Sport-Stammtisch
Dass Leverkusen zu Hause blieb und im Kalten trainierte, während die Konkurrenz in warmen Gefilden trainingslagerte, ist ein genialer Coup oder eine schwere Unterlassungssünde von Jupp Heynckes. Welche Alternative zutrifft, darüber befinden heute die üblichen Experten. Nach dem Abpfiff. Die Feiglinge.
Zu unspektakulär die Vorab-Vermutung, dass sich Vor- und Nachteile die Waage halten. In der Ferne ließ es sich besser trainieren, aber die Pause war nur kurz und der Reisestress ein doppelter. Aber jede Wette, dass heute kernige und von keinem Zweifel angekränkelte Expertisen ausgestellt werden. Coup oder Fehler, dazwischen ist nichts die Frage.
Zur Eintracht wurde in dieser Woche schon alles gesagt. In unseren »Anstoß«-Kolumnen taten’s Henni Nachtsheim und Otto A. Böhmer. Nach der Anti-Bruchhagen-PR-Aktion des geschmeidigen Skibbe steht der Trainer in jedem Ergebnisfall gut da. Clever. Aber nicht unbedingt angenehm. Letzte Worte vor dem ersten Spiel 2010, als Nachsatz von Otto A. Böhmer zu seinen gestrigen Auslassungen: »Ein Resultat dieses merkwürdigen Eintracht-Klimagipfels ist, neben der Verwunderung über die neu entdeckte Harmonie, die Tatsache, dass es Vorstand und Trainer endlich auch mal gemeinsam geschafft haben, die Mannschaft schwach zu reden. Wenn schon von außen nichts (mehr) kommt, ruft sich die Eintracht ihre Aufbauhilfe im eigenen Haus ab. Die Spieler wird’s freuen …«
Nach PR-Aktion riechen auch, leider, die Magerkeits-Bekenntnisse von Martin Schmitt. Vor der Vierschanzentournee mit Interviews medial gut unterwegs, danach noch mehr Aufmerksamkeit durch die »Beichte«, dazwischen Niedermach-Schlagzeilen im Boulevard – wenn schon keine Siege möglich sind, erfreut seine Sponsoren, dass Schmitt anderweitig im Gespräch und bekanntester deutscher Skispringer bleibt. Ein durchaus geldwerter Vorteil.
Auch hier taugen sachliche Überlegungen nicht zur Hype-Schlagzeile: Erstens ist der Branche zu Gute zu halten, dass sie überhaupt einen Body-Mass-Index eingeführt hat (ihn zu modifizieren, dürfte kein Problem und unspektakulär sein) und zweitens kommt es in dieser diffizilen, von vielen Unwägbarkeiten geprägten und unbekümmerte psychische Standfestigkeit verlangenden Sportart immer wieder zu saisonalen Einbrüchen sowohl von Stars als auch von Mitfliegern. Und, bei allem Respekt vor Martin Schmitts sportlicher Lebensleistung, er ist, Magerkeit hin, Burn-out her, sowieso am natürlichen Ende seiner Laufbahn nur noch ein Mitflieger (zu schön wäre es, diese Einschätzung nach Vancouver beschämt revidieren zu müssen).
»And now for something completely different«, würde John Cleese von den Monty Pythons sagen. Zu den seltsamen Wendungen der Karriere von Andre Agassi gehört der Gegner in seinem letzten Spiel überhaupt: B. Becker. Das »B.« steht allerdings für Benjamin und nicht für Boris, mit dem Agassi eine gegenseitige herzliche Abneigung verband. Im Zuge der immer noch laufenden PR-Tour für sein Buch »Open« bekennt Agassi jetzt, dass ihn Becker auf die Palme brachte, als er in einem wichtigen Match Handküsschen zu Agassis damaliger Frau Brooke Shields auf die Tribüne pustete: »Ich hätte ihm eine reinhauen können. Ich habe ihn wirklich dafür gehasst.« – Da fragt man sich heute nur: Was ist seltsamer: Die albernen Handküsschen … oder sich derart ernsthaft drüber aufzuregen?
Uns bleibt noch der Dank für viele angenehme Zeilen von alten und neuen Kolumnen-Lesern. Ein wunderbarer Brief kam zum Beispiel von Susanne Zitelmann aus Reiskirchen: »Seien Sie gewiss, dass Ihre Kolumne immer noch als erstes auf dem Teetisch des Morgens liegt. Selbst Ihre ›Ausflüge‹ in jene Gefilde, die Frauen mit einem leichten Lächeln – zumal jene meines Alters – übergehen, seien Ihnen vergönnt.« Überraschend dann diese Mail: »Vielen Dank für die zahlreichen Kolumnen, die Sie in all den Jahren über mich verfasst haben. Ich freue mich natürlich darüber. Ihnen wünsche ich weiterhin alles Gute und sende Ihnen sportliche Grüße vom Bodensee, Ihr Jan Ullrich.« – Ulle mailt mir! Wenn mir jetzt noch Jay-Jay eine Ansichtskarte schickt … (gw)
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