Archiv für den 9. Januar 2010
Nach-Lese (9.1.2010/1. Folge der neuen Kultur-Kolumne im Feuilleton von AZ, WZ und AAZ)
»Die Welt ist alles, was der Fall ist«, behauptete Wittgenstein tief im vergangenen Jahrhundert. Früh im neuen Jahrtausend vereinnahmten und erweiterten die Kulturschaffenden der großen deutschen Feuilletons den Gedanken des Philosophen. Unter der Prämisse »Alles in der Welt ist ein Fall für die Kultur« kümmerten sie sich fortan buchstäblich um Gott und die Welt, vom Klimawandel bis zum Urknall. Der Trend ist nicht nur ungebrochen, er verstärkt sich von Jahr zu Jahr, und wir wollen ihn in dieser neuen Kolumne beobachtend begleiten, in kommentierter und gegebenenfalls amüsierter »Nach-Lese« all dessen, was die Kultur-Kollegen von Frankfurter Allgemeine Zeitung bis Spiegel umtreibt.
Der Prenzlauer Berg, einst Avantgarde, heute eher verschickimickiet, gilt als Zentrum der neuen deutschen Kulturerweiterung, versinnbildlicht in der KulturBrauerei, einer Art kulturellem Erweckungstempel mit Kinos, Konzerthalle, Bars und Discos. Eigenwerbung im Internet: »Die KulturBrauerei ist der ›melting pot‹ der kulturellen Szene der Hauptstadt.« Hauptthema der kulturellen Nomenklatura in Berlin und natürlich auch in Frankfurt aber ist der soeben vollzogene Umzug von Suhrkamp in die Hauptstadt der KulturBrauerei. Außerhalb dieser Eliten verwundert die Inbrunst, mit der eine simple Standortverlegung angegriffen oder verteidigt wird – machen wir etwa so ein Gedöns, wenn wir von Großen-Linden nach Dortelweil umziehen? Aber im Elfenbeinturm tobt der Sturm, türmt sogar stilles Wasser im Glas zum Tsunami auf, dass es knirscht, klirrt und kracht.
Und warum das alles? Cherchez la femme! Es begann schon 1991, Walter Kempowski hat es in seinem Tagebuch »Somnia« notiert: »Bei Suhrkamp hat es Streit gegeben. Der Sohn ist nach Amerika gegangen. Der Alte hat die Berkéwicz geheiratet, über die ich mich im ›Sirius‹ negativ ausgelassen habe. Eine ›Chefin‹ zu haben kann von Vorteil sein.«
Muss aber nicht. Über diese »Chefin« zerreißt sich heute »tout« Frankfurt das Maul, und es vergeht kaum ein Zeitungs-Erscheinungstag, an dem »die Berkéwicz« keine führende Rolle in den Feuilletons spielt. Längst hat die angeblich esoterisch angehauchte Suhrkamp-Obere den Schriftsteller Maxim Biller und dessen bis zur Kenntlichkeit im Roman Esra vorgeführte Ex-Freundin als Insider-Thema Nummer eins abgelöst. Über Ulla Berkéwicz schrieben viele – in »Die Literarische Welt« (Wochenend-Beilage der »Welt«) schreibt sie selbst: »Für jeden, der findet, man gehe zu weit, gibt es mindestens einen, der findet, man gehe längst nicht weit genug. Als bekannt wurde, dass der Suhrkamp Verlag nach Berlin umziehen wird, forderten diejenigen, die fanden, er gehe damit zu weit, er solle in Frankfurt bleiben. Die anderen, die fanden, er gehe längst nicht weit genug, konnten weniger deutlich aussprechen, wo sie den Verlag gern hätten.« – Alles klar? Klar ist in jedem Fall, dass, so weit die Füße auch tragen, kein Ort in Sicht ist, an dem Verlage mit ihren gedruckten Büchern ein einkömmliches Auskommen haben können – online ist überall.
