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Klappentext (16.7.2005)

Je knapper die Lebenszeit wird, desto weniger Lesezeit steht für immer mehr Bücher zur Verfügung. Nur Mut zur Lücke und früher Abbruch unergiebiger Lektüre können da helfen. So gibt es gewiss angenehmere Bücher als das »Herz der Finsternis«. Sollte man den Roman daher überhaupt lesen? Ja, unbedingt! Warum? Mehr dazu später.

Als Conrad vor hundert Jahren seinen Roman schrieb, stand Afrika, standen Afrikaner, »Nigger«, bedrohlich fremdartige Wilde, als Metapher für die Dämonen im eigenen Herz der Finsternis. Heute wollen wir dort nicht das Böse, sondern nur das Gute in uns entdecken. Und wieder müssen die Afrikaner herhalten, diesmal als Symbol für unser Gutmenschentum. Damals »Herz der Finsternis«, heute »Live 8«: »weiße« Selbstbespiegelungen.

Kein Wunder, dass sich kluge, selbstbewusste Afrikaner wehren – früher gegen Conrad, heute gegen »diese furchtbare Hilfe«. Im Spiegel-Interviw kritisiert der kenianische Wirtschaftsexperte James Shikwati: »Es werden riesige Bürokratien finanziert, Korruption und Selbstgefälligkeit gefördert, Afrikaner zu Bettlern erzogen und zur Unselbständigkeit. Zudem schwächt die Entwicklungshilfe überall die lokalen Märkte und den Unternehmergeist.«

Andrew Mwenda, ein ugandischer Journalist, ebenfalls Wirtschaftsexperte, stellt in der Süddeutschen »ein naiv verklemmtes Schuldgefühl der Europäer« fest. Sie geben »den afrikanischen Diktatoren einen Blankoscheck. Die können jetzt ausleihen, wie sie lustig sind, und das Geld verprassen, und am Ende wird ihnen dann vergeben wie einem Schwererziehbaren.«

»Wenn Helfer zu sehr helfen« (Zeit), konzentrieren sie sich zum Beispiel auf das, was sie selbst angeht und vernachlässigen das wahre Massen-Problem (Malaria). Aids dagegen »ist ein Riesengeschäft. Mit nichts anderem kann man so viel Geld lockermachen wie mit schockierenden Aids-Zahlen. Wenn man den Horrormeldungen Glauben schenken würde, müssten heute alle Kenianer schon tot sein. Doch plötzlich stellt sich heraus, dass die Zahlen maßlos übertrieben wurden.« (Shikwati)

Solche kritischen Stimmen hören wir in der westlichen Welt gar nicht gerne. Viel lieber veranstalten wir Benefizkonzerte und sehen gerührt, wie Madonna eine junge Schwarze herzt. Wollen wir Afrika helfen – oder nur in unserem Herzen der Finsternis Wunderkerzen leuchten lassen?

Und darum sollte man das »Herz der Finsternis« lesen: Denn es wirkt nach. Und was kann Literatur Schöneres leisten, als den Leser weit über die Lektüre hinaus zu beanspruchen? Zum Beispiel in diesem »Klappentext«. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle