Archiv für den 9. Januar 2010
Nach-Lese (9.1.2010/1. Folge der neuen Kultur-Kolumne im Feuilleton von AZ, WZ und AAZ)
»Die Welt ist alles, was der Fall ist«, behauptete Wittgenstein tief im vergangenen Jahrhundert. Früh im neuen Jahrtausend vereinnahmten und erweiterten die Kulturschaffenden der großen deutschen Feuilletons den Gedanken des Philosophen. Unter der Prämisse »Alles in der Welt ist ein Fall für die Kultur« kümmerten sie sich fortan buchstäblich um Gott und die Welt, vom Klimawandel bis zum Urknall. Der Trend ist nicht nur ungebrochen, er verstärkt sich von Jahr zu Jahr, und wir wollen ihn in dieser neuen Kolumne beobachtend begleiten, in kommentierter und gegebenenfalls amüsierter »Nach-Lese« all dessen, was die Kultur-Kollegen von Frankfurter Allgemeine Zeitung bis Spiegel umtreibt.
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9. Januar 2010 .
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Lese-Buch einer Generation (Gerhard Henschel: “Jugendroman”)
»Ich möchte weiß Gott nicht wieder 13 Jahre alt sein«
Fliegender Teppich für frühe »60er« - Mit Wiedererkennungseffekt bei allen Ex-Jugendlichen
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Klappentext (24.12.2009)
Folgt auf »Kindheitsroman« und »Jugendroman« ein dritter Band, endet die Trilogie folgerichtig mit einem »Liebesroman«? Doch diesen hat Gerhard Henschel schon 2002 mit »Die Liebenden« vorweggenommen - einer bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte, erzählt anhand von bearbeiteten Originalbriefen (Henschels Vorbild Kempowski lässt grüßen). Die Briefe enden 1993, dann ist Kindheits- und Jugendroman-Held Martin also schon längst erwachsen - und »Die Liebenden« sind bzw. waren seine Eltern Richard und Ingeborg Schlosser, von denen wir nun ja wissen, wohin ihre Liebe im ehelichen Alltag führt.
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Weil Martin am Ende ein »politisches Bewusstsein« entwickelt, sieht die »taz« im »Jugendroman« einen »gelungenen Entwicklungsroman«. Aber gerade das sorgt für das einzige unangenehme Lesegefühl, das mich im »Jugendroman« beschleicht. Denn wenn’s um das eigene richtige Bewusstsein geht und gegen das - natürlich! - falsche der anderen, versteht die »taz«-Generation keinen Spaß mehr.
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Im beginnenden letzten Jahrtausend schreibt die »taz« in einer Satire auf menschenbeschädigende »Bild«-Schlagzeilen - aktueller Anlass war die Fehlgeburt der Frau des Schweizer Botschafters - »Bild«-Chefredakteur Kai Diekmann habe sich seinen äußerst winzigen Penis in den USA mit Leichenteilen verlängern lassen, die Operation sei aber schief gegangen - Diekmann kastriert! Der klagt auf Unterlassung und Schmerzensgeld (was das Gericht verweigert) und outet sich so als scheinbar humorfreier Vollsimpel. Die »taz« juxt und gibt ein Kunstwerk in Auftrag, das an ihrem Gebäude direkt gegenüber von Springer angebracht wird: Ein nackter Mann mit Riesenpenis und Diekmann-Gesichtszügen.
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Und nun nimmt das Unheil seinen Lauf. In der »taz«-Redaktion. Das richtige antisexistische Bewusstsein kämpft gegen das richtige Sponti-Bewusstsein, verbissen und humorfrei wird sich intern zerfleischt: Der Penis muss weg! Der Pimmel bleibt dran!
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Diekmann, zuvor nicht als lässiger Ironiker bekannt, nimmt daher seit Oktober 2009 in einem eigenen Blog die »taz« lustvoll auf die Schippe und arbeitet eigene Image-Defizite so gekonnt ab (»Wie viel Schwanz darf’s sein?«), dass selbst der Spiegel fragt: »Wer sind hier eigentlich die Spontis? Und wer der Spießer?«
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Und wer schrieb 2002 in der »taz« die Penis-Satire, mit der alles anfing?