Allmächtiger! Auf dessen Rückkehr bereitet der Spiegel vor, dem Anlass entsprechend in einer Titelgeschichte: »Der Glaube an Gott, den aufgeklärte Agnostiker längst überwunden wähnten, ist stärker denn je. Bibel und Koran, die Betriebssysteme zweier Weltreligionen, wetteifern um die Vorherrschaft. Welcher Glaube ist attraktiver in Zeiten der Globalisierung?« – Eindeutige Antwort eines Gurus der Fußball-Kultur: »Schau’n mer mal.«
Wir schauen kurz rein, was in der Dekadenwende Kultur-Sache war und sein wird. Die Zeit listet ihre »Requisiten des Jahrzehnts« auf: »Coffee to go, i-Phone, Ritalin, Porsche Cayenne, Manufactum.« Seltsames Gefühl, nichts davon benutzt zu haben und nicht einmal zu wissen, was »Manufactum« ist. Doch die Zeit klärt Ignoranten auf: »Ein Katalog, der zur Bibel der Neuen Bürgerlichkeit wird.« Na dann.
Im neuen Jahrzehnt sind wir womöglich auch nicht viel »uptodater«. Aus der »Agenda 2020« im KulturSpiegel: »Outernet, Haute Hausmannskost, Mystery Seeker, Neuromarketing, Social Gaming, Functional Bio-Food, Adultkids, Female Shift.« – »Shift«? Was ist das? Im Zweifelsfall alles, aber ohne »f«.
Es gibt noch mehr, worauf wir verzichten können. Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung stellt ihre Verzichts-Top-Ten vor: »1. Wachstum, 2. Geld, 3. Die Lounge, 4. Kühlschrank, 5. Andy Warhol, 6. Internet, 7. Hirnforschung, 8. Rindfleisch, 9. Mittelklasse, 10. FDP.« – Warum ist die FDP nicht weiter vorn platziert? Müßiger Gedanke, weiß die FAS: »Über die FDP nachzudenken ist eine Zen-Übung: Da ist bloß Leere.«
Ach, »Die Zeit ist aus den Fugen«, und unter dieser Schlagzeile lesen wir in der Welt aktuell Apokalyptisches: »Die christliche Weltanschauung erfährt in einem jenseits von Gut und Böse arbeitenden System die schwerste und brutalste Anbohrung«, die »Verchinesung Europas und Amerikas« ist nahe, »Spanien ist ausgebrannt, Italien kommt nicht mehr ernsthaft in Betracht«. »Kurzum: Die Zeit ist aus den Fugen. Was will das werden? fragen sich alle, blicken einander von der Seite an und sagen: Wir wissen es nicht. Adieu, Leser.«
Tja. Natürlich muss es ein Kulturschaffender sein, der uns am 31. Dezember diese panische Zukunftsangst einjagt, sogar der Kritiker-König schlechthin ist es, der jene grundpessimistischsten Töne anstimmt. Zum Glück aber ist’s nicht Marcel Reich-Ranicki an Silvester 2009, sondern Alfred Kerr am 31. Dezember 1899. Adieu, Leser! (gw)
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Lese-Buch einer Generation (Gerhard Henschel: “Jugendroman”)
»Ich möchte weiß Gott nicht wieder 13 Jahre alt sein«
Fliegender Teppich für frühe »60er« – Mit Wiedererkennungseffekt bei allen Ex-Jugendlichen
Die geburtenstarken Jahrgänge der frühen Sechziger Jahre bilden heute Masse und Motor der Gesellschaft. Der Schriftsteller und »Titanic«-Satiriker Gerhard Henschel, Jahrgang 1962, erinnert sich schon in seinem 2004 erschienenen »Kindheitsroman« (dtv, 11,90 Euro / gebundene Ausgabe bei Hoffmann + Campe, 18 Euro) witzig, anrührend und ungemein detailfreudig an die Zeit, in der seine Generation heranwuchs. Der Roman beginnt im Kinderbettchen und endet knapp 500 Seiten weiter in der Pubertät mit einem Umzug von Koblenz ins verhasste, öde Meppen, ein Umzug, der gleichzeitig ein Abschied von der Kindheit ist.
Gut fünf Jahre später hat Henschel die Fortsetzung des Kindheitsromans abgeschlossen, der logischerweise »Jugendroman« heißt und wie sein Vorgänger »zu etwa 104 Prozent autobiografisch« (Henschel) ist, »ich habe nur die Namen geändert«. Und so heißt der Held des in Vallendar bei Koblenz aufgewachsenen Gerhard Henschel nicht Gerhard Henschel, sondern Martin Schlosser, und dieser, Jahrgang 62, wuchs in Vallendar bei Koblenz auf.
