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Wenn Frauen gute Krimis schreiben (Sechs starke Neuerscheinungen)

Wenn Frauen gute Krimis schreiben, steckt meistens eine gute Journalistin dahinter – wie bei fünf der sechs hier vorgestellten Neuerscheinungen. Bevor wir daraus eine Regel ableiten oder gar ein Erfolgsrezept, schauen wir uns Dame Nummer sechs an: P. D. James. Erlernter anständiger Beruf: Krankenschwester. Ihr neuer Roman ist kein guter Krimi wie die anderen, sondern der mit Abstand beste – was aber natürlich nur eine hemmungslos subjektive Wahrnehmung ist.

Wie in allen ihren bisherigen Romanen (zuletzt »Im Saal der Mörder«/2004) zieht uns P(hyllis) D(orothy) James auch in »Wo Licht und Schatten ist«, ihrem siebzehnten, nicht mit atemlosen Hetzjagden oder schauerlichen gerichtsmedizinischen Details in den Bann, sondern mit bedächtig-durchdacht aufgebauter Spannung.

Schauplatz ist eine abgeschiedene und abgeriegelte Insel vor der Küste von Cornwall, wo ein Ekelpaket von Bestsellerautor in einem Leuchtturm jämmerlich zu Tode kommt. Ähnliche Fälle auf ähnlichen Schauplätzen hat Commander Adam Dalgliesh schon einige gelöst, aber diesmal kommt erschwerend hinzu, dass P. D. James ihn nicht nur weiterhin mit seiner very britischen Liebe zu Emma beutelt, sondern auch mit dem Verdacht auf die Lungenkrankheit Sars. Aber keine Angst: Krankenschwester P. D. lässt ihren alten Adam nicht verkommen – wir wollen schließlich noch mehr Fälle gemeinsam mit ihm lösen. Auch den der Hochzeit mit Emma.

Man versinkt in »Wo Licht und Schatten ist« wie in einem gediegenen, gemütlichen Ohrensessel, bleibt aber hellwach, weil ein Mörder auf der Lauer liegt und wir ihn in jeder Zeile mitsuchen – denn bei P. D. James bleibt kein loser Handlungsfaden liegen, alle werden logisch verknüpft zu einem engmaschigen Netz, in dem sich nur der Täter verfängt und die Autorin nie verheddert. Auch das ist eine Meisterleistung, von der sich schlampigere Autoren ein paar Faden abknüpfen könnten.

Ruth Rendell (Jahrgang 1930) ist zehn Jahre jünger als P. D. James, hat aber (auch unter ihrem Pseudonym Barbara Vine) bereits deutlich mehr Romane geschrieben, fast so viele, wie sie Jahre zählt. Diesmal lässt sie uns an dem »Duft des Bösen« schnuppern: Ein Mörder geht um, der junge Frauen erdrosselt und immer ein Souvenir seiner Tat mitnimmt. Da bei einem der Opfer Bisswunden im Nacken festgestellt werden, hat der mordende Fetischist schnell seinen Schlagzeilen-Namen weg: »der Rottweiler«. Aber die Spur führt nicht zu einer angeheirateten Royal, sondern . . . wird nicht verraten.

Ruth Rendell hat Klassiker der Krimi-Literatur geschrieben, ihr Inspector Wexford gehört zu den Beliebtesten seiner Zunft, und wenn sie ihn (leider wieder einmal) ganz außen vor lässt, wie in »Der Duft des Bösen«, beschleicht den Leser leise Enttäuschung. Die konnte eine Rendell oft schon mit ab- und tiefgründiger Spannung vertreiben. Das gelingt ihr diesmal nicht ganz. Auch überzeugen nicht alle ihrer (vor allem die jungen) Charaktere. »Der Duft des Bösen« ist nicht das Beste von Rendell – aber gut genug für ein paar spannende Krimi-Stunden.

Nach den beiden alten ein ganz neuer Name: Catherine Gildiner. »Die Verführung« ist der erste Roman der Nordamerikanerin (Jahrgang 1948). Da die Journalistin Gildiner früher als promovierte Psychologin eine eigene Praxis leitete und ausgewiesene Freud-Kennerin ist, liegt es nahe, dass ihr Erstling »ein Freud-Krimi« (Untertitel) geworden ist. Der Plot scheint ein wenig seltsam: Kate Fitzgerald, die ihren Mann umgebracht hat, aber nicht mehr weiß warum, bildet sich im Knast zu einer Freud-Expertin weiter. Nach neun Jahren Haft bietet ihr der Gefängnispsychiater die vorzeitige Entlassung an, aber nur, wenn sie bei der Aufklärung mysteriöser und schließlich mörderischer Vorkommnisse im Wiener Freud-Zirkel behilflich ist. Klingt wie ein hölzernes Vehikel, um Freud-Sachkenntnis zu transportieren und ein psychologisches Proseminar abzuhalten, doch die klappernde Handlung schnurrt dann schnell und spannend ab und macht nicht nur Freudianern einen Mordsspaß.

