Archiv für den 8. Januar 2010
Wenn die Vergangenheit im Buche steht (Anne Chaplet: Schrei nach Stille)
Eine Bestseller-Autorin, die langsam das reifere Alter erreicht, kehrt aus der Großstadt in das Dorf zurück, in dem sie in ihrer Jugend einen rauschhaften »summer of love« erlebt hatte. Geplagt gleichermaßen von auftauchenden Erinnerungen und abtauchendem Gedächtnis, lebt Sophie Winter alleine in dem Haus, das sich zu wehren scheint gegen seine neue, alte Bewohnerin. Scheinbar Unerklärliches geschieht, und Unerklärtes, das in der Vergangenheit geschehen ist, meldet sich zurück – nicht nur bei ihr, sondern auch in den Köpfen der damals Beteiligten oder Wegschauenden.
Eine Vergangenheit, wie sie buchstäblich im Buche steht. Denn der Polizist Giorgio DeLange, der in der Öffentlichkeitsabteilung des Frankfurter Polizeipräsidiums arbeitet und dort auch für das Polizeimuseum zuständig ist, entdeckt im Archiv verblüffende Gemeinsamkeiten in Winters Roman mit der Wirklichkeit: Drei Hippies, Charles und die beiden Frauen Angel und Sascha, ziehen Ende der 60er Jahre aus Frankfurt nach Klein-Roda, das Dorf grummelt zunächst nur gegen die allzu freizügigen und freisinnigen Landplagen, doch schon bald schlagen Abneigung und Unverständnis in Aggression um, es kommt zu Gewalttätigkeiten, Sascha verschwindet spurlos, Charles und Angel fliehen aus dem Ort, trennen sich und kehren nie mehr nach Klein-Roda zurück – doch vierzig Jahre danach erscheint Sophie Winter auf der Bildfläche und beschuldigt in ihrem Roman die Dorfbewohner offen des Mordes. Und abermals ist jemand auf unerklärliche Art verschwunden und bleibt es auch: ein aufgeweckter Junge aus dem Dorf.
Die Geschichte durchweht ein Geheimnis, dessen Auflösung wir gebannt herbeilesen wollen, aber in ständiger Furcht, dass die Lösung keine Erlösung ist, sondern uns von den liebgewonnenen Klein-Rodaern entfremdet. Ob die Angst berechtigt ist? Wir kennen doch Klein-Roda . . .
In Anne Chaplets letzten Romanen spielten der ihren Lesern ans Herz gewachsene Paul Bremer und Klein-Roda nur eine winzige Neben- (»Sauberer Abgang«) bzw. gar keine Rolle (»Russisch Blut« und »Doppelte Schuld«, das Roman-Duo um die Tierärztin Katalina Cavic). Diesmal mischt der zugezogene Großstädter Bremer wieder fleißig mit, wie auch seine und unsere alte Frankfurter Freundin, die Staatsanwältin Karen Stark. Dazu kommt Chaplets neuer Protagonist Giorgio DeLange, der wohl auch in ihren künftigen Romanen das Duo Bremer/Stark zum Trio erweitern dürfte, denn in ihn scheint sich seine Schöpferin Hals über Kopf verliebt zu haben. Daher gönnt sie dem alleinerziehenden Vater zweier halbwüchsiger Töchter auch eine neue Liebe, die in rekordverdächtigem Tempo ausbricht und Erfüllung findet. Für zaghaft-zurückhaltende Liebes- und Lesegemüter vielleicht der einzige »Kritikpunkt« an diesem wunderbaren Roman – aber gestehen wir zu, dass im merkwürdigen Verhalten geschlechtsreifer Großstädter nicht lange gefackelt wird, seit die 68er uns – na ja, einigen von uns – die sexuelle Revolution gebracht haben.
Die besondere Zuwendung der Autorin gehört aber auch einer starken, reifen Frau mit einem dunklen Geheimnis, einem kleinen Knacks und einem großen Problem, an das sie sich paradoxerweise erst zu erinnern beginnt, je mehr ihr das Gedächtnis verlorengeht. Eine ähnlich eindrucksvolle Frauengestalt spielte zuletzt auch in »Doppelte Schuld« eine tragende Rolle – rätselhafte weibliche Wesen, die den Leser faszinieren, auch oder gerade weil sie nicht seine ungeteilte Sympathie gewinnen (wollen).