»Ich möchte weiß Gott nicht wieder 13 Jahre alt sein und schon gar nicht in Meppen. Ich war einfach ein Ekelpaket. Für einen selbst ist das Leben so unendlich undurchschaubar.« Wem sagt er das, der Autor? Dieses Lebensgefühl, nicht nur Henschels Generation kennt es, sondern jede vor und nach ihm. Daher ist der »Jugendroman« auch kein Buch ausschließlich für einen altersmäßig eng begrenzten Leserkreis, aber die Generation des Autors wird natürlich ihren ganz besonderen Spaß an vielen zeitgemäßen Wiedererkennungseffekten haben, vom Fernsehprogramm über Schlager, Werbung und Lieblingsessen bis zum Leid an den bornierten Eltern (und umgekehrt).
Das bruchstückhafte Format im Stile des historischen Collagisten Walter Kempowski (den Henschel verehrt) verhindert zwangsläufig das selbstvergessene Eintauchen des Lesers in einen breiten, zielgerichteten Handlungsstrom. Kaum jemand wird den »Jugendroman« in zwei, drei stundenlangen Lesesitzungen verschlingen, er lädt eher dazu ein, häppchenweise genossen zu werden.
Damit sich der »Jugendroman« nicht strukturlos in Details verliert, spinnt Henschel einige durchgängige rote Fäden: die ausführlichen Briefe von Freund Michael aus Koblenz, die zwangsläufig unerfüllte, weil unausgesprochene Liebe zur Mitschülerin Michaela Vogt, sein erfülltes Fan-Leben mit Borussia Mönchengladbach, die eigene hoffnungsvoll nur beginnende B-Jugend-Karriere beim SV Meppen, die ätzenden familiären Arbeitsdienste in Haus und Hof, der ständig im Keller verschwindende Heimwerker-Papa, die Martin nur nervende kleine Schwester Wiebke (man sehnt sich nach einem guten Wort für das arme Kind!) – all das verwebt Henschel zu einem bunten Teppich, auf dem der Leser durch Raum und Zeit fliegt. (gw/24.12.2009)
Gerhard Henschel: »Jugendroman« (Hoffmann und Campe – 23 Euro – ISBN 978-3-455-40041-0)
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Klappentext (24.12.2009)
Folgt auf »Kindheitsroman« und »Jugendroman« ein dritter Band, endet die Trilogie folgerichtig mit einem »Liebesroman«? Doch diesen hat Gerhard Henschel schon 2002 mit »Die Liebenden« vorweggenommen – einer bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte, erzählt anhand von bearbeiteten Originalbriefen (Henschels Vorbild Kempowski lässt grüßen). Die Briefe enden 1993, dann ist Kindheits- und Jugendroman-Held Martin also schon längst erwachsen – und »Die Liebenden« sind bzw. waren seine Eltern Richard und Ingeborg Schlosser, von denen wir nun ja wissen, wohin ihre Liebe im ehelichen Alltag führt.
*
Weil Martin am Ende ein »politisches Bewusstsein« entwickelt, sieht die »taz« im »Jugendroman« einen »gelungenen Entwicklungsroman«. Aber gerade das sorgt für das einzige unangenehme Lesegefühl, das mich im »Jugendroman« beschleicht. Denn wenn’s um das eigene richtige Bewusstsein geht und gegen das – natürlich! – falsche der anderen, versteht die »taz«-Generation keinen Spaß mehr.
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Im beginnenden letzten Jahrtausend schreibt die »taz« in einer Satire auf menschenbeschädigende »Bild«-Schlagzeilen – aktueller Anlass war die Fehlgeburt der Frau des Schweizer Botschafters – »Bild«-Chefredakteur Kai Diekmann habe sich seinen äußerst winzigen Penis in den USA mit Leichenteilen verlängern lassen, die Operation sei aber schief gegangen – Diekmann kastriert! Der klagt auf Unterlassung und Schmerzensgeld (was das Gericht verweigert) und outet sich so als scheinbar humorfreier Vollsimpel. Die »taz« juxt und gibt ein Kunstwerk in Auftrag, das an ihrem Gebäude direkt gegenüber von Springer angebracht wird: Ein nackter Mann mit Riesenpenis und Diekmann-Gesichtszügen.
