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Lese-Buch einer Generation (Gerhard Henschel: “Jugendroman”)

»Ich möchte weiß Gott nicht wieder 13 Jahre alt sein«
Fliegender Teppich für frühe »60er« – Mit Wiedererkennungseffekt bei allen Ex-Jugendlichen

Die geburtenstarken Jahrgänge der frühen Sechziger Jahre bilden heute Masse und Motor der Gesellschaft. Der Schriftsteller und »Titanic«-Satiriker Gerhard Henschel, Jahrgang 1962, erinnert sich schon in seinem 2004 erschienenen »Kindheitsroman« (dtv, 11,90 Euro / gebundene Ausgabe bei Hoffmann + Campe, 18 Euro) witzig, anrührend und ungemein detailfreudig an die Zeit, in der seine Generation heranwuchs. Der Roman beginnt im Kinderbettchen und endet knapp 500 Seiten weiter in der Pubertät mit einem Umzug von Koblenz ins verhasste, öde Meppen, ein Umzug, der gleichzeitig ein Abschied von der Kindheit ist.
Gut fünf Jahre später hat Henschel die Fortsetzung des Kindheitsromans abgeschlossen, der logischerweise »Jugendroman« heißt und wie sein Vorgänger »zu etwa 104 Prozent autobiografisch« (Henschel) ist, »ich habe nur die Namen geändert«. Und so heißt der Held des in Vallendar bei Koblenz aufgewachsenen Gerhard Henschel nicht Gerhard Henschel, sondern Martin Schlosser, und dieser, Jahrgang 62, wuchs in Vallendar bei Koblenz auf.
»Ich möchte weiß Gott nicht wieder 13 Jahre alt sein und schon gar nicht in Meppen. Ich war einfach ein Ekelpaket. Für einen selbst ist das Leben so unendlich undurchschaubar.« Wem sagt er das, der Autor? Dieses Lebensgefühl, nicht nur Henschels Generation kennt es, sondern jede vor und nach ihm. Daher ist der »Jugendroman« auch kein Buch ausschließlich für einen altersmäßig eng begrenzten Leserkreis, aber die Generation des Autors wird natürlich ihren ganz besonderen Spaß an vielen zeitgemäßen Wiedererkennungseffekten haben, vom Fernsehprogramm über Schlager, Werbung und Lieblingsessen bis zum Leid an den bornierten Eltern (und umgekehrt).
Das bruchstückhafte Format im Stile des historischen Collagisten Walter Kempowski (den Henschel verehrt) verhindert zwangsläufig das selbstvergessene Eintauchen des Lesers in einen breiten, zielgerichteten Handlungsstrom. Kaum jemand wird den »Jugendroman« in zwei, drei stundenlangen Lesesitzungen verschlingen, er lädt eher dazu ein, häppchenweise genossen zu werden.
Damit sich der »Jugendroman« nicht strukturlos in Details verliert, spinnt Henschel einige durchgängige rote Fäden: die ausführlichen Briefe von Freund Michael aus Koblenz, die zwangsläufig unerfüllte, weil unausgesprochene Liebe zur Mitschülerin Michaela Vogt, sein erfülltes Fan-Leben mit Borussia Mönchengladbach, die eigene hoffnungsvoll nur beginnende B-Jugend-Karriere beim SV Meppen, die ätzenden familiären Arbeitsdienste in Haus und Hof, der ständig im Keller verschwindende Heimwerker-Papa, die Martin nur nervende kleine Schwester Wiebke (man sehnt sich nach einem guten Wort für das arme Kind!) – all das verwebt Henschel zu einem bunten Teppich, auf dem der Leser durch Raum und Zeit fliegt. (gw/24.12.2009)

Gerhard Henschel: »Jugendroman« (Hoffmann und Campe – 23 Euro – ISBN 978-3-455-40041-0)

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