Gerhard Henschel! (gw)
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Wenn sich in Finden alle zu sehr finden … und in Nordhessen die ganze Welt steckt (Debüt-Vergleich : Adam Hasletts “Union Atlantic” und Stefan Thomes “Grenzgang)
Fünf Jahre lang hatte Adam Haslett, der mit einem Erzählungsband (»Das Gespenst der Liebe«, 2002) in die literarische Welt gekommen war, an seinem Romandebüt »Union Atlantic« gearbeitet, und ausgerechnet in der Woche, in der er das Manuskript abschloss, krachten die Lehman-Brothers zusammen, die Finanzkrise brach aus, mit all den Ingredienzen, die Haslett recherchiert hatte, inklusive abgedrehter und/oder skrupelloser Investment-Banker mit ihren unüberschaubaren Spekulations-Phantasmagorien. Verblüffendes Schriftsteller-Pech beim Timing oder kaltschnäuzig gute PR-Erfindung? Der Verlag rühmt »Union Atlantic« jedenfalls als »das Buch der Stunde«, »ein hellsichtiges, kluges, menschliches Buch über Krieg und Krisen, Gewinne und Verluste«. Der große Jonathan Franzen stimmt ein: »Dieser Roman ist ein seltener Glücksfall. Er ist authentisch und von bezwingender Aktualität.«
Dann lesen wir mal: In Finden, einer Kleinstadt bei Boston, treffen drei sehr unterschiedliche Menschen aufeinander: Doug Fanning, ein junger Kriegsveteran, 1988 beteiligt am Abschuss eines iranischen Passagierjets, andeutungsweise traumatisiert, jedenfalls gefühlsresistent, der in der Privatbank Union Atlantic zum Superstar aufsteigt, indem er die Privatbank zu einem der größten Global Player der Branche macht. Seine Nachbarin Charlotte Graves, in deren beginnender Demenz Sam und Wilkie, die beiden Hunde der pensionierten Geschichtslehrerin, zu sprechen beginnen, aparterweise der eine biblisch, der andere als Malcolm X. Der Dritte im Bunde heißt Nate, ein jugendlicher Loser, Hänger und Kiffer, quasi das Bindeglied zwischen Doug und Charlotte, wobei Nate das Binde-»Glied« im Verlauf der Geschichte buchstäblich im Munde führen muss, eine nicht überzeugende sexuelle Beziehung, ziemlich unvermittelt und mit - aber das ist Geschmacksache - abstoßender sadistischer Komponente.
Das ist erstaunlich routiniert gemacht, liest sich auch sehr spannend, weckt hohe Erwartungen, so dass man allzu holzhämmerige Klischees gerne überliest. Doch dann beginnt die Konstruktion zu sehr zu knirschen, in Finden »finden« sich alle zusammen, auch der oberste Union-Atlantic-Banker Jeffrey Holland, praktischerweise ebenfalls ein Nachbar, sowie Charlottes Bruder Henry, der - welch ein glücklicher Zufall! - Präsident der Federal Reserve Bank ist und als seriöser Banker alter Schule das alte amerikanische und von den Doug Fannings als zu leicht befundene Gegengewicht zu den tonan- und Milliarden ausgebenden jungen Bankzockern bildet. Mit einer durchgeknallten Party der noch durchgeknallteren Frau des Union-Atlantic-Chefs beginnt der Showdown, nach dem alle als Opfer auf der Strecke bleiben. Fast alle.
Noch einmal: Gut erzählt, den Leser seitenweise in den Bann ziehend. Franzen lobt zu Recht, doch seine Starthilfe endet interpretierbar: »Es ist lange her, dass ein amerikanischer Romancier so viel gewagt und von dem, was er sich vorgenommen hat, so viel erreicht hat.« Hat sich Haslett zeugnishaft nur »bemüht«?
