Archiv für den 8. Januar 2010

Klappentext (18.11.2007/Frank Schulz)

Bodo, früher ein schwerer Trinker, ist nach längerem Aufenthalt in einem Sanatorium nach Griechenland ausgewandert, führt dort in einem kleinen Dorf ein asketisches Leben, im Gegensatz zu seinen deutschen und griechischen Freunden. Doch dann taucht Monika auf, die ihn dunkel an jemanden erinnert . . . »Ein wundersames, wunderbares, sprachmächtiges, unfassbar witziges deutsches (ja, trotz Ouzo und Hellas) Heimatbuch. Schulz schreibt und beschreibt das, was sich in Griechenland anbahnt (und in Rückblenden, was in frühen Jugendjahren in norddeutscher Heimat geschah), umwerfend komisch und tragisch, grotesk und feinsinnig zugleich. Ein Jahrzehnt-Roman. Eine Offenbarung.« – Genau ein Jahr ist es her, auf der Bücherseite derart ins Schwärmen geraten zu sein – über Frank Schulz’ letzten Band seiner »Hagener Trilogie«: »Das Ouzo-Orakel«. Nichts davon ist zurückzunehmen . . .

. . . aber: Trilogie? Also, unvermeidlich, die ersten beiden Bände gekauft, »Kolks blonde Bräute« und »Morbus fonticuli«. Zu lesen begonnen. Statt Begeisterung Enttäuschung. Die auch ausgedrückt (Bücherseite vom 26. 10. 2006). Ziemlich rüde. Soll hier nicht und sowieso nicht wiederholt werden.

Weil: Beim ersten Mal nach nur flüchtigem Überlesen von norddeutscher Lautschrift und schwer Säufer-Balladeskem aufgegeben und drauflos gemeckert. Mittlerweile aber einen neuen Versuch unternommen. Die Dialoge nicht mehr als Hesse verständnislos überhudelt, sondern fast buchstabierend gelesen, die Feinheit der Sprache und die treffsicheren Beobachtungen bewundert. Beim immer faszinierteren Festlesen zwar anfangs manchmal gedacht: Wieso legt Schulz seinen Ehrgeiz daran, sein riesiges Talent mit detailliertester Beschreibungskunst von soeben Erbrochenem zu beweisen? Doch bald schon wird das abstoßend wirken Könnende (und Sollende?) im »Kolk« überlagert von einer melancholischen, tragikomisch anrührenden Stimmung, in die Schulz seine Leser führt, die bisweilen nicht wissen, ob sie lachen, weinen oder einfach nur die Sprachkunst genießen sollen, die dann im monumentalen »Morbus« (736 Seiten plus Anhang) auf einsame Höhen getrieben wird.

Ein Zurücksaufen in die Geborgenheit von Kindheit und Heimat, das ein Schrei – oder, um im Ton zu bleiben: ein Lallen und Furzen – nach Liebe ist, ein Nichterwachsenwerdenwollen, das nicht funktioniert: Kolk und Morbus fonticuli begeistern (mich) zwar nicht so hemmungslos wie das einzigartige Ouzo-Orakel, sind aber schmerzhaft-schön zu lesen – und müssen so auch zu schreiben gewesen sein. Stimmt’s, Autor?

Wir fragen nach.

Also: »Dichter ran«! (gw)

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Frage-/Lesebogen (Frank Schulz, Schriftsteller)

Liebster erster Satz: »So.« (Henscheid, »Geht in Ordnung – sowieso –– genau ––– «)

Mein 1. Buch: Weiß ich nicht mehr.

Zur Zeit lese ich: Ältere Erzählungen von Joyce Carol Oates.

Als nächstes Buch lese ich: »Das Schweigen« von Verlagskollege Jan Costin Wagner.

Wann lesen Sie? Am liebsten gleich zum Frühstück.

Was lesen Sie? Alles außer Science fiction.

Wo lesen Sie? Überall.

Lieblingsbuch: z. B. Salinger, »Neun Erzählungen«.

Lieblingsautor: z. B. Salinger.

Ärgerlichstes Buch: Sag’ ich nicht.

Liebster Roman-Held: Hans Duschke (aus: Henscheid, »Geht in Ordnung«).

Liebste Roman-Heldin: Becky Thatcher (aus: Twain, »Tom Sawyer«).

»Bösester« Roman-Schurke: Hans Duschke (aus: Henscheid, »Geht in Ordnung«).

Liebste Comic-Figur: Oma Eusebia.

Dieses Buch hat mich bewegt: Nabokov, »Lolita«.

. . . verändert: Bukowski, »Der Mann mit der Ledertasche«.

. . . zu Tränen gerührt: Hustvedt, »Was ich liebte«.

. . . zum Lachen gebracht: Henscheid, »Geht in Ordnung«.

. . . klüger gemacht: Alle.

. . . geärgert: Etliche.

. . . toleranter gemacht: Etliche.

Überschätzter Autor: Sag’ ich nicht.

Unterschätzte Autorin: Frederike Frei.

Gute Krimis sind . . . Literatur.

Schlechte Romane sind . . .keine.

Bestseller-Listen sind . . .unvollständig.

Wie viele Bücher haben Sie gelesen? Beim besten Willen: Keine Ahnung.

. . . lesen Sie im Monat im Schnitt? Ca. 1 bis 10.

. . . stehen in Ihrem Bücherschrank? Keine Ahnung.

Wieviel Geld geben Sie im Monat für Bücher aus? Stets zuviel und nie genug.

Wenn mein Bücherschrank überfüllt ist . . . sitze ich das rigoros aus.

Leihen Sie Bücher aus? Klar.

(Muss es nicht »borgen« heißen?)

Verleihen Sie Bücher? Klar.

Eselsohren sind . . . gelebtes Lesen.

Menschen, die keine Bücher lesen, sind . . . nicht zwangsläufig unsympathischer als ich.

Liebster Schluss-Satz:

»FINIS OPERIS – LAUS DEO«

(aus: Henscheid, »Die Mätresse des Bischofs«). (gw/8.11.2007)

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Dichter ran: Zu Besuch bei Frank Schulz

Schreiben als tollkühnes Lebenswerk
Als Kritiker ein Buch feierten, das es nicht zu kaufen gab – Farce und Frust – Aus dem Leben eines Schriftstellers

Für einen, der schon immer und ausschließlich Schriftsteller werden wollte, muss es ein erhebendes, bewegendes Gefühl sein, den ersten Roman in Händen zu halten.

Frank Schulz kann dies nicht unbedingt bestätigen: Er war »eher enttäuscht«, denn die Titel-Illustration zu »Kolks blonde Bräute« gefiel ihm optisch nicht, zudem kam das Buch entgegen der Zusage des Verlags (Haffmans) nicht als Hardcover heraus. Und dann wurde die »Säufer-Novelle« (so der ursprünglich geplante Titel) zwar von der Kritik gefeiert, im ersten Halbjahr nach seinem Erscheinen (1991) aber gerade mal 765 Mal verkauft – was den Debütanten zwar nicht erschütterte (»Dass 765 Leute mein Buch lasen, fand ich gar nicht so wenig«), ihn aber auch nicht gerade finanzieller Sorgen entledigte.

Um so erstaunlicher: Während des Schreibens am »Kolk« »bekam der Ich-Erzähler immer mehr ein eigenes Gesicht«, so dass Schulz schon seinen Erstling als Teil eins einer Trilogie ankündigte – ein verwegenes Unterfangen, ja, aus bürgerlich-materieller Sicht ein tollkühnes, ein verrücktes, denn ihm ordnete Schulz alles unter.

Dass er Schriftsteller werden würde, stand für ihn früh fest: »Schon als Kind hatte ich eine Affinität zu Wörtern, zu Geschichten«, als »Zwölf-, Dreizehnjähriger plagierte ich Agatha-Christie-Krimis«, bald schon veröffentlichte er, gefördert von Klaus Modick (u. a. »Der kretische Gast«, Eichborn, 24,90 Euro, sehr zu empfehlen) erste Kurzgeschichten – und dann schrieb er den »Kolk«, zeitlich ermöglicht durch die nicht gerade schmerzhaft erlittene Entlassung als Lokalreporter und Redakteur eines Hamburger Anzeigenblattes.

Da der Debütroman viel Lob und wenig Geld einbrachte, musste Schulz wieder arbeiten. Zwar schrieb er schon an »Morbus Fonticuli oder: Die Sehnsucht des Laien«, unterbrochen aber »durch Jobs und sonstige Krisen«, letztere sehr persönlicher Art, mit Alkohol als Krisen-Brandbeschleuniger (mittlerweile trinkt Schulz seit fünf Jahren nicht mehr). »Fünf Jahre brutto« dauerte so die Arbeit an diesem zweiten Roman, der lange auf der Kippe stand, denn Schulz stand kurz vor der Pleite, machte Schulden und wurde von einem Freund gerettet, der ihm Geld lieh, um die Arbeit an dem Buch erfolgreich beenden zu können

Endlich, 1998, war »Morbus Fonticuli« vollbracht. Doch dies markiert kein glückliches Ende, sondern den Beginn einer Verlags-Farce, die sich für den Autor zu einer persönlichen Tragödie auszuweiten drohte: Wegen Unstimmigkeiten mit seinem Verleger vertraute Schulz den Roman Haffmans’ ehemaligem Vertriebsleiter Haag an, der einen eigenen Verlag (Kein & Aber) gegründet hatte, in einer Art Joint-Venture mit dem Eichborn Verlag. Dort aber fiel Haags Programm durch, auch andere Verlage lehnten ab, es kam wieder zu einer Annäherung an Haffmans, dort erschien endlich der in jeder Hinsicht riesige Roman (736 Seiten), zwei Monate später, im Dezember 2001, wurde er in Schulz’ Heimatstadt Hamburg (Hagen, das der Trilogie den Namen gab, ist das Heimatdorf) vorgestellt – und am selben Tag ging Haffmans pleite.

Unfassbar: Gleichzeitig bejubelten die Rezensenten, die ja viel zu lesen gehabt hatten, »Morbus Fonticuli« geradezu hymnisch (siehe auch »Meinungen« unten), doch kein erwartungsfroher Leser konnte das Buch kaufen, denn der Schweizer Konkursverwalter hielt den Daumen drauf. Eigentlich verwunderlich, dass der in der Szene schon hoch anerkannte, öffentlich aber fast noch unbekannte Schulz nicht im Wahnsinn landete wie der von ihm so verehrte Komiker Heino Jaeger (aber der ist ein anderes Thema, wie auch weitere Schulzsche Fixsterne wie Henscheid, Harry Rowohlt oder Arno Schmidt, doch wir wollen uns hier nicht verzetteln).

Kürzen wir ab: Von nun an ging’s bergauf. Schulz fand mit Eichborn endlich den Verlag, der »Morbus Fonticuli« auf den Markt brachte, diesmal nicht nur unter Beifallrufen der Kritik, sondern auch, dank der absurden Vorgeschichte, unter großer literaröffentlicher Aufmerksamkeit. 5000 Exemplare wurden verkauft, bei 34,90 Euro Ladenpreis gingen zehn Prozent an den Autor, der damit aus dem Gröbsten raus war. Zudem tat sich Gerd Haffmans (»vielleicht kein guter Geschäftsmann, aber mit Sicherheit ein hervorragender Verleger«) mit dem Frankfurter Versandverlag Zweitausendeins (60348 Frankfurt, Postfach, www.zweitausendeins.de.) zusammen, der »Kolks blonde Bräute« und »Morbus Fonticuli« in preislich günstigen Ausgaben anbietet.

Aber was tut einer, der finanziell endlich Land in Sicht sieht? Der bereits einen Vertrag für seinen dritten Roman hat, am »Ouzo-Orakel« schreibt, aber nicht so recht weiterkommt? »Ich setzte alles auf eine Karte.« Schulz lässt erneut sausen, was ablenkt und Geld bringt, mietet sich eine Zweitwohnung als Dichterhöhle, arbeitet dort an sieben Tagen in der Woche acht, neun Stunden lang, ist nach einem Dreivierteljahr wieder pleite, pünktlich zum Abgabetermin im April 2005, hangelt sich erneut von Job zu Job, ergattert schließlich einen verlässlicheren als Teilzeitdokumentar bei Gala, gewinnt Literatur-Preise (die Existenzgrundlage mancher Autoren) – und steigt schnell, mit 15 000 verkauften »Ouzo«-Exemplaren, auch zum öffentlich anerkannten neuen Schwergewicht in der deutschen Literaturszene auf.

Welch ein Weg! Wie hält man das aus? Und das bei all den Gekränktheiten, Eitelkeiten und Empfindlichkeiten, die wir in diesem Metier und bei dessen Protagonisten vermuten? Frank Schulz protestiert gegen die Vorurteile und meint sogar, dass er »noch nicht hart genug geprüft« wurde, um gekränkt sein zu können, außerdem sei er »so eitel zu behaupten, nicht eitel zu sein«, während Empfindlichkeit, Empfindsamkeit »erst die Voraussetzung ist, Romane schreiben zu können«. Was ein wunderbarer Beruf sei, manchmal auch ein schrecklicher, »aber ich halte nichts von dieser Künstlerüberhöhung« der Selbstquälerei: »Auch sensible Briefträger können an ihrem Job leiden.«

Mittlerweile hat Frank Schulz, natürlich, den Job bei Gala wieder gekündigt. Nun ist er wirklich ein freier Schriftsteller, langfristig aber immer noch mit recht vager finanzieller Planungssicherheit. Zwar ficht das auch einen wie ihn an, hält ihn aber nicht davon ab, unbeirrt seinen schriftstellerischen Weg zu gehen.

Was wird Frank Schulz nun wohl nach dem unvergleichlichen, uns hemmungslos begeisternden (siehe »Klappentext«) »Ouzo-Orakel« schreiben? Sicher keine Säufer-Novelle mehr, die »Hagener Trilogie« ist abgeschlossen – aber auch das schwärmerische und schmerzliche Schwelgen in starken Freundschaften und ebensolchen Frauen? Was wird aus dem heimlichen Leitmotiv der Trilogie, der versteckten Liebeserklärung an die eigene Frau? Da stutzt er. Und lächelt. Will ihm noch gar nicht aufgefallen sein. Aber der Gedanke scheint ihm zu gefallen.

Und was wird aus Bodo, dem Ich-Erzähler? Wieviel Bodo steckt eigentlich in Ihnen, Herr Dichter?

Die übliche Frage, die passende Antwort: »Alles und nichts« (insgeheim korrigiert der Fragende: Na ja, wohl nicht so viel, wie der Leser vermutet, aber mehr, als der Autor zugeben will). Schulz präzisiert dann auch: »Natürlich ist er mir nahe. Aber ich bin dann doch das entscheidende Quäntchen charakterstärker.«

Zum Glück, sonst wäre Schulz längst im Nirwana mit seinem Heino Jaeger vereint. So aber können wir uns auf weitere große Schulz-Romane freuen. Es gibt noch viel zu schreiben. Dichter, ran! (gw/8.11.2007)

Die »Hagener Trilogie« von Frank Schulz

»Kolks blonde Bräute«

(Zweitausendeins – 8,90 Euro – ISBN 978-3861-505570)

»Morbus Fonticuli oder: Die Sehnsucht des Laien«

(Eichborn Verlag – 34,90 Euro – ISBN 3-8218-0726-1 / auch bei Zweitausendeins, 10 Euro)

»Das Ouzo-Orakel«

(Eichborn Verlag – 24,90 Euro – ISBN 3-8218-0729-6)

Veröffentlicht von gw am 8. Januar 2010 .
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Hochspannung im Unterengadin (Martin Suter: “Der Teufel von Mailand”)

Mysteriöses geschieht in einem schicken Wellness-Hotel – Suter in Topform

Diesmal ist es kein halluzinogener Pilz (wie in »Small World« oder »Die dunkle Seite des Mondes«), sondern ein simpler LSD-Trip, mit dem Martin Suter seine Hauptperson buchstäblich in die Irre schickt: Sonia, soeben von einem erfolgreichen Banker und schlimmen Muttersöhnchen geschieden, sieht nach hartem Disco-Abend und wohl ebensolcher, aber nicht erinnerbarer Sex-Nacht auf einmal Geräusche und fühlt Farben – ein Sinnen-Bonus, der sie tief beunruhigt, zumal er mit weiteren beängstigenden Bewusstseins-Verschiebungen verbunden ist. Sonia beschließt, die Stadt zu verlassen und irgendwo auf dem Land wieder zu sich finden zu können.

Da trifft es sich gut, dass sie in ihrem Vor-Banker-Leben als Physiotherapeutin gearbeitet hat und dass in einem Dorf im Unterengadin ein schickes Wellness-Hotel eröffnet wird, dessen junge, schöne, reiche, sympathische und – na ja, es wäre des Guten auch zuviel – etwas undurchsichtige Besitzerin noch eine Physiotherapeutin einstellen will.

Sonia bekommt die Stelle, na klar, und stellt schnell fest, dass das hochmoderne Hotel dem fast archaisch untouristischen Dorf aufgepfropft worden ist.

Merkwürdige Dinge geschehen: Ein Ficus verliert über Nacht alle Blätter, ein mysteriöser Milchausfahrer verunglückt, ein Hund verschwindet und taucht als Mensch verkleidet wieder auf, und ein Vögelchen im Käfig heißt wie ein Mensch (Pavarotti), wird von Sonia heiß geliebt und . . . ach, Herr Suter, musste das sein? Der arme, unschuldige Piepmatz!

Sonia rätselt, was das alles zu bedeuten hat: Wehrt sich das Dorf? Wirkt der LSD-Trip immer noch nach? Was ist wahr? Wieso erfüllen sich unheilvolle Weissagungen einer alten Engadiner Sage eine nach der anderen? Gibt es einfache Erklärungen, oder ist sie einfach nur verrückt?

In einem rasanten Showdown, in dem auch der Banker-Ex eine irrlichternd irre Rolle spielt, werden alle offenen Fragen geklärt, wie es sich für einen exzellenten Psycho-Krimi gehört.

Und einen solchen hat Martin Suter geschrieben, wieder einmal, gewohnt elegant und stilsicher, ohne literarisch-manieristische Hochstapeleien, schnörkellos, direkt und superspannend.

»Der Teufel von Mailand« ist ein (sorry für das sich platt anbietende Attribut) teuflisch guter Roman. (gw/17.6.2006)

Veröffentlicht von gw am 8. Januar 2010 .
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Allernichtigster Niemand auf hoher See (Carl Barks: Die tollkühnen Abenteuer der Ducks auf hoher See)

Allernichtigster Niemand auf hoher See

Frank Schätzing führt zusammen, was zusammen gehört: Donald Duck und das Meer – Zum Quaken schön

Darauf muss auch der Leser der ersten Stunde, ein Entenhausener des Herzens, erst einmal kommen: Er ist ein Seemann, unser Donald Duck (bitte so auch aussprechen – bei »Donäld Dack« fallen uns die Federn aus dem Bürzel)!

Ausgerechnet Frank Schätzing, dessen »Schwarm« wir aus donaldischem Trotz gegen die Bestseller-Maschinerie der Branche nicht gelesen hatten, verblüfft uns mit dieser vielleicht gerade wegen ihrer Offensichtlichkeit bisher nicht ins Bewusstsein vorgestoßenen Erkenntnis. Und wie recht er doch hat – obwohl Donalds »nautische und intellektuelle Fähigkeiten eher gering« (Schätzing) sind: Die Matrosenmütze, der halbe Matrosenanzug (die andere Hälfte unten fehlt und ist steter Quell üblen Spotts, aber das ist ein anderes Thema), der genetische Vorteil der Ente gegenüber den anders gengepolten Seeleuten, die bekanntlich allesamt notorische Nichtschwimmer sind, die Lage Entenhausens am Meer, als blühende Hafenstadt, die Handelsflotte von Onkel Dagobert, der für Donald immer etwas auf dem Meer zu tun weiß, all das war uns im Detail bekannt, aber erst Schätzing führt in unserem Kopf zusammen, was zusammen gehört: Donald und das Meer.

In »Die tollkühnen Abenteuer der Ducks auf hoher See« hat Schätzing die schönsten See-Geschichten in der Originalfassung des kongenialen Duos Carl Barks und seiner deutschen Übersetzerin Dr. Erika Fuchs ausgewählt, eingeleitet und kommentiert. Es ist inhaltlich und äußerlich ein Prachtband geworden, und obwohl wir alle Geschichten von Kindesbeinen an kennen und lieben, möchten wir beim Lesen und Schauen dieser wunderbaren Klassiker vom Goldenen Helm bis zum Goldenen Flies am liebsten vor Freude laut quaken.

Apropos Carl Barks: Als der geistige Vater von Donald im Jahr 2000 starb, im hundertsten Lebensjahr, war die Bergung der »Kursk« das Topthema in den Nachrichten, was uns an Donalds Neffen Tick, Trick und Track erinnerte, die ein Schiff hoben, indem sie Tischtennisbälle in das Wrack pumpten. Die Barks-Idee wurde später einmal tatsächlich erfolgreich bei einer echten Schiffsbergung eingesetzt. Und wer könnte je vergessen, wie Donald den Kanal durchquerte, ent(en)artet auf dem Rücken schwimmend, dabei eine Pampelmuse auf einer Nudel balancierend!

Aber auch Schätzings Auswahl macht wieder einmal deutlich, dass bei aller Wertschätzung für Barks der Aufstieg von Donald in die Herzen der intellektuell gehobenen Stände ein rein deutsches Phänomen und damit Dr. Erika Fuchs zu verdanken ist. Kein Kranz ist zu viel, der ihr geflochten wird. Denis Scheck (Moderator der Literatursendung »Druckfrisch« und eine Art Gegenentwurf zu Elke Heidenreich), Freund von Donald und Schätzing und in dieser Doppelfunktion wichtigster Anstoßgeber zu diesem Buch, schreibt in seinem Nachwort: »Erika Fuchs schuf für die deutsche Version der Enten-Comics einen eigenen Sprach-Kosmos, ein hochdifferenziertes Idiom, so stimmig und einprägsam, dass es Eingang in die Umgangssprache fand. Und keineswegs nur mit dem ›Erikativ‹, wie man in Anlehnung an den linguistischen Fachjargon ihre Verkürzungen von Stammverben wie ›Knirsch‹, ›Stöhn‹, ›Seufz‹ oder das Unzufriedenheit signalisierende ›Grummel, grummel‹ nennt. Das Motto des Erfinders Daniel Düsentrieb: ›Dem Ingeniör ist nichts zu schwör‹ ist inzwischen längst ein geflügeltes Wort unter Heim- und Handwerkern.

Der Fuchs’sche Text fügt dem Barks’schen Bild eine Dimension hinzu, die im Original nicht vorhanden ist.«

Scheck nennt als Beispiel ein schlichtes Original-»No« von Donald, dem Fuchs ein für den Charakter unseres Helden viel aussagekräftigeres »Mitnichten!« in den Schnabel legt: »Entstanden ist so ein spezifisch deutscher Donald, einer, der sich müht und abstrampelt, ohne je auf einen grünen Zweig zu kommen, und seine frustrierten Ambitionen durch hohltönendes Bildungspathos tarnt: die Ente als verkappter Spießer, der sich in Momenten existenzialistischer Sinnkrisen schon mal als ›ein Niemand, der allernichtigste Niemand in ganz Entenhausen‹ bezeichnet.«

Und dennoch lieben wir ihn, diesen allernichtigsten Niemand. Lieben ihn wie Schätzing, der in einer seiner trefflichen Kommentierungen den Vergleich zu Sisyphus zieht: »Als Kind habe ich die arme Sau immer zutiefst bedauert, Donald ist unzweifelhaft eine moderne Variante dieses unglücklichen Steinewälzers.« Aber den konnte man, wusste schon der Existenzialist und Schriftsteller Albert Camus, sich durchaus auch als glücklichen Menschen vorstellen. Oder wie Schätzing zum Schluss feststellt, begleitet mit unserem heftigen Kopfnicken und dem Versprechen, jetzt endlich seinen »Schwarm« zu lesen: »Eigentlich ist er gar kein solcher Loser, unser Donald.«

Er ist es sogar . . . »Mitnichten!«

(gw/22.4.2006)

»Die tollkühnen Abenteuer der Ducks auf hoher See«, ausgewählt, eingeleitet und kommentiert von Frank Schätzing (marebibliothek – 39,90 Euro – ISBN 3-936384-24-X)

Veröffentlicht von gw am 8. Januar 2010 .
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