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Mit dem Kinderfahrrad durch die USA (Ron McLarty: “Die unglaubliche Reise des Smithy Ide”)

Ein neuer Autor und der »gute alte amerikanische Roman« – Ein Bruder von Forrest Gump tritt in die Pedale

»Der Ford-Kombi meiner Eltern prallte im August 1990 bei Biddeford, Maine, gegen die Betonleitplanke auf dem Mittelstreifen der U.S. 95.« – Damit beginnt nicht nur das Buch mit dem Titel, sondern auch buchstäblich »Die unglaubliche Reise des Smithy Ide«. Dessen Eltern sterben, fast gleichzeitig kommt die Nachricht, dass seine vor Jahren verschwundene, geliebte Schwester in Los Angeles gestorben ist. Smithy, ein netter, fetter, antriebsloser Mann, 43, Angestellter in einer Spielwarenfabrik, Kettenraucher, Alkoholvernichter, Dauerfernseher, setzt sich auf sein altes Kinderfahrrad und fährt los, von Rhode Island nach Los Angeles, quer durch Amerika.

Es ist nicht Richard Fords »Sportreporter« Frank Bascombe, der da quer durch die USA reist, es ist nicht Don de Lillos »Unterwelt«, in der über Baseball gefachsimpelt wird, und es ist nicht Forrest Gump, der in lebenskluger Naivität unsere Herzen erobert, sondern Ron McLartys seltsamer Held Smithy Ide, der eine »Unglaubliche Reise« unternimmt, sich faul, feist und fett auf ein Fahrrad wälzt, um fit und schlank und auch sonst sehr verändert am anderen Ende der USA anzukommen.

Da werden einige wohl bekannte, Erfolg versprechende literarische US-Ingredienzen in den Plot eingerührt, und mit Stephen King findet sich ein prominenter, hymnisch preisender Fürsprecher, der einen unbekannten Autoren und dessen ersten Roman entdeckt, der von allen Verlagen abgelehnt worden war.

Die Geschichte dieser Entdeckung muss natürlich eine außergewöhnliche sein. King, der auch für »Entertainment Weekly« schreibt, veröffentlichte dort im September 2003 eine Rezension über »Das beste Buch, das sie nicht lesen können« – weil es nun mal nicht gedruckt, aber wenigstens von einer kleinen Firma als Hörbuch herausgegeben wurde, gelesen vom Autor. King forderte die Leser in seiner Rezension (mit diesem sehr gelungenen, einprägsamen Titel) auf, die Firma mit Bestellungen der CD zu »überschwemmen. Was meinen Sie – wollen wir nicht ein bisschen Geschichte machen? Wenn das passiert, wird das Buch wahrscheinlich verlegt werden. Es hat das Zeug zu einem großen Bestseller.«

In den USA ist das Marketing-Konzept aufgegangen. Auch die Filmrechte sind schon verkauft (an Warner Bros. (oder waren sie es von Anfang an?). Bei uns kommt »Die unglaubliche Reise des Smithy Ide« in den nächsten Tagen auf den Markt.

Ein Buch mit einer kühl inszenierten rührseligen Entstehungsgeschichte und konstruiert mit den gängigen Erfolgsbausteinen? Man liest die Absicht … und ist nicht verstimmt. Vergessen Sie alle Vorbehalte, die misstrauische Leser überkommen können, und »fahren Sie einfach mit Smithy durch Amerika und feuern Sie ihn an, während er abnimmt und sich verliebt und das Leben wieder entdeckt, ja? Sie werden eine Lanze für den guten alten amerikanischen Roman brechen. Und was noch wichtiger ist: Sie werden erleben, was ein guter Roman immer noch bewirken soll: Sie werden ein bisschen lachen, ein bisschen weinen« (King), und Sie werden hoffentlich mit Wally Lamb (»Früh am Morgen beginnt die Nacht«) sagen: »Ich liebe diesen traurigen, komischen, lebensbejahenden Roman.«

Ich auch. Den großen Vorrednern schließe ich mich vorbehaltlos an. King bat seine Leser bei der Bestellung der CD: »Sagen Sie ihnen, Steve hat Sie geschickt.« Da häng ich mich frech dran, aber von Herzen: Wenn Sie zu Ihrem Buchhändler gehen, sagen Sie ihm, geschickt hat Sie: (gw/28.1.2006)

Ron McLarty: »Die unglaubliche Reise des Smithy Ide« – Goldmann
19,95 Euro – ISBN 3-442-30104-1

Baumhausbeichte - Novelle