Jedenfalls kommen seine global playenden Protagonisten zu deutlich lesbar als Konstrukte aus der Schriftsteller-Werkstatt und nicht aus dem wahren Leben …
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Klappentext (28.11.2009)
»Kerstin blickt zu ihrem Sohn, aber der hört nicht zu, sondern verfolgt das Geschehen im Fernsehen, und zwar wie immer, wenn Reinhold Beckmann kommentiert, mit abgedrehtem Ton.« Natürlich hat ein Roman, in dem wir einen solchen Satz lesen, beim Beckmann-Allergiker einen dicken Stein im Brett, aber Stephan Thomes »Grenzgang« bietet mehr als diese Abneigungs-Übereinstimmung. Auch dass Hessen der Schauplatz ist, spielt keine lokalpatriotisch beeinflussende Rolle beim Vergleich zweier unterschiedlichster Roman-Debütanten, den Thome deutlich gewinnt. Denn Adam Hasletts »Union Atlantic«, vom Verlag und überregionalen Kollegen (Ausnahme: Matthias Matussek im »Spiegel«) fast hymnisch gepriesen, weckt als Welt-Roman Erwartungen, die er nur halb, der Provinz-Roman aber ganz erfüllt.
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»Stein im Brett«? Die Redewendung kannte man schon im 16. Jahrhundert, sie kommt von einem damals beliebten Brettspiel und taucht literarisch dann erstmals in »Wallensteins Lager« auf (erster Kürassier über Max Piccolomini: »Hat auch einen großen Stein im Brett / Bei des Kaisers und Königs Majestät«). Einen etwas kleineren Stein, aber immerhin ein noch ansehnliches Steinchen im Brett hat Nick Hornby bei Christoph Hoffmann, der sich für seine Besprechung von »Juliet, Naked« einen abrundenden Eindruck holte, indem er eine Lesung des englischen Autors am 10. November in Berlin »live« anhörte und -sah, im Admiralspalast, unweit der Jubiläums-Feierlichkeiten zum zwanzigsten Jahrestag der Wiedervereinigung. Hornby begrüßte die Lesungs-Gäste mit seinem typischen Humor: »Danke für Ihr Kommen, vielen Dank. Ich weiß, es ist ein sehr wichtiger Tag für die Deutschen und vor allem für die Berliner. Die ganze Stadt feiert ein großes Jubiläum: Vor 40 Jahren wurde Jens Lehmann geboren.«
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Haslett (Jahrgang 1970) ist noch keine 40, sein »Kontrahent« Thome sogar noch etwas jünger (1972), im Vergleich zu diesen beiden gehört der imagejugendliche Hornby (Jahrgang 1957) schon zu den ganz alten Hasen der Literatur. Merkwürdigkeit am Rande bei Haslett: »Union Atlantic« wurde am 10. November - also zufällig am Berliner Hornby-Lesungstag - in der deutschen Übersetzung als Weltpremiere vorgestellt, in den USA erscheint das Buch in der Originalsprache erst im Februar 2010. Seltsam. Riecht nach deutschem Testmarkt.
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Apropos Riechen: »Schweiß macht attraktiv« - behaupten Wissenschaftler, die Frauen an männlichem Schweiß schnuppern ließen, worauf diese den jeweiligen Mann sofort attraktiver fanden. Na ja, schon Friedrich Gottlieb Klopstock pries die Qualitäten »des Schweißes der Edlen«.
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Allerdings: Wissenschaftlich stinkt doch da irgendwas ganz gewaltig! Erinnern Sie sich, wie Kevin Kline in »Ein Fisch namens Wanda« die Nase zwischen die Achseln steckte und sich an seinem Schweißgeruch berauschte? Männer, die wirklich glauben, das mache ihnen die Damenwelt williger, unterliegen einem grotesken 77-Jungfrauen-im-Paradies-Missverständnis.
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Nick Hornby brachte in einem SZ-Interview ein weiteres Missverständnis auf den Punkt, das schon viel männliches Herzweh verursacht hat: »Die Unfähigkeit unglücklich verliebter Männer, ihre Chancen real einzuschätzen, und die Sturheit, es dennoch immer wieder zu versuchen«. (gw)
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