Sehr angenehm auch, dass wir nicht über innere Unstimmigkeiten oder liegengelassene Handlungsfäden stolpern. Da hat sicher die »taffe«, nüchterne, logisch-analytische Top-Journalistin Cora Stephan ihr alter ego Anne Chaplet energisch an die Hand genommen.
Seit »Caruso singt nicht mehr«, ihrem genialen Erstling, produziert Anne Chaplet Jahr für Jahr Krimis der gehobenen Güteklasse. Hier übertrifft sie aber alles Bisherige. Souverän und mitreißend erzählt, spannend und stimmig bis ins Detail, erfüllt »Schrei nach Stille« die Wunschvorstellung aller Roman-Leser: Auf hohem literarischem Niveau sehr gut unterhalten zu werden.
Ob das unter dem Markenzeichen »Krimi« geschieht, spielt dann nicht mal eine geringe, sondern gar keine Rolle mehr. (gw/16.7.2008)
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Klappentext (22.3.2008)
Zugegeben, mit Douglas R. Hofstadters Weltsupermegasensationshit »Gödel, Escher, Bach« habe ich gefremdelt. Vor knapp 30 Jahren erschienen, galt es sofort als eines der ungewöhnlichsten Bücher des ausgehenden 20. Jahrhunderts und entwickelte sich schnell zum Kultbuch für Computerfreaks und Fans der künstlichen Intelligenz. Auch weniger IT-Gläubige kauften das angesagte Werk, begannen zu lesen, blätterten ratlos weiter und stellten es in den Bücherschrank (so funktioniert das Bestseller-Prinzip, doch das ist ein anderes Thema).
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Nun kann ich verpasste Erkenntnisse nachholen, denn Douglas R. Hofstadter legt mit »Ich bin eine seltsame Schleife« (Klett-Cotta – 29,50 Euro – ISBN 978-3-608-94444-0) einen »Gödel, Escher, Bach für alle!« nach (Verlagsankündigung). Der weltberühmte Kognitionswissenschaftler erklärt, warum es menschliches Bewusstsein gibt, und behauptet, dass unser Selbstbewusstsein die Gestalt einer Schleife annimmt.
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Auch Hofstadters Gedanken kreisen also immer nur um die dreifache Urfrage ersten Erkenntnisdämmerns, heute ungelöst wie eh und je, obwohl es schon Millionen Antworten gab: Wer bin ich? Was bin ich? Was wird aus mir? Und dunkel schwant uns: Alle Welt- und Seinserklärungsmodelle, vom Vorsokratiker über den Druiden bis zum Hirnforscher, sind nur Hilflosigkeitserklärungen.
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Aber bei diesem neuen Hofstadter fremdele ich nicht. Im Gegenteil, es funkt, wenn er funkelt. Noch stecke ich in den Anfangskapiteln, schneller geht’s nicht, denn mit jeder Seite gelingt es Hofstadter, den Leser zu eigenen Gedanken anzustiften, und auch die können lange, seltsame Schleifen werden, bevor sie zum Buch zurückkehren. Höher ist kein solches Buch zu preisen: Hofstadter, ein begnadeter Animateur des Denkens über Sein, Sinn und Selbst.
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Viele Hirnforscher behaupten ja, im Kopf herrschten nur Moleküle und Stromkreise, die uns in darwinistischer Überlebensstrategie »Seele« (oder auch »Gott«) nur vorgaukeln. Nun könnte man bei solch desillusionierender Aufklärung trübsinnig bis zur Suizidgefährdung werden. Aber die moderne Wissenschaft bietet auch Rettungsanker, denn viele Hirnforscher sind sich auch einig, dass das Hirn sich eine eigene Wirklichkeit zusammenzuschustert – zum Beispiel jene der Seelenlosigkeit der Gehirn-Maschine Mensch.
