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Wenn sich in Finden alle zu sehr finden … und in Nordhessen die ganze Welt steckt (Debüt-Vergleich : Adam Hasletts “Union Atlantic” und Stefan Thomes “Grenzgang)

Fünf Jahre lang hatte Adam Haslett, der mit einem Erzählungsband (»Das Gespenst der Liebe«, 2002) in die literarische Welt gekommen war, an seinem Romandebüt »Union Atlantic« gearbeitet, und ausgerechnet in der Woche, in der er das Manuskript abschloss, krachten die Lehman-Brothers zusammen, die Finanzkrise brach aus, mit all den Ingredienzen, die Haslett recherchiert hatte, inklusive abgedrehter und/oder skrupelloser Investment-Banker mit ihren unüberschaubaren Spekulations-Phantasmagorien. Verblüffendes Schriftsteller-Pech beim Timing oder kaltschnäuzig gute PR-Erfindung? Der Verlag rühmt »Union Atlantic« jedenfalls als »das Buch der Stunde«, »ein hellsichtiges, kluges, menschliches Buch über Krieg und Krisen, Gewinne und Verluste«. Der große Jonathan Franzen stimmt ein: »Dieser Roman ist ein seltener Glücksfall. Er ist authentisch und von bezwingender Aktualität.«
Dann lesen wir mal: In Finden, einer Kleinstadt bei Boston, treffen drei sehr unterschiedliche Menschen aufeinander: Doug Fanning, ein junger Kriegsveteran, 1988 beteiligt am Abschuss eines iranischen Passagierjets, andeutungsweise traumatisiert, jedenfalls gefühlsresistent, der in der Privatbank Union Atlantic zum Superstar aufsteigt, indem er die Privatbank zu einem der größten Global Player der Branche macht. Seine Nachbarin Charlotte Graves, in deren beginnender Demenz Sam und Wilkie, die beiden Hunde der pensionierten Geschichtslehrerin, zu sprechen beginnen, aparterweise der eine biblisch, der andere als Malcolm X. Der Dritte im Bunde heißt Nate, ein jugendlicher Loser, Hänger und Kiffer, quasi das Bindeglied zwischen Doug und Charlotte, wobei Nate das Binde-»Glied« im Verlauf der Geschichte buchstäblich im Munde führen muss, eine nicht überzeugende sexuelle Beziehung, ziemlich unvermittelt und mit – aber das ist Geschmacksache – abstoßender sadistischer Komponente.
Das ist erstaunlich routiniert gemacht, liest sich auch sehr spannend, weckt hohe Erwartungen, so dass man allzu holzhämmerige Klischees gerne überliest. Doch dann beginnt die Konstruktion zu sehr zu knirschen, in Finden »finden« sich alle zusammen, auch der oberste Union-Atlantic-Banker Jeffrey Holland, praktischerweise ebenfalls ein Nachbar, sowie Charlottes Bruder Henry, der – welch ein glücklicher Zufall! – Präsident der Federal Reserve Bank ist und als seriöser Banker alter Schule das alte amerikanische und von den Doug Fannings als zu leicht befundene Gegengewicht zu den tonan- und Milliarden ausgebenden jungen Bankzockern bildet. Mit einer durchgeknallten Party der noch durchgeknallteren Frau des Union-Atlantic-Chefs beginnt der Showdown, nach dem alle als Opfer auf der Strecke bleiben. Fast alle.
Noch einmal: Gut erzählt, den Leser seitenweise in den Bann ziehend. Franzen lobt zu Recht, doch seine Starthilfe endet interpretierbar: »Es ist lange her, dass ein amerikanischer Romancier so viel gewagt und von dem, was er sich vorgenommen hat, so viel erreicht hat.« Hat sich Haslett zeugnishaft nur »bemüht«?
Jedenfalls kommen seine global playenden Protagonisten zu deutlich lesbar als Konstrukte aus der Schriftsteller-Werkstatt und nicht aus dem wahren Leben …

