Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Klappentext (22.3.2008)

Zugegeben, mit Douglas R. Hofstadters Weltsupermegasensationshit »Gödel, Escher, Bach« habe ich gefremdelt. Vor knapp 30 Jahren erschienen, galt es sofort als eines der ungewöhnlichsten Bücher des ausgehenden 20. Jahrhunderts und entwickelte sich schnell zum Kultbuch für Computerfreaks und Fans der künstlichen Intelligenz. Auch weniger IT-Gläubige kauften das angesagte Werk, begannen zu lesen, blätterten ratlos weiter und stellten es in den Bücherschrank (so funktioniert das Bestseller-Prinzip, doch das ist ein anderes Thema).
*
Nun kann ich verpasste Erkenntnisse nachholen, denn Douglas R. Hofstadter legt mit »Ich bin eine seltsame Schleife« (Klett-Cotta – 29,50 Euro – ISBN 978-3-608-94444-0) einen »Gödel, Escher, Bach für alle!« nach (Verlagsankündigung). Der weltberühmte Kognitionswissenschaftler erklärt, warum es menschliches Bewusstsein gibt, und behauptet, dass unser Selbstbewusstsein die Gestalt einer Schleife annimmt.
*
Auch Hofstadters Gedanken kreisen also immer nur um die dreifache Urfrage ersten Erkenntnisdämmerns, heute ungelöst wie eh und je, obwohl es schon Millionen Antworten gab: Wer bin ich? Was bin ich? Was wird aus mir? Und dunkel schwant uns: Alle Welt- und Seinserklärungsmodelle, vom Vorsokratiker über den Druiden bis zum Hirnforscher, sind nur Hilflosigkeitserklärungen.
*
Aber bei diesem neuen Hofstadter fremdele ich nicht. Im Gegenteil, es funkt, wenn er funkelt. Noch stecke ich in den Anfangskapiteln, schneller geht’s nicht, denn mit jeder Seite gelingt es Hofstadter, den Leser zu eigenen Gedanken anzustiften, und auch die können lange, seltsame Schleifen werden, bevor sie zum Buch zurückkehren. Höher ist kein solches Buch zu preisen: Hofstadter, ein begnadeter Animateur des Denkens über Sein, Sinn und Selbst.
*
Viele Hirnforscher behaupten ja, im Kopf herrschten nur Moleküle und Stromkreise, die uns in darwinistischer Überlebensstrategie »Seele« (oder auch »Gott«) nur vorgaukeln. Nun könnte man bei solch desillusionierender Aufklärung trübsinnig bis zur Suizidgefährdung werden. Aber die moderne Wissenschaft bietet auch Rettungsanker, denn viele Hirnforscher sind sich auch einig, dass das Hirn sich eine eigene Wirklichkeit zusammenzuschustert – zum Beispiel jene der Seelenlosigkeit der Gehirn-Maschine Mensch.
*
Die Besten von ihnen scheinen zu wissen, was von ihrer Zusammenschusterei zu halten ist. Andrej Dimitriwitsch Linde, der geistige Vater des überlichtschnellen Atomkerns, des Ur-Alls vor dem Ur-Knall, soll zwar, nachdem er auf seine Theorie gestoßen war, seiner Frau zugerufen haben: »Jetzt weiß ich, wie Gott das Universum erschuf« – aber erstens hat bisher noch jeder Ehemann seiner Frau das Universum erklärt, und zweitens tat Linde später als Professor-Guru in Stanford alles, um seiner Fachwelt die Augen zu öffnen: Bei Vorträgen warf er gerne statt Formeln selbstgezeichnete Comicstrips an die Wand, und wenn seine Zuhörerschaft letztgültige Wahrheiten erwartete, setzte er sich schon mal eine Nadel an die Stirn und zog sie am Hinterkopf wieder hervor: Alles nur Simsalabim!
*
Dass der große Gedankenanreger Hofstadter auch Schabernack im Sinn hat, beweist er mit der Aufnahme eines »Peanuts«-Comics in sein Buch: Linus, Lucy und Charlie Brown liegen auf einer Wiese und starren in die Wolken. Lucy: »Was siehst du, Linus?« – Linus: »Die Wolke da oben sieht ein bisschen aus wie das Profil von Thomas Eakins . . . und die Wolkengruppe da drüben erinnert mich an die Steinigung des Stephanus . . . «
*
Undsoweiter undsoweiter. Lucy: »Wow, das ist gut . . . und was siehst du in den Wolken, Charlie Brown?« – Dieser, intellektuell eingeschüchtert: »Ach, ich wollte sagen, dass ich ein Entchen und ein Pferdchen sehe, aber ich hab’s mir anders überlegt.«
*
Warum denn, Charlie, du seltsames Schleifchen!? Mit deinen Entchen und Pferdchen bist du seinsmäßig weiter als alle Linusse! (gw)

Baumhausbeichte - Novelle