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Die Besten von ihnen scheinen zu wissen, was von ihrer Zusammenschusterei zu halten ist. Andrej Dimitriwitsch Linde, der geistige Vater des überlichtschnellen Atomkerns, des Ur-Alls vor dem Ur-Knall, soll zwar, nachdem er auf seine Theorie gestoßen war, seiner Frau zugerufen haben: »Jetzt weiß ich, wie Gott das Universum erschuf« – aber erstens hat bisher noch jeder Ehemann seiner Frau das Universum erklärt, und zweitens tat Linde später als Professor-Guru in Stanford alles, um seiner Fachwelt die Augen zu öffnen: Bei Vorträgen warf er gerne statt Formeln selbstgezeichnete Comicstrips an die Wand, und wenn seine Zuhörerschaft letztgültige Wahrheiten erwartete, setzte er sich schon mal eine Nadel an die Stirn und zog sie am Hinterkopf wieder hervor: Alles nur Simsalabim!
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Dass der große Gedankenanreger Hofstadter auch Schabernack im Sinn hat, beweist er mit der Aufnahme eines »Peanuts«-Comics in sein Buch: Linus, Lucy und Charlie Brown liegen auf einer Wiese und starren in die Wolken. Lucy: »Was siehst du, Linus?« – Linus: »Die Wolke da oben sieht ein bisschen aus wie das Profil von Thomas Eakins . . . und die Wolkengruppe da drüben erinnert mich an die Steinigung des Stephanus . . . «
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Undsoweiter undsoweiter. Lucy: »Wow, das ist gut . . . und was siehst du in den Wolken, Charlie Brown?« – Dieser, intellektuell eingeschüchtert: »Ach, ich wollte sagen, dass ich ein Entchen und ein Pferdchen sehe, aber ich hab’s mir anders überlegt.«
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Warum denn, Charlie, du seltsames Schleifchen!? Mit deinen Entchen und Pferdchen bist du seinsmäßig weiter als alle Linusse! (gw)
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Klappentext (29.12.2007)
Literarisch leider nur gut gemeint – wie Bölls späte Romane, doch dazu später – war vieles von dem, was als Buchgeschenk den Gabentisch, nun ja, zierte? Für Enttäuschte und Selbsterwerber empfehlen wir als Rezept gegen Lese-Frust . . . nein, empfehle ich, denn meine Tipps sind zu subjektiv, um im Pluralis daherzukommen, weder im auftrumpfenden majestatis noch im bescheidenen modestiae . . . Bernd Pfarrs Sondermann plus Thurber, Schulz und Borowiak (siehe »Der Welt die Realität austreiben«)
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Wenn Sie mir, liebe Leser, schon so persönlich kommen, hier meine drei Lieblingsbücher des Jahres: Auf Platz eins das nun allerdings von mir schon oft genug und heute wieder (Blick nach rechts) gepriesene »Ouzo-Orakel« von Frank Schulz, gefolgt auf Platz zwei gleichauf von »Am Strand« (Ian McEwan / Diogenes / 18,90 Euro / ISBN 978-3-257-86163-1)) und »Der Mond und das Mädchen« (Martin Mosebach / Hanser – 17,90 Euro – ISBN 978-3-446-20916-9).
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»Am Strand«: Es ist die große Liebe, zweifellos. Aber nicht nur »das Bett ächzte klagend, sobald sie sich bewegten«: Edward und Florence bereiten sich im Juli 1962 auf ihre Hochzeitsnacht vor. Florence »plagt ein hilfloser Widerwille so heftig wie die Seekrankheit«. Fassungslos fragt sie sich: »Wurde von ihr etwa erwartet, dass sie sich in dieser Nacht für Edward in ein Portal verwandelt, eine Art Vorhalle, durch die er Einzug hielt?« Dagegen hatte »Edwards einziger bedeutsamer Beitrag darin bestanden, sich eine Woche lang Enthaltsamkeit aufzuerlegen«. Mit fatalen Folgen: Florence legt »die Finger sanft um dieses seltsam haarige Etwas, das sie in ähnlicher Form von Hunden und Pferden kannte, auch wenn sie bislang nie recht geglaubt hatte, dass derlei an erwachsenen Menschen vorkam« – und ein Tsunami der Liebe überflutet sie. Angeekelt flieht sie zum Strand.
Der Rest ist . . . Schweigen?
