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Mit Guarnaccia auf Irrwegen (Magdalen Nabb: “Eine Japanerin in Florenz”)

Die Tote in den Boboli-Gärten – Kriminalliterarische Meisterleistung von Magdalen Nabb

Als wir vor eineinhalb Jahren freudig gespannt auf Maresciallo Guarnaccias dreizehnten Fall warteten, konnten wir leise Enttäuschung nicht verhehlen, weil Magdalen Nabb unseren geliebten, sich ungeschickt und geistig langsam wähnenden, aber hartnäckig nach-denkenden und lebensklugen Wachtmeister ( = Maresciallo) erst gar nicht ins Spiel brachte. Stattdessen wandelte sie zwar weiter in den Spuren ihres großen Vorbildes Georges Simenon, gönnte aber – wie dieser früher ab und an seinem Maigret – ihrem Guarnaccia eine Pause und schrieb einen verstörenden Psycho-Thriller (»Cosimo«/Bücherseite vom 25. September 2004), so wie dies oft auch Simenon getan und damit mehr literarischen Ruhm geerntet hatte als mit seinen Maigret-Romanen.

Allerdings weniger bei den Maigret-Liebhabern. Auch die Guarnaccia-Freunde hatten an »Cosimo« zu kauen, doch nun ist es endlich soweit: Der Maresciallo löst seinen dreizehnten Fall, und dass er ihn löst, ist natürlich keine Frage. Aber wie und mit welchen tragischen Verwicklungen und Versäumnissen – das macht »Eine Japanerin in Florenz« zu einem ganz besonderen Fall und zu einer kriminalliterarischen Meisterleistung.

In einem Teich in den Boboli-Gärten wird die Leiche einer jungen Frau gefunden, die schwierig zu identifizieren ist, weil die Fische ihr Gesicht angefressen haben. Schließlich stellt sich heraus, dass sie Japanerin war, aber nicht als Touristin nach Florenz gekommen war, sondern als Lehrling in der Schuhwerkstatt eines alten, brummigen Witwers arbeitete, der noch viel mit ihr vorgehabt hatte . . .

Dass man mit den berühmten handgenähten Florentiner Schuhen auf Irrwege geraten kann, auch bei Mordermittlungen, das erfährt Guarnaccia auf sehr schmerzliche Weise. Wir Leser nisten uns mit dem behäbigen Maresciallo gemütlich in unserem vertrauten Ambiente rund um den Palazzo Pitti ein – und werden dann selbst als erfahrene Krimi-Kenner zusammen mit Guarnaccia von verstörenden Entwicklungen überrascht.

Im erlesenen Verlagsprogramm von Diogenes nimmt Magdalen Nabb eine durchaus eigene Rolle ein: Nicht so sophisticated wie Patricia Highsmith, nicht so trendy wie Martin Suter und ohne die Bestseller-Garantie einer Donna Leon, aber längst kein Geheimtipp mehr, sondern eine der ganz Großen der Krimi-Zunft, deren Protagonist ein wenig an Inspektor Columbo erinnert.

Die 1947 geborene Nabb, eine gelernte Keramikerin, kam 1975 nach Florenz. Und blieb. Bis heute. Zunächst schrieb sie keine Krimis, sondern las sie. Vor allem die von Georges Simenon. Als der nichts mehr veröffentlichte, »musste ich sie mir halt selbst schreiben«. Ihren Erstling schickte sie dem Meister – und der wurde ihr erster Fan.

Magdalen Nabbs bedächtig-selbstkritischer Maresciallo Guarnaccia, ein nach Florenz versetzter Sizilianer, kümmert sich um die Menschen in »seinem« Oltranto-Viertel unterhalb der Boboli-Gärten. Dort sieht man mittlerweile immer öfter auch Nabb-Fans, die von den Uffizien her über den Ponte Vecchio gekommen sind – das dauert zu Fuß nur ein Viertelstündchen – und in Guarnaccias Revier dem »Tod eines Engländers« (1981) nachspüren, sehen wollen, wo die »Nachtblüten« (2002) wachsen – oder demnächst den Teich suchen, in dem »Eine Japanerin in Florenz« zu gewaltsamem Tode kam. (gw/11.2.2006)

Magdalen Nabb: »Eine Japanerin in Florenz« – Diogenes
19,90 Euro – ISBN 3-257-86134-6

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