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Klappentext (20.10.2007)

Eine jüdische bürgerliche Biographie in Nazizeiten. Fast atemlos gelesen. Gebannt, bewegt, verstört. Tief beeindruckt von den Erinnerungen eines beispielhaften deutschen Bildungsbürgers. Literatur, die nachwirkt, die noch lange nach der Lektüre nicht loslässt. Schon zweimal in jüngerer deutscher Zeit diese aufrüttelnde Lese-Erfahrung gemacht: Mit Victor Klemperers Tagebüchern und mit Marcel Reich-Ranickis Autobiographie. Warum nicht in gleichem Maße mit Fritz Sterns Erinnerungen?

Reich-Ranickis Memoiren und Klemperers Tagebücher gehören (zusammen mit Sebastian Haffners »Geschichte eines Deutschen«) zu den unverzichtbaren Erinnerungs-Büchern des letzten Jahrzehnts: Erschütternde Dokumente, die unter die Haut gehen – auch weil die Autoren durchaus widersprüchliche Charaktere und gewiss keine unumstrittenen Sympathieträger waren oder sind.

Wie hätten sich Reich-Ranicki und Klemperer verhalten, wenn sie nicht als Juden geboren wären? Schon die Frage fällt schwer. Doch der elitäre Querkopf Reich-Ranicki wäre von den spießig-brutalbornierten Nazis sicher gleichermaßen angewidert gewesen wie der Nicht-Jude Haffner und hätte seinen Ekel wie dieser kaum in der nur inneren Emigration ausgehalten. In Klemperers Tagebüchern schimmert dagegen durch, dass der ehrgeizige Romanist sein Judentum eher als zufällige Last empfand, die ihm die akademische Karriere vermasselte. Das schien ihn zunächst fast schlimmer zu treffen als die später offene, widerwärtigste Drangsalierung und die permanente Lebensgefahr, in der er als ehrpusseliger, eitler, selbstbezogener konservativer Karriere-Akademiker der ersten Tagebuch-Jahre zu menschlicher, fast übermenschlicher Größe wächst. Not macht Helden. Stern dagegen, hineingeboren in eine weit verzweigte, einflussreiche jüdische Familie, macht zwar als Kind schmerzliche Erfahrungen, kann aber mit seinen Eltern schon als Zwölfjähriger Deutschland verlassen und in den USA eine neue Heimat finden. Die Sterns gehören zur internationalen bürgerlichen Elite, die unerschütterlich glaubt, dass sie die Besten jeder anständigen Gesellschaft sind – und sie sind es wohl auch. Wenn der Jugendliche Fritz Stern sich über gesellschaftliche Entwicklungen in der neuen Heimat empört, sagt und schreibt er das. Nicht in sein Tagebuch, sondern gleich den demokratisch Verantwortlichen bis hoch zum Präsidenten. Und die antworten ihm auch. Das prägt.

Und so verbreiten Sterns Erinnerungen, wenn sie über die Kindheit in Deutschland hinausgehen, und das tun sie über rund 400 Seiten, keine mitleidende Faszination, sondern die Aura gepflegter liberaldemokratischer Lebensart besserer Kreise, die namedroppend gebührend erwähnt werden. Vielleicht bezeichnend, dass widerborstigere Charaktere bei Stern unter Gebühr auftauchen: Kein Wort zu Klemperer, nur ein beiläufiges zu Reich-Ranicki und Haffner, sogar ein befremdendes zum jüdischen Biochemiker und großen Außenseiter Erwin Chargaff (»glänzend und unverfroren«), aber viele, viele zu den Weizsäckers, Dahrendorfs und all den anderen seines Standes und seiner Art. Dennoch: eine deutsche Pflichtlektüre. Sie bewegt selten das Herz des Lesers, schärft aber seinen historischen Verstand.

Selbsttest: Sterns »Erinnerungen«, Köhlmeiers »Abendland« und Richard Fords »Zur Lage des Landes« (Berlin Verlag – 25,60 Euro – ISBN 978-3-8270-0065-1) simultan gelesen. Alle drei Bücher gleich lange »Wälzer«. Zu Fords drittem Roman über den ehemaligen »Sportreporter« Frank Bascombe ist an anderen Stellen genug geschrieben worden, das muss hier nicht nacherzählt werden. Nur soviel: Auch bei Ford geht es um Befindlichkeiten im 20. Jahrhundert des Abendlandes. Und: Während bei Köhlmeier fast zu viel geschieht, passiert bei Ford wenig (bis zum furiosen Schluss), breit lässt er Bascombes teils nur banalen Gedankenstrom fließen. Dennoch wird er klarer Testsieger: Drei Tage vor Stern und fünf vor Köhlmeier ist die letzte Ford-Seite erreicht, da die selbstgesetzte Vorgabe des täglich paritätischen Dreifachlesens an Fords literarischer Meisterschaft scheitert. Fazit: keines. Grund: Kriterien zu subjektiv. Empfehlung dennoch: Wer noch nicht hat – Ford lesen!

Den kompletten Schopenhauer am Stück zu lesen, 3472 Seiten in der Diogenes-Gesamtausgabe, wird sich der normalsterbliche Leser kaum zumuten wollen. Ihm bietet der Verlag daher »Denken mit Arthur Schopenhauer« (Diogenes – 9,90 Euro – ISBN 978-3-257-23585-2) an, mit einer Auswahl der wichtigsten und bezeichnendsten Texte, herausgegeben und mit einem Nachwort von Otto A. Böhmer, des so ungemein produktiven hessischen Schriftstellers aus Wöllstadt. Zugabe des Unermüdlichen: »Joseph von Eichendorff – Sein Leben erzählt von Otto A. Böhmer« (Diogenes – 8,90 Euro – ISBN 978-3-257-23641-5).

Schnell noch zwei Krimis: In Berlin taucht ein Mann ohne Gedächtnis auf, der meisterhaft Klavier spielen kann. Kommt Ihnen bekannt vor? Aber in Ulrich Ritzels »Forellen-Quintett« (btb – 17,95 Euro – ISBN 978-3-442-75182-2) spielt der aktuelle Bezug zu einem authentischen Fall keine Rolle, schnörkellos und spannend lässt der routinierte Krimi-Autor seine lesbische Kriminalkommissarin Tamara Wegenast den Fall aufdröseln. Da stimmt handwerklich alles, kopflos ist nur die Leiche.

Bei Christian v. Ditfurths »Lüge eines Lebens« (Kiepenheuer & Witsch – 18,90 Euro – ISBN 978-3-462-03933-7), dem vierten Fall des Historikers Stachelmann, der ständig in kriminelle Machenschaften tappt, kann ich mir’s leicht machen: Wer die Reihe kennt und den dritten Fall (»Im Schatten des Wahns«) gerne/enttäuscht gelesen hat, wird auch den vierten gerne/enttäuscht lesen. Wer Ditfurth/Stachelmann noch gar nicht kennt, sollte zunächst mal den ersten Fall lesen, den großartigen »Mann ohne Makel«. Und wer noch weiß, was auf der Bücherseite zum dritten Fall geschrieben wurde, kann sich jetzt sowieso seinen eigenen Reim machen . . . (gw)

Baumhausbeichte - Novelle