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»Der Mond und das Mädchen«: Der feinziselierte, seriös-hintergründige Humor erinnert an Vicco von Bülow, und die Handlung liest sich wie eine Fortsetzung von McEwans »Am Strand«. Mosebachs Paar hat die Hürde der Hochzeitsnacht übersprungen – doch dann lauert ihm das wahre Leben auf in einer trostlosen Wohnung im trostlosen Frankfurter Bahnhofsviertel, das allerdings nicht beiden gleichermaßen trostlos erscheint. Nur das Buch ist nicht trostlos, im Gegenteil, es ist ein kleiner (191 Seiten), feiner, eleganter Roman eines großen Könners.
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Heinrich Böll – auch ein großer Könner? Robert Gernhardt: »Er war immer erste Sahne / wären da nicht die Romane«. Sehr böse. Und die alte Diskussion wurde rechtzeitig zum 90. Geburtstag (21. Dezember) des guten Menschen von Köln aufgewärmt. Gebrauchsliteratur für das schlechte Nachkriegs-Gewissen von Dr. Lieschen Müller? Die Kritiker machen es sich zu einfach oder haben zu wenig von Böll gelesen, zumindest nicht die lakonischen Kurzgeschichten und die frühen Romane wie »Wo warst du, Adam« oder »Ansichten eines Clowns«, sie alleine rechtfertigten schon den Nobelpreis, waren einfach gut – ist der subjektive Eindruck eines Böll-Fans der eigenen frühen Jahre. Erst ab »Ende einer Dienstfahrt« ging’s bergab, die späte Betroffenheits-Prosa war nur noch gut gemeint.
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Ähnlich geht es mir mit einem anderen deutschen Großpoeten, nur rutscht er nicht von gut auf gut gemeint ab, sondern glitscht von erotischem Gebeuteltsein zu lippenschnalzender Altersgeilheit. Wer? Ich verrat’s nicht. Außerdem hat da jeder seinen eigenen Favoriten, stimmt’s? (gw)
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Der Welt die Realität austreiben (Bernd Pfarr)
Bernd Pfarrs gesammelter Sondermann, ein Prachtband dank Witwe – Lobpreisung mit Abschweifungen
Das Bild: Ein Mann mit Skiern an den Füßen, Taucherbrille auf der Nase und einer Hantel in den Händen springt vom Zehnmeterturm ins Wasser. Der Text, ein hoch empörter Ausruf: »Ist das noch Fußball!?«
Ist das noch Humor? Manche schmeißen sich weg, andere schauen ratlos auf Bernd Pfarrs Cartoon, ein Running Gag unserer Sport-Kolumne »Anstoß«, und suchen vergeblich nach dem Witz im Witz.
Was ist Humor? Wie wird er definiert? Berufenere haben sich daran abgearbeitet, wir lassen das lieber und geben zu: keine Ahnung. Nur eine vage Vermutung: Humor ist Ausdruck einer Lebenshaltung. Jeder hat seine(n) eigene(n). Und lacht sogar selbst nicht immer über das Gleiche. Auch der größte Freund des schwarzen Humors wird nicht mit dem Entsetzen Scherz treiben und dem trauernden Angehörigen eines Opfers den tollen Witz vom Flugzeugabsturz erzählen. Aber wenn er selbst im abstürzenden Flugzeug sitzt, da würde er den gleichen Witz vielleicht sich selbst und seinem Nebenmann erzählen, als Sterbehilfe für Fortgeschrittene. Denn eine Form der Lebenshaltung, eine Art Humor zeichnet sich zwar durch Diskriminierung von Minderheiten aus, aber nur der kleinstmöglichen aller Minderheiten, dem eigenen Ich.
Auch über Bernd Pfarrs Sondermann kann nicht jeder lachen, und über den, der zum Beispiel über »Sondermann streikt« nicht lacht, sollte man auch nicht humorverächtlich lachen – es sei denn, derjenige lacht dann doch, weil er den Witz zu verstehen vorgibt: »Neger kann nicht deutsch, hahaha.« Den wahren Witz im Pfarr-Cartoon, ihn kann man nicht erjagen, nur erfühlen.
Manchmal aber hilft beim Humor etwas Fachwissen. Wer bei Pfarrs Turmspringer nicht weiß, dass in beinahe jeder Sportreportage, fast jedem Sportlerinterview ein entrüstetes »Das hat mit Fußball nichts mehr zu tun« auftaucht, wird den Witz nicht voll auskosten können.
