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Nach-Lese (9.1.2010/1. Folge der neuen Kultur-Kolumne im Feuilleton von AZ, WZ und AAZ)

»Die Welt ist alles, was der Fall ist«, behauptete Wittgenstein tief im vergangenen Jahrhundert. Früh im neuen Jahrtausend vereinnahmten und erweiterten die Kulturschaffenden der großen deutschen Feuilletons den Gedanken des Philosophen. Unter der Prämisse »Alles in der Welt ist ein Fall für die Kultur« kümmerten sie sich fortan buchstäblich um Gott und die Welt, vom Klimawandel bis zum Urknall. Der Trend ist nicht nur ungebrochen, er verstärkt sich von Jahr zu Jahr, und wir wollen ihn in dieser neuen Kolumne beobachtend begleiten, in kommentierter und gegebenenfalls amüsierter »Nach-Lese« all dessen, was die Kultur-Kollegen von Frankfurter Allgemeine Zeitung bis Spiegel umtreibt.

Der Prenzlauer Berg, einst Avantgarde, heute eher verschickimickiet, gilt als Zentrum der neuen deutschen Kulturerweiterung, versinnbildlicht in der KulturBrauerei, einer Art kulturellem Erweckungstempel mit Kinos, Konzerthalle, Bars und Discos. Eigenwerbung im Internet: »Die KulturBrauerei ist der ›melting pot‹ der kulturellen Szene der Hauptstadt.« Hauptthema der kulturellen Nomenklatura in Berlin und natürlich auch in Frankfurt aber ist der soeben vollzogene Umzug von Suhrkamp in die Hauptstadt der KulturBrauerei. Außerhalb dieser Eliten verwundert die Inbrunst, mit der eine simple Standortverlegung angegriffen oder verteidigt wird – machen wir etwa so ein Gedöns, wenn wir von Großen-Linden nach Dortelweil umziehen? Aber im Elfenbeinturm tobt der Sturm, türmt sogar stilles Wasser im Glas zum Tsunami auf, dass es knirscht, klirrt und kracht.

Und warum das alles? Cherchez la femme! Es begann schon 1991, Walter Kempowski hat es in seinem Tagebuch »Somnia« notiert: »Bei Suhrkamp hat es Streit gegeben. Der Sohn ist nach Amerika gegangen. Der Alte hat die Berkéwicz geheiratet, über die ich mich im ›Sirius‹ negativ ausgelassen habe. Eine ›Chefin‹ zu haben kann von Vorteil sein.«

Muss aber nicht. Über diese »Chefin« zerreißt sich heute »tout« Frankfurt das Maul, und es vergeht kaum ein Zeitungs-Erscheinungstag, an dem »die Berkéwicz« keine führende Rolle in den Feuilletons spielt. Längst hat die angeblich esoterisch angehauchte Suhrkamp-Obere den Schriftsteller Maxim Biller und dessen bis zur Kenntlichkeit im Roman Esra vorgeführte Ex-Freundin als Insider-Thema Nummer eins abgelöst. Über Ulla Berkéwicz schrieben viele – in »Die Literarische Welt« (Wochenend-Beilage der »Welt«) schreibt sie selbst: »Für jeden, der findet, man gehe zu weit, gibt es mindestens einen, der findet, man gehe längst nicht weit genug. Als bekannt wurde, dass der Suhrkamp Verlag nach Berlin umziehen wird, forderten diejenigen, die fanden, er gehe damit zu weit, er solle in Frankfurt bleiben. Die anderen, die fanden, er gehe längst nicht weit genug, konnten weniger deutlich aussprechen, wo sie den Verlag gern hätten.« – Alles klar? Klar ist in jedem Fall, dass, so weit die Füße auch tragen, kein Ort in Sicht ist, an dem Verlage mit ihren gedruckten Büchern ein einkömmliches Auskommen haben können – online ist überall.

Allmächtiger! Auf dessen Rückkehr bereitet der Spiegel vor, dem Anlass entsprechend in einer Titelgeschichte: »Der Glaube an Gott, den aufgeklärte Agnostiker längst überwunden wähnten, ist stärker denn je. Bibel und Koran, die Betriebssysteme zweier Weltreligionen, wetteifern um die Vorherrschaft. Welcher Glaube ist attraktiver in Zeiten der Globalisierung?« – Eindeutige Antwort eines Gurus der Fußball-Kultur: »Schau’n mer mal.«

Wir schauen kurz rein, was in der Dekadenwende Kultur-Sache war und sein wird. Die Zeit listet ihre »Requisiten des Jahrzehnts« auf: »Coffee to go, i-Phone, Ritalin, Porsche Cayenne, Manufactum.« Seltsames Gefühl, nichts davon benutzt zu haben und nicht einmal zu wissen, was »Manufactum« ist. Doch die Zeit klärt Ignoranten auf: »Ein Katalog, der zur Bibel der Neuen Bürgerlichkeit wird.« Na dann.

Im neuen Jahrzehnt sind wir womöglich auch nicht viel »uptodater«. Aus der »Agenda 2020« im KulturSpiegel: »Outernet, Haute Hausmannskost, Mystery Seeker, Neuromarketing, Social Gaming, Functional Bio-Food, Adultkids, Female Shift.« – »Shift«? Was ist das? Im Zweifelsfall alles, aber ohne »f«.

Es gibt noch mehr, worauf wir verzichten können. Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung stellt ihre Verzichts-Top-Ten vor: »1. Wachstum, 2. Geld, 3. Die Lounge, 4. Kühlschrank, 5. Andy Warhol, 6. Internet, 7. Hirnforschung, 8. Rindfleisch, 9. Mittelklasse, 10. FDP.« – Warum ist die FDP nicht weiter vorn platziert? Müßiger Gedanke, weiß die FAS: »Über die FDP nachzudenken ist eine Zen-Übung: Da ist bloß Leere.«

Ach, »Die Zeit ist aus den Fugen«, und unter dieser Schlagzeile lesen wir in der Welt aktuell Apokalyptisches: »Die christliche Weltanschauung erfährt in einem jenseits von Gut und Böse arbeitenden System die schwerste und brutalste Anbohrung«, die »Verchinesung Europas und Amerikas« ist nahe, »Spanien ist ausgebrannt, Italien kommt nicht mehr ernsthaft in Betracht«. »Kurzum: Die Zeit ist aus den Fugen. Was will das werden? fragen sich alle, blicken einander von der Seite an und sagen: Wir wissen es nicht. Adieu, Leser.«

Tja. Natürlich muss es ein Kulturschaffender sein, der uns am 31. Dezember diese panische Zukunftsangst einjagt, sogar der Kritiker-König schlechthin ist es, der jene grundpessimistischsten Töne anstimmt. Zum Glück aber ist’s nicht Marcel Reich-Ranicki an Silvester 2009, sondern Alfred Kerr am 31. Dezember 1899. Adieu, Leser! (gw)

Baumhausbeichte - Novelle