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Zwischen Dulden und Aufbegehren (Friedrich Torberg: “Mein ist die Rache”)

Es ist einer der berühmtesten letzten Sätze der Literaturgeschichte, mit denen Friedrich Torbergs Novelle »Mein ist die Rache« endet, die nun in kommentierter Neuausgabe vorliegt, herausgegeben und mit einem – sehr lesenswerten, ausführlichen und informativen – Nachwort von Marcel Atze.
Den Satz verraten wir natürlich nicht, zu groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass ihn manche Leser (wie zuvor der Schreiber dieser Zeilen) nicht kennen, die das Taschenbüchlein in die Hand nehmen, das aus Anlass des 100. Geburtstages von Torberg erschienen ist.
Nur soviel, auch wenn der Vergleich ungebührlich erscheint: Der Satz trifft ebenso unvermittelt, überraschend, den Atem verschlagend, wie es damals einem jungen Leser erging, der in Agatha Christies »Alibi« neugierig und spannungsgeplagt ins letzte Drittel des Buches linste – und total perplex feststellte, dass »Ich« es war . . .
Wirklich nicht zu empfehlen, den letzten Satz vorab zu lesen, zumal er sehr umstritten ist: »Mein einziger Einwand ist gegen den Schluss. Vielleicht zu gut pointiert« (Max Brod). Torberg erwiderte dem Freund: »Ich hatte aber wirklich keine literarische Superpointe beabsichtigt, sondern es schien mir eine ganz selbstverständliche Abrundung des Wahnsinnsbildes, das von Aschkenasy doch entstehen muss.«
Aschkenasy, das ist jener hagere Mann, den der Erzähler der kurzen Rahmengeschichte im November 1940 am Pier von New Jersey immer wieder dann trifft, wenn ein Schiff aus Europa ankommt. Der namenlose Erzähler erwartet und empfängt geflohene Freunde, Aschkenazy bleibt stets alleine. Wartet er? Auf wen?
»›Verzeihen Sie‹, sagte ich. ›Ich sehe Sie nun schon so oft hier am Pier – erwarten Sie jemand Bestimmten?‹ (…) ›Jemand Bestimmten?‹, fragte er nachdenklich und senkte den Kopf.«
Nein. Aschkenazy wartet auf niemand Bestimmten.
»›Aber ich warte auf fünfundsiebzig. Und keiner kommt.‹«
Der Erzähler fragt nach, Aschkenazy willigt ein, seine Geschichte zu erzählen. »›Aber ich warne Sie!‹ sagte er plötzlich. ›Es ist keine Geschichte, die man nur so zum Zeitvertreib erzählen und zum Zeitvertreib mit anhören kann.‹«
Und die man auch nicht zum Zeitvertreib lesen kann – die Geschichte jenes Konzentrationslagers, in dem ein neuer Lagerkommandant den Befehl zur Ausrottung des Weltjudentums ganz persönlich in die Hand nimmt.
Die Novelle, erstmals erschienen 1943 in Los Angeles, ist schwer erträglich, aber nicht aus der Hand zu legen, bis zum bitteren Ende. Sie thematisiert schon früh ein jüdisches Trauma, den Zwiespalt zwischen Dulden und Aufbegehren, und sie zieht den gebannten und geschockten Leser so intensiv in diesen Zwiespalt hinein, dass er die grauenhaften Geschehnisse fast wie einer der fünfundsiebzig Lagerhäftlinge miterleidet.
Generationen von Schülern haben Torbergs berühmtestes Buch gelesen, den »Schüler Gerber«, und sie werden in »Mein ist die Rache« durchaus Parallelen finden zwischen dem sadistischen Lehrer Artur Kupfer aus Torbergs Debüt und dessen logischer Fortsetzung, dem brutal-abartigen SS-Offizier Hermann Wagenseil mit seinen perversen »pädagogischen« Vorlieben.
Eigentlich hat diese Novelle nicht 75 Seiten, sondern 150 – denn sie liest sich nach dem Knalleffekt des Schluss-Satzes noch einmal unter einer ganz anderen Perspektive.
Und ob dieser letzte Satz nur eine willkürlich gesetzte Pointe ist oder die zwingende Folge des Erzählten – das mag jeder Leser für sich selbst entscheiden. (gw/18.102008)

Friedrich Torberg: »Mein ist die Rache« (herausgegeben mit einem Nachwort und einer Zeittafel von Marcel Atze – dtv – 7,90 Euro – ISBN 978-3-423-13686-0)

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