Abschweifung: Auch bei James Thurbers lakonischem Text zu seiner Zeichnung eines Fecht-Duells ist ein bisschen Fachwissen hilfreich: Mit »Touché!« gab man im Fechten der vorelektronischen Ära vornehm und fair auf Französisch an, getroffen zu haben oder zu sein – beim großen US-Humoristen Thurber, auch als Zeichner ein Lakoniker, fliegt der abgeschlagene Kopf eines in der Tat getroffenen Fechters durchs Bild, der auch mit seinem letzten Wort noch Contenance bewahrt: »Touché!« (James Thurber, 1961 gestorben, kam 2006 durch Enzensbergers »Andere Bibliothek« zu späten Ehren in Deutschland / James Thurber: »Vom Mann, der die Luft anhielt« – Eichborn – 28,50 Euro – ISBN 3-8218-4566-X).
Auch Bernd Pfarr ist schon tot, viel zu früh gestorben, 2004, gerade mal 45 Jahre alt. Krebs. Seit 1987 bis zu seinem Tod entstanden im Satire-Blatt Titanic über 500 Blätter mit dem sonderbaren Sondermann, die nun endlich komplett in einem großen Prachtband erschienen sind, herausgegeben von Pfarrs Witwe Gabriele Roth-Pfarr.
Bernd Eilert, Klassenkamerad aus der neuen Frankfurter Schule: »Bernd Pfarr hat sich mit seinen Zeichnungen gegen die Verbesserung der Welt entschieden und für die Verbesserung der Laune des Betrachters.« Mit Verlaub: Nicht jedes Betrachters, es kommt auf dessen Haltung an. Mario-Barth-Fans werden nicht unbedingt etwas anfangen können mit dem Bild des im Zimmer an der Wand stehenden Mannes mit dem kleinen Hut und dem zart-innigen Text: »Manchmal hatte Sondermann keine Lust zum Fotografieren. Dann stand er still im Zimmer und schmiegte seine Hand weich an die Tapete.« Nicht zum Brüllen witzig, sondern zum Weinen schön.
Einige der Sondermann-Bilder wurden von einer Titanic-Redakteurin namens Simone Borowiak betextet. Sie dichtete auch, ohne Pfarr-Bildvorlage, unter dem Titel »Hessen nimmt Abschied« über den an Aids gestorbenen Queen-Sänger Freddy Mercury: »Mit fünfundverzisch war schon Schluss, / Des kam vom vielen Koitus. / Der Fred war schwul als wie die Nacht, / drum hat er’s auch nicht lang gemacht. / Dabei konnt’ der doch so schön singe! / Was muss er da noch Kerls bespringe! / Wär er net rein in jedes Bett, / könnt’ er noch leben, unsän Fred.« Zu witzig für eine Frau? Deshalb heißt Simone nach einer Geschlechtsumwandlung Simon. Was nun wirklich nicht witzig ist, aber vielleicht einen weiteren Weg zur Lebenshaltung Humor weist: Wer die Irrwitzigkeit des Lebens am eigenen Leib und in der eigenen Seele hautnah spürt, der hat die kürzeste psychosomatische Verbindung zu irrem Witz. Das ist manchmal nur mit Alkohol auszuhalten, scheinbar – mehr dazu lese man in Simon Borowiaks einzigartigem Erfahrungsbericht »Alk«, »ein Fachbuch von einem Betroffenen ohne Betroffenheit, im Dienst von Aufklärung, Verständnis, Naturwissenschaft und Komik« (Simon Borowiak).
Nicht fehlen bei dieser Humor-Haltung darf Frank Schulz beziehungsweise sein alter ego Bodo Morten, der vier Jahre lang freiwillig zolibitär lebte, nachdem ihn das WEIB in den Suff und Wahn getrieben hatte (»Das Ouzo-Orakel« – Eichborn – 24,90 Euro – ISBN 3-8218-0729-6). Ein wundersames, wunderbares, sprachmächtiges, unfassbar witziges deutsches (ja, trotz Ouzu und Hellas) Heimatbuch. Lesen!
