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Nummerierter “Kleinstadt-Sex” (John Updike: “Landleben”)

Mit »Landleben« kommt John Updike in »Rabbit«-Form zurück
Wenn Owen erwacht – Frauen, habt Erbarmen mit den Männern, denn sie haben es nicht verdient

Auch wohlmeinende Kritiker kommen angesichts mancher Romane des bienenfleißigen John Updike auf den Gedanken, mit seiner »Rabbit«-Trilogie habe er schon früh geschrieben, was er zu schreiben hatte. Es folgten noch der eine oder andere Höhepunkt (wie »Gott und die Wilmots«) und einige Flops (zuletzt »Sucht mein Angesicht«), aber nie mehr ein solcher »Blockbuster«. Auch der Versuch der zaghaften Wiederbelebung (»Rabbit, eine Rückkehr«) hatte mehr Asche als Glut, vor allem, weil es um die Asche in der Urne von Harry »Rabbit« Angstrom ging, den Updike leider zu früh auf dem Basketballfeld hatte sterben lassen.

Aber wir vergessen dabei, dass diese Vorbehalte nur wegen des genialen dreifachen »Rabbit«-Geniestreichs überhaupt erst ermöglicht wurden. Dem kann ein Autor später meist nur noch nahe kommen, ihn nie mehr ganz erreichen – aber dennoch großartige Werke schaffen. Man denke nur an Thomas Mann, der sein Meisterwerk (»Die Buddenbrooks«) schon als früher Twen schrieb, was ihm sehr, und zwar unangenehm, bewusst war.

Gut, auch dieser Vergleich tut das, was Vergleiche gerne tun: Er hinkt. Es gibt gewiss gravierende Unterschiede zwischen Updike und Mann, man denke nur an Sex und Erotik, die der steife, verklemmte Thomas Mann tief zwischen wunderbar eleganten Zeilen versteckt, während Updike mit Lust und Laune seine und seiner geliebten US-Mittelschicht Obsessionen und Begierden genüsslich und ausführlich ausbreitet.

Der Sex lässt ihn auch im Alter nicht los, zumindest literarisch, und auch in »Landleben« ist Updike der »Troubadour der melancholischen Poesie des Ehebruchs« (New York Review of Books) geblieben, der alles in und kein Blatt vor den Mund nimmt.

Owen ist 70 Jahre alt, hat rechtzeitig seine Software-Firma an Apple verkauft und daher seit geraumer Zeit keine Geldsorgen mehr. »Seit langem schon wacht seine Frau früh auf, um fünf oder um halb sechs.« Sie erwacht »voller Zärtlichkeit für ihn«, »doch seine Lippen sind gedunsen und taub vom Schlaf«, und »nach einigen weiteren Minuten liebesbetörten Gerangels (…) gibt Julia nach und erhebt sich (…), und Owen streckt sich dankbar auf der von ihr geräumten Seite aus und sinkt für ein, zwei weitere Stunden in Schlaf«.

Aber »an manchen Tagen findet er, halb erregt, nur wieder in den Schlaf, wenn er an eine der anderen Frauen denkt – Alissa oder Vanessa oder Karen oder Faye«, dann umfasst seine Hand »seinen schlaftrunkenen . . . «, tja, und das Wort würde bei Thomas Mann nur über dessen Leiche in einem seiner Bücher stehen.

Gleich sechs der 14 Kapitel von »Landleben« haben die gleichlautende und daher nummerierte Überschrift »Kleinstadt-Sex«. Da weiß der Leser und die Leserin, woran man und frau dran sind.

Bei Updike aber bleibt, bei allem Sex und Dollerei, nie zweifelhaft, dass die Owens dieser Welt des »Middle America« dort sowie Hinz und Kunz hier die Schönheit und das Erbarmen der Frauen nicht verdient haben.

Wenn Updike in Form ist, erinnern seine Bücher sehr an die »Rabbit«-Trilogie. Nur die »Rabbits« heißen dann anders. Das gilt auch für »Landleben« und ist nicht als Kritik, sondern als Hymne zu lesen, denn diesmal ist John Updike wieder in großer Form.

Für die gerne gestellte Frage, wieviel Updike in Owen steckt, lassen wir den Autor Hilfe- oder Verwirrstellung leisten: »Er versucht sich zu rasieren, ohne sein Gesicht zu sehen, das niemals das Gesicht gewesen ist, das er sich gewünscht hätte – zu viel Nase, nicht genug Kinn. (…) In letzter Zeit ziehen Falten die Mundwinkel herunter, und die Augenlider sind schrumplig wie bei einem Wüstenreptil.« – Ist das Updike? Schauen wir uns sein Bild an – oder vielleicht doch besser in den Spiegel? (gw/28.1.2006))

John Updike: »Landleben« – Rowohlt – 19,90 Euro – ISBN 3-498-06883-0

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