben.
Die nicht hinterfragte, bedingungslose und bisweilen theatralische Liebe Jacksons sorgt für eine liebevolle Komponente, die dem Buch gut tut. Der trockene, schwarze und fatalistische Humor Tuckers auf der anderen Seite lässt sogar die vorrangig negativen Eigenschaften des Protagonisten in milderem Licht erscheinen.
Um aus der Masse herauszuragen, fehlt »Juliet, Naked« jedoch etwas. Zwar nimmt der Roman am Ende etwas Fahrt auf, doch wirkt dies zu konstruiert und reicht nicht aus, die Belanglosigkeit des phasenweise allzu Kurzweiligen wettzumachen. Hornby-Fans wird das nicht weiter stören. Neu-Leser könnten unter Umständen mehr erwartet haben.
Und trotzdem, »Juliet, Naked« ist ein sprachlich ansprechender, überwiegend humorvoller und in spärlich gesäten Ansätzen liebevoller Roman. Nicht mehr – aber sicher auch nicht weniger. Christoph Hoffmann

Nick Hornby: »Juliet, Naked« (Kiepenheuer & Witsch – 19,90 Euro – ISBN 978-3-462041392)

Veröffentlicht von gw am 21. Januar 2010 .
Abgelegt unter: gw-Beiträge Kultur | Kein Kommentar vorhanden »