Apropos Elke Heidenreich. Sie schreibt, wie Bernd Eilert, ein schönes Sondermann-Nachwort, Robert Gernhardt ein ebensolches Vorwort, wenige Wochen vor seinem Tod. Tote unter sich: »Die Realität ist lebensfeindlich und phantasielos. Deswegen finde ich die Unvernunft häufig ausgesprochen anregend und komisch und lebenswert« (Pfarr), aber eine »Unvernunft, die nicht mit Vernunftlosigkeit, gar Blödsinn verwechselt werden darf« (Gernhardt). Ein Lebender ergänzt: »Komposita wie ›Hamstermusspender‹, ›Walfischtranzerstäuber‹ oder ›Giraffenhirnextraktpistole‹ bringen Bernd Pfarr seinem erklärten Ziel erfreulich nahe« (Henscheidt), das da wäre: »Am liebsten würde ich der ganzen Welt die Realität austreiben« (Pfarr). Mit seinem Sondermann, der sich »im Laufe seines Wirkens vom spießbürgerlichen Bürotrottel zu einer Kultfigur entwickelt« (Gernhardt) hat, ist ihm das vortrefflich gelungen. (gw/29.12.2007)
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Klappentext (20.10.2007)
Eine jüdische bürgerliche Biographie in Nazizeiten. Fast atemlos gelesen. Gebannt, bewegt, verstört. Tief beeindruckt von den Erinnerungen eines beispielhaften deutschen Bildungsbürgers. Literatur, die nachwirkt, die noch lange nach der Lektüre nicht loslässt. Schon zweimal in jüngerer deutscher Zeit diese aufrüttelnde Lese-Erfahrung gemacht: Mit Victor Klemperers Tagebüchern und mit Marcel Reich-Ranickis Autobiographie. Warum nicht in gleichem Maße mit Fritz Sterns Erinnerungen?
Reich-Ranickis Memoiren und Klemperers Tagebücher gehören (zusammen mit Sebastian Haffners »Geschichte eines Deutschen«) zu den unverzichtbaren Erinnerungs-Büchern des letzten Jahrzehnts: Erschütternde Dokumente, die unter die Haut gehen – auch weil die Autoren durchaus widersprüchliche Charaktere und gewiss keine unumstrittenen Sympathieträger waren oder sind.
Wie hätten sich Reich-Ranicki und Klemperer verhalten, wenn sie nicht als Juden geboren wären? Schon die Frage fällt schwer. Doch der elitäre Querkopf Reich-Ranicki wäre von den spießig-brutalbornierten Nazis sicher gleichermaßen angewidert gewesen wie der Nicht-Jude Haffner und hätte seinen Ekel wie dieser kaum in der nur inneren Emigration ausgehalten. In Klemperers Tagebüchern schimmert dagegen durch, dass der ehrgeizige Romanist sein Judentum eher als zufällige Last empfand, die ihm die akademische Karriere vermasselte. Das schien ihn zunächst fast schlimmer zu treffen als die später offene, widerwärtigste Drangsalierung und die permanente Lebensgefahr, in der er als ehrpusseliger, eitler, selbstbezogener konservativer Karriere-Akademiker der ersten Tagebuch-Jahre zu menschlicher, fast übermenschlicher Größe wächst. Not macht Helden. Stern dagegen, hineingeboren in eine weit verzweigte, einflussreiche jüdische Familie, macht zwar als Kind schmerzliche Erfahrungen, kann aber mit seinen Eltern schon als Zwölfjähriger Deutschland verlassen und in den USA eine neue Heimat finden. Die Sterns gehören zur internationalen bürgerlichen Elite, die unerschütterlich glaubt, dass sie die Besten jeder anständigen Gesellschaft sind – und sie sind es wohl auch. Wenn der Jugendliche Fritz Stern sich über gesellschaftliche Entwicklungen in der neuen Heimat empört, sagt und schreibt er das. Nicht in sein Tagebuch, sondern gleich den demokratisch Verantwortlichen bis hoch zum Präsidenten. Und die antworten ihm auch. Das prägt.
