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Klappentext (24.12.2009)

Folgt auf »Kindheitsroman« und »Jugendroman« ein dritter Band, endet die Trilogie folgerichtig mit einem »Liebesroman«? Doch diesen hat Gerhard Henschel schon 2002 mit »Die Liebenden« vorweggenommen – einer bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte, erzählt anhand von bearbeiteten Originalbriefen (Henschels Vorbild Kempowski lässt grüßen). Die Briefe enden 1993, dann ist Kindheits- und Jugendroman-Held Martin also schon längst erwachsen – und »Die Liebenden« sind bzw. waren seine Eltern Richard und Ingeborg Schlosser, von denen wir nun ja wissen, wohin ihre Liebe im ehelichen Alltag führt.
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Weil Martin am Ende ein »politisches Bewusstsein« entwickelt, sieht die »taz« im »Jugendroman« einen »gelungenen Entwicklungsroman«. Aber gerade das sorgt für das einzige unangenehme Lesegefühl, das mich im »Jugendroman« beschleicht. Denn wenn’s um das eigene richtige Bewusstsein geht und gegen das – natürlich! – falsche der anderen, versteht die »taz«-Generation keinen Spaß mehr.
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Im beginnenden letzten Jahrtausend schreibt die »taz« in einer Satire auf menschenbeschädigende »Bild«-Schlagzeilen – aktueller Anlass war die Fehlgeburt der Frau des Schweizer Botschafters – »Bild«-Chefredakteur Kai Diekmann habe sich seinen äußerst winzigen Penis in den USA mit Leichenteilen verlängern lassen, die Operation sei aber schief gegangen – Diekmann kastriert! Der klagt auf Unterlassung und Schmerzensgeld (was das Gericht verweigert) und outet sich so als scheinbar humorfreier Vollsimpel. Die »taz« juxt und gibt ein Kunstwerk in Auftrag, das an ihrem Gebäude direkt gegenüber von Springer angebracht wird: Ein nackter Mann mit Riesenpenis und Diekmann-Gesichtszügen.
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Und nun nimmt das Unheil seinen Lauf. In der »taz«-Redaktion. Das richtige antisexistische Bewusstsein kämpft gegen das richtige Sponti-Bewusstsein, verbissen und humorfrei wird sich intern zerfleischt: Der Penis muss weg! Der Pimmel bleibt dran!
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Diekmann, zuvor nicht als lässiger Ironiker bekannt, nimmt daher seit Oktober 2009 in einem eigenen Blog die »taz« lustvoll auf die Schippe und arbeitet eigene Image-Defizite so gekonnt ab (»Wie viel Schwanz darf’s sein?«), dass selbst der Spiegel fragt: »Wer sind hier eigentlich die Spontis? Und wer der Spießer?«
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Und wer schrieb 2002 in der »taz« die Penis-Satire, mit der alles anfing?
Gerhard Henschel! (gw)

Baumhausbeichte - Novelle