Zwei deutsche Journalistinnen haben sich schon länger in der Krimi-Szene etabliert. Felicitas Mayall legt mit »Die Löwin aus Cinque Terre« bereits ihren dritten Roman um die Münchner Kommissarin Laura Gottberg (und ihr schwieriges italienisches Liebes-Verhältnis mit Angelo Guerrini) vor, Cora Stephan ist als Anne Chaplet schon länger im Krimi-Geschäft erfolgreich.

Mayall hat ein großes Herz für Frauen und Fremde, die unter den Verhältnissen leiden, seien es nationale oder familiäre. Ein italienisches Au-pair-Mädchen stürzt in einem Münchner Hinterhof zu Tode, bei Laura Gottwalds türkischen Nachbarn geht es nicht nur verbal hoch her, Lauras geschiedener Ehemann lässt sich blicken und bringt sie auf die Palme, Angelo kündigt seinen Besuch an – da reißt Kommissarin Gottwald lieber reisend aus nach Ligurien, nach Riomaggiore in den Cinque Terre, in die Heimat des Au-pair-Mädchens, um dort mehr über die Tote und die Art ihres Todes zu erfahren. Mayall rührt alle Ingredienzen an, die nach Erfolg schmecken, das liest sich süffig, für den männlichen Leser vielleicht etwas zu sehr nach gehobener Frauenzeitschrift, aber das dürfte ja auch die Kern-Zielgruppe der Autorin sein. Doch auch vom anderen Geschlecht her liest mann »Die Löwin aus Cinque Terre« als überdurchschnittlich guten (Urlaubs-)Krimi, der seine beiden Vorgänger »Nacht der Stachelschweine« und »Wie Krähen im Nebel« noch einmal deutlich übertrifft.

Cora Stephan, die u. a. im oberhessischen Mücke lebende Top-Journalistin, die in diesem Beruf zu Recht als brillant, nüchtern, logisch-analytisch gilt, tobt sich als Anne Chaplet mit Lust und Laune im Krimi aus, wobei sie früher auch schon mal souverän einen überflüssig gewordenen Handlungsfaden ignorierte. Das verzeiht man ihr aber gerne, denn seit »Caruso singt nicht mehr«, ihrem fast genial zu nennenden Erstling, produziert sie Schlag auf Schlag Krimis der gehobenen Güteklasse. »Sauberer Abgang« gehört wieder dazu, auch wenn der uns ans Herz gewachsene Paul Bremer und sein Heimatdorf Klein Roda (Mücke lässt grüßen) nur eine winzige Neben- bzw. so gut wie gar keine Rolle spielen. Stattdessen ermittelt wieder dessen alte Bekannte Karen Stark, die Staatsanwältin, die auf eine Geschichte von Schuld, Erpressung, Liebe und Hass stößt, die in Frankfurter Alt-68er-Tagen ihren Anfang genommen und nun ihre Mordopfer gefunden hat.

Stark und Bremer bei Chaplet, Gottwald und Guerrini bei Mayall, Wexford (oft) bei Rendell und Dalgliesh (immer) bei James: Auf solche dem Leser lieb gewordene Protagonisten verzichtet Minette Walters, die stets neues Personal um sich schart, das oft Mühe hat, dem Leser ans Herz zu wachsen. Auch »Des Teufels Werk« buhlt nicht um unsere Sympathie, sondern baut erst einmal ein Konstrukt und dann ganz langsam Spannung auf. Connie Burns, eine Journalistin, die häufig in Krisenregionen arbeitet, begegnet in Sierra Leone einem abartigen Sadisten von Mann, den sie bestialischer Morde verdächtigt, die ihm aber nicht nachgewiesen werden können. Später trifft sie ihn in Bagdad wieder – und der Psychopath rächt sich auf grausame Weise. Connie überlebt, zieht sich, von Panikattacken gequält, nach England zurück in ein Landhaus in Dorset, wo sie eine andere Außenseiterin kennen lernt, ihre menschenscheue Nachbarin Jess. Bis hierher wird die Szene für den folgenden fulminanten Auftritt betont sachlich, ja fast langweilig vorbereitet, vor allem mit dem Abdruck von E-Mail-Verkehr. Doch dann, Logik hin, Wahrscheinlichkeit her, bekommen die beiden Frauen ungebetenen Besuch . . . und von nun an legt niemand, der bis hierhin durchgehalten hat, das Buch aus der Hand – kann er auch gar nicht, denn er wird es in schier unerträglicher Spannung verschlingen. Als wollte Minette Walters die frauenbewegte Hymne von Ina Deter noch toppen: Frauen kommen langsam, aber am Ende so gewaltig, dass kein frauenverachtender Mördermann überleben kann. (gw/8.4.2006)

Baumhausbeichte - Novelle