Und so verbreiten Sterns Erinnerungen, wenn sie über die Kindheit in Deutschland hinausgehen, und das tun sie über rund 400 Seiten, keine mitleidende Faszination, sondern die Aura gepflegter liberaldemokratischer Lebensart besserer Kreise, die namedroppend gebührend erwähnt werden. Vielleicht bezeichnend, dass widerborstigere Charaktere bei Stern unter Gebühr auftauchen: Kein Wort zu Klemperer, nur ein beiläufiges zu Reich-Ranicki und Haffner, sogar ein befremdendes zum jüdischen Biochemiker und großen Außenseiter Erwin Chargaff (»glänzend und unverfroren«), aber viele, viele zu den Weizsäckers, Dahrendorfs und all den anderen seines Standes und seiner Art. Dennoch: eine deutsche Pflichtlektüre. Sie bewegt selten das Herz des Lesers, schärft aber seinen historischen Verstand.
Selbsttest: Sterns »Erinnerungen«, Köhlmeiers »Abendland« und Richard Fords »Zur Lage des Landes« (Berlin Verlag – 25,60 Euro – ISBN 978-3-8270-0065-1) simultan gelesen. Alle drei Bücher gleich lange »Wälzer«. Zu Fords drittem Roman über den ehemaligen »Sportreporter« Frank Bascombe ist an anderen Stellen genug geschrieben worden, das muss hier nicht nacherzählt werden. Nur soviel: Auch bei Ford geht es um Befindlichkeiten im 20. Jahrhundert des Abendlandes. Und: Während bei Köhlmeier fast zu viel geschieht, passiert bei Ford wenig (bis zum furiosen Schluss), breit lässt er Bascombes teils nur banalen Gedankenstrom fließen. Dennoch wird er klarer Testsieger: Drei Tage vor Stern und fünf vor Köhlmeier ist die letzte Ford-Seite erreicht, da die selbstgesetzte Vorgabe des täglich paritätischen Dreifachlesens an Fords literarischer Meisterschaft scheitert. Fazit: keines. Grund: Kriterien zu subjektiv. Empfehlung dennoch: Wer noch nicht hat – Ford lesen!
Den kompletten Schopenhauer am Stück zu lesen, 3472 Seiten in der Diogenes-Gesamtausgabe, wird sich der normalsterbliche Leser kaum zumuten wollen. Ihm bietet der Verlag daher »Denken mit Arthur Schopenhauer« (Diogenes – 9,90 Euro – ISBN 978-3-257-23585-2) an, mit einer Auswahl der wichtigsten und bezeichnendsten Texte, herausgegeben und mit einem Nachwort von Otto A. Böhmer, des so ungemein produktiven hessischen Schriftstellers aus Wöllstadt. Zugabe des Unermüdlichen: »Joseph von Eichendorff – Sein Leben erzählt von Otto A. Böhmer« (Diogenes – 8,90 Euro – ISBN 978-3-257-23641-5).
Schnell noch zwei Krimis: In Berlin taucht ein Mann ohne Gedächtnis auf, der meisterhaft Klavier spielen kann. Kommt Ihnen bekannt vor? Aber in Ulrich Ritzels »Forellen-Quintett« (btb – 17,95 Euro – ISBN 978-3-442-75182-2) spielt der aktuelle Bezug zu einem authentischen Fall keine Rolle, schnörkellos und spannend lässt der routinierte Krimi-Autor seine lesbische Kriminalkommissarin Tamara Wegenast den Fall aufdröseln. Da stimmt handwerklich alles, kopflos ist nur die Leiche.
Bei Christian v. Ditfurths »Lüge eines Lebens« (Kiepenheuer & Witsch – 18,90 Euro – ISBN 978-3-462-03933-7), dem vierten Fall des Historikers Stachelmann, der ständig in kriminelle Machenschaften tappt, kann ich mir’s leicht machen: Wer die Reihe kennt und den dritten Fall (»Im Schatten des Wahns«) gerne/enttäuscht gelesen hat, wird auch den vierten gerne/enttäuscht lesen. Wer Ditfurth/Stachelmann noch gar nicht kennt, sollte zunächst mal den ersten Fall lesen, den großartigen »Mann ohne Makel«. Und wer noch weiß, was auf der Bücherseite zum dritten Fall geschrieben wurde, kann sich jetzt sowieso seinen eigenen Reim machen . . . (gw)
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