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Und nun nimmt das Unheil seinen Lauf. In der »taz«-Redaktion. Das richtige antisexistische Bewusstsein kämpft gegen das richtige Sponti-Bewusstsein, verbissen und humorfrei wird sich intern zerfleischt: Der Penis muss weg! Der Pimmel bleibt dran!
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Diekmann, zuvor nicht als lässiger Ironiker bekannt, nimmt daher seit Oktober 2009 in einem eigenen Blog die »taz« lustvoll auf die Schippe und arbeitet eigene Image-Defizite so gekonnt ab (»Wie viel Schwanz darf’s sein?«), dass selbst der Spiegel fragt: »Wer sind hier eigentlich die Spontis? Und wer der Spießer?«
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Und wer schrieb 2002 in der »taz« die Penis-Satire, mit der alles anfing?
Gerhard Henschel! (gw)
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Wenn sich in Finden alle zu sehr finden … und in Nordhessen die ganze Welt steckt (Debüt-Vergleich : Adam Hasletts “Union Atlantic” und Stefan Thomes “Grenzgang)
Fünf Jahre lang hatte Adam Haslett, der mit einem Erzählungsband (»Das Gespenst der Liebe«, 2002) in die literarische Welt gekommen war, an seinem Romandebüt »Union Atlantic« gearbeitet, und ausgerechnet in der Woche, in der er das Manuskript abschloss, krachten die Lehman-Brothers zusammen, die Finanzkrise brach aus, mit all den Ingredienzen, die Haslett recherchiert hatte, inklusive abgedrehter und/oder skrupelloser Investment-Banker mit ihren unüberschaubaren Spekulations-Phantasmagorien. Verblüffendes Schriftsteller-Pech beim Timing oder kaltschnäuzig gute PR-Erfindung? Der Verlag rühmt »Union Atlantic« jedenfalls als »das Buch der Stunde«, »ein hellsichtiges, kluges, menschliches Buch über Krieg und Krisen, Gewinne und Verluste«. Der große Jonathan Franzen stimmt ein: »Dieser Roman ist ein seltener Glücksfall. Er ist authentisch und von bezwingender Aktualität.«
Dann lesen wir mal: In Finden, einer Kleinstadt bei Boston, treffen drei sehr unterschiedliche Menschen aufeinander: Doug Fanning, ein junger Kriegsveteran, 1988 beteiligt am Abschuss eines iranischen Passagierjets, andeutungsweise traumatisiert, jedenfalls gefühlsresistent, der in der Privatbank Union Atlantic zum Superstar aufsteigt, indem er die Privatbank zu einem der größten Global Player der Branche macht. Seine Nachbarin Charlotte Graves, in deren beginnender Demenz Sam und Wilkie, die beiden Hunde der pensionierten Geschichtslehrerin, zu sprechen beginnen, aparterweise der eine biblisch, der andere als Malcolm X. Der Dritte im Bunde heißt Nate, ein jugendlicher Loser, Hänger und Kiffer, quasi das Bindeglied zwischen Doug und Charlotte, wobei Nate das Binde-»Glied« im Verlauf der Geschichte buchstäblich im Munde führen muss, eine nicht überzeugende sexuelle Beziehung, ziemlich unvermittelt und mit – aber das ist Geschmacksache – abstoßender sadistischer Komponente.
Das ist erstaunlich routiniert gemacht, liest sich auch sehr spannend, weckt hohe Erwartungen, so dass man allzu holzhämmerige Klischees gerne überliest. Doch dann beginnt die Konstruktion zu sehr zu knirschen, in Finden »finden« sich alle zusammen, auch der oberste Union-Atlantic-Banker Jeffrey Holland, praktischerweise ebenfalls ein Nachbar, sowie Charlottes Bruder Henry, der – welch ein glücklicher Zufall! – Präsident der Federal Reserve Bank ist und als seriöser Banker alter Schule das alte amerikanische und von den Doug Fannings als zu leicht befundene Gegengewicht zu den tonan- und Milliarden ausgebenden jungen Bankzockern bildet. Mit einer durchgeknallten Party der noch durchgeknallteren Frau des Union-Atlantic-Chefs beginnt der Showdown, nach dem alle als Opfer auf der Strecke bleiben. Fast alle.
Noch einmal: Gut erzählt, den Leser seitenweise in den Bann ziehend. Franzen lobt zu Recht, doch seine Starthilfe endet interpretierbar: »Es ist lange her, dass ein amerikanischer Romancier so viel gewagt und von dem, was er sich vorgenommen hat, so viel erreicht hat.« Hat sich Haslett zeugnishaft nur »bemüht«?
Jedenfalls kommen seine global playenden Protagonisten zu deutlich lesbar als Konstrukte aus der Schriftsteller-Werkstatt und nicht aus dem wahren Leben …
… im Gegensatz zu Stefan Thomes in der Provinz verhafteten oder haften gebliebenen Figuren, die leben, als überzeugend authentische Menschen, in deren kleinen nordhessischen Schicksalen die ganze Welt steckt, mit manchmal schaurig-schönem Wiedererkennungseffekt für den Leser – und vor allem auch für die Leserin, nicht nur jene um 40.
Wie bei Haslett ist Thomes »Grenzgang« von einer Dreiecksbeziehung geprägt, allerdings einer aus dem wahren Leben. Es treten auf: Die an alles und jedem und vor allem an sich zweifelnde Kerstin Werner, geschiedene Mutter des pubertär-problematischen Daniel, und dessen Lehrer Thomas Weidmann, den es nach akademischem Absturz aus Berlin in die tiefste Provinz verschlagen hat, nach Bergenstadt, für das, kaum verhüllt, Thomes Heimatstadt Biedenkopf Pate steht.
Auch den Grenzgang gibt es dort wirklich, »das einzigartige Heimatfest, bei dem alle sieben Jahre an drei Tagen die Grenze des Biedenkopfer Stadtwaldes von Bürgern und Gästen abgelaufen wird« (aus der Grenzgang-Homepage).
Den Sieben-Jahre-Turnus des Grenzgangs nutzt Thome dramaturgisch geschickt zu einer Spring-Prozession vorwärts und rückwärts durch deutsche Zeit- und Sittengeschichten zwischen 1985 und 2006. Dabei gelingen ihm in lustvoller Verbildlichung wunderbare Formulierungen wie »die raren Momente, in denen Daniel als eine Art Praktikant am Familienleben teilnimmt« (welche/r Mutter/Vater kennt das nicht!). Oder: Der alte Transistorempfänger, dem »man manchmal einen Klaps versetzen musste, damit er sich auf seinen Sender konzentrierte«. Aber bisweilen übertreibt Thome es ein wenig mit der Verbildlichung, die dann nach Stilblüte riechen kann: »Weiß er gar nicht, dass jeder Gedanke, den sie seit dem Morgen denkt, einem aus dem Nest gefallenen Küken ähnelt: schutzlos einer Umwelt ausgeliefert, die ihm nach dem Leben trachtet.«
Aber das sind Petitessen, die dem ganz und gar erstaunlichen, verblüffend reifen, literarisch anspruchsvollen und nie langweilenden Debütroman nichts anhaben können.
Dieser »Grenzgang« stimmt den Leser freudig, obwohl Thome eine pessimistische Grundnote anschlägt, seine Protagonisten verpassten Lebenschancen nachtrauern, wandelnd »auf dem schmalen Grat zwischen Resignation und Euphorie« (Klappentext) nach Liebe suchen, und das sogar im erotisch deprimierenden Ambiente eines Swinger-Klubs bei Gießen.
Dass Thome seinen Heimatroman komplett in Taipeh geschrieben hat, wo er seit 2005 nach dem Studium der Philosophie und Sinologie als Wissenschaftler arbeitet, wirkt nur auf den ersten Blick erstaunlich – denn zum einen steckt in diesem Heimatroman, siehe oben, die ganze Welt, zum anderen könnte gerade die äußere Abwesenheit von Heimat den inneren Monolog mit ihr bereichern und hat vielleicht diesen »Grenzgang« erst möglich gemacht.
Gibt es bei dieser deprimierten Sucherei nach ein bisschen Glück wenigstens ein bisschen Happy End? Wer tief in den Roman eintaucht, bei und mit seinem Bergenstädter Personal lebend, der wird sich über Thomes Variante eines glücklichen Endes nicht wundern. Bis zum Schluss sich und seiner zeitlichen Spring-Prozession treu bleibend, treibt Thome in einer Vorblende auf die Zukunft vorab ein paar Widerhaken in das Happy End, das wir daher im Wissen dessen lesen, was ihm folgen wird. Zum Beispiel der nächste Grenzgang.
Aber so ist das Leben. Wie soll es bloß weitergehen? Jeder gute Hesse weiß die Antwort: Als weiter! (gw/28.11.2009))
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Klappentext (28.11.2009)
»Kerstin blickt zu ihrem Sohn, aber der hört nicht zu, sondern verfolgt das Geschehen im Fernsehen, und zwar wie immer, wenn Reinhold Beckmann kommentiert, mit abgedrehtem Ton.« Natürlich hat ein Roman, in dem wir einen solchen Satz lesen, beim Beckmann-Allergiker einen dicken Stein im Brett, aber Stephan Thomes »Grenzgang« bietet mehr als diese Abneigungs-Übereinstimmung. Auch dass Hessen der Schauplatz ist, spielt keine lokalpatriotisch beeinflussende Rolle beim Vergleich zweier unterschiedlichster Roman-Debütanten, den Thome deutlich gewinnt. Denn Adam Hasletts »Union Atlantic«, vom Verlag und überregionalen Kollegen (Ausnahme: Matthias Matussek im »Spiegel«) fast hymnisch gepriesen, weckt als Welt-Roman Erwartungen, die er nur halb, der Provinz-Roman aber ganz erfüllt.
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»Stein im Brett«? Die Redewendung kannte man schon im 16. Jahrhundert, sie kommt von einem damals beliebten Brettspiel und taucht literarisch dann erstmals in »Wallensteins Lager« auf (erster Kürassier über Max Piccolomini: »Hat auch einen großen Stein im Brett / Bei des Kaisers und Königs Majestät«). Einen etwas kleineren Stein, aber immerhin ein noch ansehnliches Steinchen im Brett hat Nick Hornby bei Christoph Hoffmann, der sich für seine Besprechung von »Juliet, Naked« einen abrundenden Eindruck holte, indem er eine Lesung des englischen Autors am 10. November in Berlin »live« anhörte und -sah, im Admiralspalast, unweit der Jubiläums-Feierlichkeiten zum zwanzigsten Jahrestag der Wiedervereinigung. Hornby begrüßte die Lesungs-Gäste mit seinem typischen Humor: »Danke für Ihr Kommen, vielen Dank. Ich weiß, es ist ein sehr wichtiger Tag für die Deutschen und vor allem für die Berliner. Die ganze Stadt feiert ein großes Jubiläum: Vor 40 Jahren wurde Jens Lehmann geboren.«
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Haslett (Jahrgang 1970) ist noch keine 40, sein »Kontrahent« Thome sogar noch etwas jünger (1972), im Vergleich zu diesen beiden gehört der imagejugendliche Hornby (Jahrgang 1957) schon zu den ganz alten Hasen der Literatur. Merkwürdigkeit am Rande bei Haslett: »Union Atlantic« wurde am 10. November – also zufällig am Berliner Hornby-Lesungstag – in der deutschen Übersetzung als Weltpremiere vorgestellt, in den USA erscheint das Buch in der Originalsprache erst im Februar 2010. Seltsam. Riecht nach deutschem Testmarkt.
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Apropos Riechen: »Schweiß macht attraktiv« – behaupten Wissenschaftler, die Frauen an männlichem Schweiß schnuppern ließen, worauf diese den jeweiligen Mann sofort attraktiver fanden. Na ja, schon Friedrich Gottlieb Klopstock pries die Qualitäten »des Schweißes der Edlen«.
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Allerdings: Wissenschaftlich stinkt doch da irgendwas ganz gewaltig! Erinnern Sie sich, wie Kevin Kline in »Ein Fisch namens Wanda« die Nase zwischen die Achseln steckte und sich an seinem Schweißgeruch berauschte? Männer, die wirklich glauben, das mache ihnen die Damenwelt williger, unterliegen einem grotesken 77-Jungfrauen-im-Paradies-Missverständnis.
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Nick Hornby brachte in einem SZ-Interview ein weiteres Missverständnis auf den Punkt, das schon viel männliches Herzweh verursacht hat: »Die Unfähigkeit unglücklich verliebter Männer, ihre Chancen real einzuschätzen, und die Sturheit, es dennoch immer wieder zu versuchen«. (gw)
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9. Januar 2010 .
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