… im Gegensatz zu Stefan Thomes in der Provinz verhafteten oder haften gebliebenen Figuren, die leben, als überzeugend authentische Menschen, in deren kleinen nordhessischen Schicksalen die ganze Welt steckt, mit manchmal schaurig-schönem Wiedererkennungseffekt für den Leser – und vor allem auch für die Leserin, nicht nur jene um 40.
Wie bei Haslett ist Thomes »Grenzgang« von einer Dreiecksbeziehung geprägt, allerdings einer aus dem wahren Leben. Es treten auf: Die an alles und jedem und vor allem an sich zweifelnde Kerstin Werner, geschiedene Mutter des pubertär-problematischen Daniel, und dessen Lehrer Thomas Weidmann, den es nach akademischem Absturz aus Berlin in die tiefste Provinz verschlagen hat, nach Bergenstadt, für das, kaum verhüllt, Thomes Heimatstadt Biedenkopf Pate steht.
Auch den Grenzgang gibt es dort wirklich, »das einzigartige Heimatfest, bei dem alle sieben Jahre an drei Tagen die Grenze des Biedenkopfer Stadtwaldes von Bürgern und Gästen abgelaufen wird« (aus der Grenzgang-Homepage).
Den Sieben-Jahre-Turnus des Grenzgangs nutzt Thome dramaturgisch geschickt zu einer Spring-Prozession vorwärts und rückwärts durch deutsche Zeit- und Sittengeschichten zwischen 1985 und 2006. Dabei gelingen ihm in lustvoller Verbildlichung wunderbare Formulierungen wie »die raren Momente, in denen Daniel als eine Art Praktikant am Familienleben teilnimmt« (welche/r Mutter/Vater kennt das nicht!). Oder: Der alte Transistorempfänger, dem »man manchmal einen Klaps versetzen musste, damit er sich auf seinen Sender konzentrierte«. Aber bisweilen übertreibt Thome es ein wenig mit der Verbildlichung, die dann nach Stilblüte riechen kann: »Weiß er gar nicht, dass jeder Gedanke, den sie seit dem Morgen denkt, einem aus dem Nest gefallenen Küken ähnelt: schutzlos einer Umwelt ausgeliefert, die ihm nach dem Leben trachtet.«
Aber das sind Petitessen, die dem ganz und gar erstaunlichen, verblüffend reifen, literarisch anspruchsvollen und nie langweilenden Debütroman nichts anhaben können.
Dieser »Grenzgang« stimmt den Leser freudig, obwohl Thome eine pessimistische Grundnote anschlägt, seine Protagonisten verpassten Lebenschancen nachtrauern, wandelnd »auf dem schmalen Grat zwischen Resignation und Euphorie« (Klappentext) nach Liebe suchen, und das sogar im erotisch deprimierenden Ambiente eines Swinger-Klubs bei Gießen.
Dass Thome seinen Heimatroman komplett in Taipeh geschrieben hat, wo er seit 2005 nach dem Studium der Philosophie und Sinologie als Wissenschaftler arbeitet, wirkt nur auf den ersten Blick erstaunlich – denn zum einen steckt in diesem Heimatroman, siehe oben, die ganze Welt, zum anderen könnte gerade die äußere Abwesenheit von Heimat den inneren Monolog mit ihr bereichern und hat vielleicht diesen »Grenzgang« erst möglich gemacht.
Gibt es bei dieser deprimierten Sucherei nach ein bisschen Glück wenigstens ein bisschen Happy End? Wer tief in den Roman eintaucht, bei und mit seinem Bergenstädter Personal lebend, der wird sich über Thomes Variante eines glücklichen Endes nicht wundern. Bis zum Schluss sich und seiner zeitlichen Spring-Prozession treu bleibend, treibt Thome in einer Vorblende auf die Zukunft vorab ein paar Widerhaken in das Happy End, das wir daher im Wissen dessen lesen, was ihm folgen wird. Zum Beispiel der nächste Grenzgang.
Aber so ist das Leben. Wie soll es bloß weitergehen? Jeder gute Hesse weiß die Antwort: Als weiter! (gw/28.11.2009))

Baumhausbeichte - Novelle