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Nachgehakt: Die Krankheit, der Tod … und das Buch dazu

Lance Armstrong hat den Krebs »besiegt« und darüber einen Weltbestseller geschrieben. Auf der deutschen Verkaufsliste stehen Krankheitsberichte des ehemaligen Spiegel-Reporters Jürgen Leinemann (»Das Leben ist ein Ernstfall«, Hoffmann & Campe) und des Kultur-Tausendsassas Christoph Schlingensief (»So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein: Tagebuch einer Krebserkrankung«, Kiepenheuer & Witsch) weit oben. Georg Diez erreicht mit »Der Tod meiner Mutter« (Kiepenheuer & Witsch) wohl die besten Verkaufszahlen seiner Schriftsteller-Karriere. Und die Erfahrungsberichte von deutschen Prominenten, die ihren Bekanntheitsgrad nicht unbedingt schreiberischen Talenten zu verdanken haben, sondern eher Fernseh-Moderationen oder ähnlichem B-Promi-Schaffen, sind kaum zu zählen und finden genügend lesende Kundschaft, so dass es für die darbenden Verlage lohnt, ein neues Genre zu hegen und zu pflegen: Die Krankheit, der Tod – und das Buch dazu.
Wer liest das alles? Hypochonder? Wohl kaum. Aus eigener hypochondrischer Lebenserfahrung: Nie so etwas gelesen, weil: Wer’s liest, kriegt’s auch, sofort, bildet sich’s jedenfalls ein (und fragt nach dem dritten Apostroph, wo das eine im Schlingensief-Titel fehlt, aber das hier nur nebenbei).
Bei Armstrong stieß ab, dass er den Krebs »besiegt« haben wollte. Triumph statt Demut. »Verlieren ist wie Sterben«, sagt er, auf Leben und Sport bezogen – was halten Millionen Menschen (beziehungsweise deren Angehörige), die den Kampf nicht »gewinnen«, von Armstrongschem Brachialdarwinismus?
Natürlich kann sich ein einfühlsamer Noch-Gesunder vorstellen, dass es einem Kranken hilft, seine Not, seine Verzweiflung zu artikulieren und mitzuteilen. Prominente tun dies, wie fast alles in ihrem Leben, eben öffentlich. Aber wem hilft es, außer ihnen selbst? Anderen Kranken, die nicht die Möglichkeit haben, über ihr Leiden öffentlich zu schreiben? Dient es der Vorbeugung? Hat es literarischen Belang? Ein heikles, ein sehr heikles Thema, bei dem Kritik schnell als Gefühllosigkeit abgestempelt wird. Daher wollte der hier Nachhakende auch darauf verzichten, seine ambivalenten Gefühle beim hypochondrisch-zaghaften Lesen im »Spiegel«-Vorabdruck des Leinemann-Textes zu beschreiben.
Eine Woche später geschah Erstaunliches: Der »Spiegel« veröffentlichte neun Leserbriefe, in der Mehrzahl negative, in denen eben jene, »meine« ambivalenten Gefühle artikuliert wurden.
»Als seit über sechs Jahren an metastasiertem Brustkrebs erkrankte, brustamputierte 45-jährige Mutter mit drei Kindern möchte ich meiner dezenten ›Wut‹ Ausdruck verleihen. Wem hilft so ein Buch?«, fragt Marion F. aus Tönisvorst und stellt fest: »Ihr Buch tröstet nicht uns, Sie trösten sich selbst.«
Wolfgang B. aus Kassel: »Ehrlich ist Leinemann nur, wenn er über seine persönlichen Gefühle und Ängste schreibt, da ist er Mensch, für den es lohnt, sich Sorgen zu machen. Aber welche Eitelkeit reitet ihn, in seinem Buch einen Prominenten an den anderen zu reihen?«
Das nämlich tut Leinemann auf irritierende Weise, indem er namedroppend seine Augenhöhe mit den Schröders und Fischers der deutschen Polit-Welt überdeutlich zu verstehen gibt.
Donnerwetter, dachte ich daher, da hatte man wohl selbst beim »Spiegel« ambivalente Gefühle beim Veröffentlichen des Textes vom Ex-Kollegen. Respekt, dass die Meinung der Leser im, wie anzunehmen, richtigen Verhältnis wiedergeben wurde! Aber war es das richtige Verhältnis? Da gibt es generell zwischen Leserbriefschreibern und Redaktion Irritationen, speziell aber bei auflagen- und leserbriefstarken Publikationen wie dem »Spiegel«, die nur einen winzigen Bruchteil der Zuschriften, zumeist stark gekürzt, veröffentlichen können.
Eine Woche später schob der »Spiegel« sechs weitere Leserbriefe nach. Allesamt höchste Bewunderung für Leinemann ausdrückend, ein frappierender Gegensatz zu den Leser-Gefühlen der Vorwoche.
Was ist geschehen? Seltsamer Meinungsumschwung, erdrutschartig? Unsanfte redaktionelle Regie zugunsten des Freundes?
Wir wissen es nicht und wollen es auch lieber nicht wissen. Die Krankheit, der Tod und das Buch dazu, das ist ein emotional derart vermintes Gelände, dass man auch mit vorsichtigen kritischen Schritten unweigerlich von Fettnäpfchen zu Fettnäpfchen tappt. Da bleibt man lieber beim hypochondrischen Verweigern. Aber mit ungutem Gefühl. Auch sich selbst gegenüber. (gw/31.10.2009)

Baumhausbeichte - Novelle