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Wenn die Vergangenheit im Buche steht (Anne Chaplet: Schrei nach Stille)

Eine Bestseller-Autorin, die langsam das reifere Alter erreicht, kehrt aus der Großstadt in das Dorf zurück, in dem sie in ihrer Jugend einen rauschhaften »summer of love« erlebt hatte. Geplagt gleichermaßen von auftauchenden Erinnerungen und abtauchendem Gedächtnis, lebt Sophie Winter alleine in dem Haus, das sich zu wehren scheint gegen seine neue, alte Bewohnerin. Scheinbar Unerklärliches geschieht, und Unerklärtes, das in der Vergangenheit geschehen ist, meldet sich zurück – nicht nur bei ihr, sondern auch in den Köpfen der damals Beteiligten oder Wegschauenden.
Eine Vergangenheit, wie sie buchstäblich im Buche steht. Denn der Polizist Giorgio DeLange, der in der Öffentlichkeitsabteilung des Frankfurter Polizeipräsidiums arbeitet und dort auch für das Polizeimuseum zuständig ist, entdeckt im Archiv verblüffende Gemeinsamkeiten in Winters Roman mit der Wirklichkeit: Drei Hippies, Charles und die beiden Frauen Angel und Sascha, ziehen Ende der 60er Jahre aus Frankfurt nach Klein-Roda, das Dorf grummelt zunächst nur gegen die allzu freizügigen und freisinnigen Landplagen, doch schon bald schlagen Abneigung und Unverständnis in Aggression um, es kommt zu Gewalttätigkeiten, Sascha verschwindet spurlos, Charles und Angel fliehen aus dem Ort, trennen sich und kehren nie mehr nach Klein-Roda zurück – doch vierzig Jahre danach erscheint Sophie Winter auf der Bildfläche und beschuldigt in ihrem Roman die Dorfbewohner offen des Mordes. Und abermals ist jemand auf unerklärliche Art verschwunden und bleibt es auch: ein aufgeweckter Junge aus dem Dorf.
Die Geschichte durchweht ein Geheimnis, dessen Auflösung wir gebannt herbeilesen wollen, aber in ständiger Furcht, dass die Lösung keine Erlösung ist, sondern uns von den liebgewonnenen Klein-Rodaern entfremdet. Ob die Angst berechtigt ist? Wir kennen doch Klein-Roda . . .
In Anne Chaplets letzten Romanen spielten der ihren Lesern ans Herz gewachsene Paul Bremer und Klein-Roda nur eine winzige Neben- (»Sauberer Abgang«) bzw. gar keine Rolle (»Russisch Blut« und »Doppelte Schuld«, das Roman-Duo um die Tierärztin Katalina Cavic). Diesmal mischt der zugezogene Großstädter Bremer wieder fleißig mit, wie auch seine und unsere alte Frankfurter Freundin, die Staatsanwältin Karen Stark. Dazu kommt Chaplets neuer Protagonist Giorgio DeLange, der wohl auch in ihren künftigen Romanen das Duo Bremer/Stark zum Trio erweitern dürfte, denn in ihn scheint sich seine Schöpferin Hals über Kopf verliebt zu haben. Daher gönnt sie dem alleinerziehenden Vater zweier halbwüchsiger Töchter auch eine neue Liebe, die in rekordverdächtigem Tempo ausbricht und Erfüllung findet. Für zaghaft-zurückhaltende Liebes- und Lesegemüter vielleicht der einzige »Kritikpunkt« an diesem wunderbaren Roman – aber gestehen wir zu, dass im merkwürdigen Verhalten geschlechtsreifer Großstädter nicht lange gefackelt wird, seit die 68er uns – na ja, einigen von uns – die sexuelle Revolution gebracht haben.
Die besondere Zuwendung der Autorin gehört aber auch einer starken, reifen Frau mit einem dunklen Geheimnis, einem kleinen Knacks und einem großen Problem, an das sie sich paradoxerweise erst zu erinnern beginnt, je mehr ihr das Gedächtnis verlorengeht. Eine ähnlich eindrucksvolle Frauengestalt spielte zuletzt auch in »Doppelte Schuld« eine tragende Rolle – rätselhafte weibliche Wesen, die den Leser faszinieren, auch oder gerade weil sie nicht seine ungeteilte Sympathie gewinnen (wollen).
Sehr angenehm auch, dass wir nicht über innere Unstimmigkeiten oder liegengelassene Handlungsfäden stolpern. Da hat sicher die »taffe«, nüchterne, logisch-analytische Top-Journalistin Cora Stephan ihr alter ego Anne Chaplet energisch an die Hand genommen.
Seit »Caruso singt nicht mehr«, ihrem genialen Erstling, produziert Anne Chaplet Jahr für Jahr Krimis der gehobenen Güteklasse. Hier übertrifft sie aber alles Bisherige. Souverän und mitreißend erzählt, spannend und stimmig bis ins Detail, erfüllt »Schrei nach Stille« die Wunschvorstellung aller Roman-Leser: Auf hohem literarischem Niveau sehr gut unterhalten zu werden.
Ob das unter dem Markenzeichen »Krimi« geschieht, spielt dann nicht mal eine geringe, sondern gar keine Rolle mehr. (gw/16.7.2008)

Baumhausbeichte - Novelle