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Klappentext (29.12.2007)

Literarisch leider nur gut gemeint – wie Bölls späte Romane, doch dazu später – war vieles von dem, was als Buchgeschenk den Gabentisch, nun ja, zierte? Für Enttäuschte und Selbsterwerber empfehlen wir als Rezept gegen Lese-Frust . . . nein, empfehle ich, denn meine Tipps sind zu subjektiv, um im Pluralis daherzukommen, weder im auftrumpfenden majestatis noch im bescheidenen modestiae . . . Bernd Pfarrs Sondermann plus Thurber, Schulz und Borowiak (siehe »Der Welt die Realität austreiben«)
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Wenn Sie mir, liebe Leser, schon so persönlich kommen, hier meine drei Lieblingsbücher des Jahres: Auf Platz eins das nun allerdings von mir schon oft genug und heute wieder (Blick nach rechts) gepriesene »Ouzo-Orakel« von Frank Schulz, gefolgt auf Platz zwei gleichauf von »Am Strand« (Ian McEwan / Diogenes / 18,90 Euro / ISBN 978-3-257-86163-1)) und »Der Mond und das Mädchen« (Martin Mosebach / Hanser – 17,90 Euro – ISBN 978-3-446-20916-9).
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»Am Strand«: Es ist die große Liebe, zweifellos. Aber nicht nur »das Bett ächzte klagend, sobald sie sich bewegten«: Edward und Florence bereiten sich im Juli 1962 auf ihre Hochzeitsnacht vor. Florence »plagt ein hilfloser Widerwille so heftig wie die Seekrankheit«. Fassungslos fragt sie sich: »Wurde von ihr etwa erwartet, dass sie sich in dieser Nacht für Edward in ein Portal verwandelt, eine Art Vorhalle, durch die er Einzug hielt?« Dagegen hatte »Edwards einziger bedeutsamer Beitrag darin bestanden, sich eine Woche lang Enthaltsamkeit aufzuerlegen«. Mit fatalen Folgen: Florence legt »die Finger sanft um dieses seltsam haarige Etwas, das sie in ähnlicher Form von Hunden und Pferden kannte, auch wenn sie bislang nie recht geglaubt hatte, dass derlei an erwachsenen Menschen vorkam« – und ein Tsunami der Liebe überflutet sie. Angeekelt flieht sie zum Strand.
Der Rest ist . . . Schweigen?
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»Der Mond und das Mädchen«: Der feinziselierte, seriös-hintergründige Humor erinnert an Vicco von Bülow, und die Handlung liest sich wie eine Fortsetzung von McEwans »Am Strand«. Mosebachs Paar hat die Hürde der Hochzeitsnacht übersprungen – doch dann lauert ihm das wahre Leben auf in einer trostlosen Wohnung im trostlosen Frankfurter Bahnhofsviertel, das allerdings nicht beiden gleichermaßen trostlos erscheint. Nur das Buch ist nicht trostlos, im Gegenteil, es ist ein kleiner (191 Seiten), feiner, eleganter Roman eines großen Könners.
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Heinrich Böll – auch ein großer Könner? Robert Gernhardt: »Er war immer erste Sahne / wären da nicht die Romane«. Sehr böse. Und die alte Diskussion wurde rechtzeitig zum 90. Geburtstag (21. Dezember) des guten Menschen von Köln aufgewärmt. Gebrauchsliteratur für das schlechte Nachkriegs-Gewissen von Dr. Lieschen Müller? Die Kritiker machen es sich zu einfach oder haben zu wenig von Böll gelesen, zumindest nicht die lakonischen Kurzgeschichten und die frühen Romane wie »Wo warst du, Adam« oder »Ansichten eines Clowns«, sie alleine rechtfertigten schon den Nobelpreis, waren einfach gut – ist der subjektive Eindruck eines Böll-Fans der eigenen frühen Jahre. Erst ab »Ende einer Dienstfahrt« ging’s bergab, die späte Betroffenheits-Prosa war nur noch gut gemeint.
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Ähnlich geht es mir mit einem anderen deutschen Großpoeten, nur rutscht er nicht von gut auf gut gemeint ab, sondern glitscht von erotischem Gebeuteltsein zu lippenschnalzender Altersgeilheit. Wer? Ich verrat’s nicht. Außerdem hat da jeder seinen eigenen Favoriten, stimmt’s? (gw)

Baumhausbeichte - Novelle