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Mord geteilt durch sechs (Krimi-Königinnen)

Büchlein, Büchlein auf dem Bord, wer ist des Krimis Schönste dort? Sechs der erfolgreichsten Autorinnen in Thriller-Land sind in diesem Jahr mit neuen Werken hervorgetreten – wir wollen Lese-Entscheidungshilfe jenseits üblicher Rezensions-Kriterien geben: Was erwartet den mit seiner Autorin und ihrem Stammpersonal vertrauten Leser, wen erwartet er – und wer wartet nicht auf ihn?
Elizabeth George meldet sich mit »Wer die Wahrheit sucht« nach Formschwankungen in Topform zurück, doch sollte dem Leser auf der Suche nach der Wahrheit diese bittere nicht verschwiegen werden: Nach Inspector Lynley wird vergeblich gesucht, er spielt nur ganz am Schluss eine Mini-Mini-Rolle. Sergeant Barbara Havers, das proletarische Salz in der George-Suppe, ist überhaupt nicht dabei, so dass Lynleys Freund St. James und seine Frau Deborah alles alleine schultern müssen, inklusive ihrer diversen Beziehungs- und Selbstverwirklichungsprobleme. Wer diese leise Enttäuschung überwindet, wird mit schönen Lese-Stunden in bester George-Manier belohnt.
Ähnlich bei Magdalen Nabb (siehe »Die Bücherseite« vom 25. September): Ihr »Cosimo« kommt in Florenz ohne weitere Ermittlungen unseres geliebten Maresciallo Guarnaccia zu Tode, denn Nabb schreibt hier einen Psycho-Thriller im Stil ihres Vorbildes Simenon, der ja auch ab und zu auf Maigret verzichtete, wenn er höhere eigene Ansprüche erfüllen wollte.
Guarnaccias entfernter Verwandter Brunetti hat’s bei Donna Leon in Venedig besser: Er darf immer ran, mitsamt Familie, diesmal geht’s um »Verschwiegene Kanäle« rund um eine Kadettenschule, und da Leon alles Soldatische herzlich hasst, kann man sich vorstellen, wo diesmal das Böse zu Hause ist. Unter den bisher zwölf Brunetti-Bänden gab es (Produktionsstress?) zwei, drei Ausreißer nach unten, dieser hier gehört wieder zum guten Standard.
P. D. James ist 2004 mit »Im Saal der Mörder« als erste in den Wettstreit der Krimi-Königinnen gestartet und liegt immer noch auf Platz eins – allerdings nur auf unserer unmaßgeblichen, weil rein subjektiven Hitliste. Nicht cool, nicht schrill, nicht mit schauerlichen gerichtsmedizinischen Details gespickt, sondern mit bedächtig-durchdacht aufgebauter Spannung – auch um Commander Adam Dalglish, den Rendezvous-Probleme mit seiner Emma plagen, in die er sich im letzten »P. D.« verliebt hatte (»Tod an heiliger Stätte«).
Eher was für pathologische Pathologie-Fans ist dagegen Patricia Cornwells »Die Dämonen ruhen nicht«. Zehn Frauen werden gefoltert und ermordet – alle sehen Kay Scarpetta ähnlich. Die muss noch andere Schocks verkraften, denn Pete Marino und Lucy wissen etwas, was sie nicht weiß und wir nicht verraten (nur soviel: Dallas, Bobby und die Dusche!).
Zu guter Letzt führt uns Liza Marklunds »Der rote Wolf« in den hohen Norden, wo sich die Schweden bekanntlich an langen, trüben Winterabenden die scheußlichsten Verbrechen ausdenken. Annika Bengtzon recherchiert jetzt auch chronologisch auf der Höhe der Zeit, denn Marklunds fünfter Roman knüpft endlich an »Olympisches Feuer« an, dem zeitlich an vierter Stelle liegenden, aber zuerst erschienenen der fünf Annika-Bengtzon-Krimis. Es geht um altmaoistische Terroristen und kaltblütige Morde im eiskalten Schweden, dem Leser gruselt’s genüsslich am warmen deutschen Kamin, zumal Liza Marklund die Fäden des Plots bis zum Schluss souverän in der Hand behält.
Und wer ist nun die Schönste im Bücher-Bord? Wir haben nur vor-gelesen, liebe Leser, über die Aus-Lese entscheiden Sie. (gw/4.12.2004))

Patricia Cornwell: Die Dämonen ruhen nicht
Hoffmann und Campe – 22,90 Euro – ISBN 3-455-01021-0

Elizabeth George: Wer die Wahrheit sucht
Blanvalet – 24,90 Euro – ISBN 3-7645-0099-9

P. D. James: Im Saal der Mörder
Droemer – 19,90 Euro – ISBN 3-426-19658-1

Donna Leon: Verschwiegene Kanäle
Diogenes – 19,90 Euro – ISBN 3-257-06390-3

Liza Marklund: Der rote Wolf
Hoffmann und Campe – 22,90 Euro – ISBN 3-455-05159-6

Magdalen Nabb: Cosimo
Diogenes – 19,90 Euro – ISBN 3-257-06454-3

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