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Hochspannung im Unterengadin (Martin Suter: “Der Teufel von Mailand”)

Mysteriöses geschieht in einem schicken Wellness-Hotel – Suter in Topform

Diesmal ist es kein halluzinogener Pilz (wie in »Small World« oder »Die dunkle Seite des Mondes«), sondern ein simpler LSD-Trip, mit dem Martin Suter seine Hauptperson buchstäblich in die Irre schickt: Sonia, soeben von einem erfolgreichen Banker und schlimmen Muttersöhnchen geschieden, sieht nach hartem Disco-Abend und wohl ebensolcher, aber nicht erinnerbarer Sex-Nacht auf einmal Geräusche und fühlt Farben – ein Sinnen-Bonus, der sie tief beunruhigt, zumal er mit weiteren beängstigenden Bewusstseins-Verschiebungen verbunden ist. Sonia beschließt, die Stadt zu verlassen und irgendwo auf dem Land wieder zu sich finden zu können.

Da trifft es sich gut, dass sie in ihrem Vor-Banker-Leben als Physiotherapeutin gearbeitet hat und dass in einem Dorf im Unterengadin ein schickes Wellness-Hotel eröffnet wird, dessen junge, schöne, reiche, sympathische und – na ja, es wäre des Guten auch zuviel – etwas undurchsichtige Besitzerin noch eine Physiotherapeutin einstellen will.

Sonia bekommt die Stelle, na klar, und stellt schnell fest, dass das hochmoderne Hotel dem fast archaisch untouristischen Dorf aufgepfropft worden ist.

Merkwürdige Dinge geschehen: Ein Ficus verliert über Nacht alle Blätter, ein mysteriöser Milchausfahrer verunglückt, ein Hund verschwindet und taucht als Mensch verkleidet wieder auf, und ein Vögelchen im Käfig heißt wie ein Mensch (Pavarotti), wird von Sonia heiß geliebt und . . . ach, Herr Suter, musste das sein? Der arme, unschuldige Piepmatz!

Sonia rätselt, was das alles zu bedeuten hat: Wehrt sich das Dorf? Wirkt der LSD-Trip immer noch nach? Was ist wahr? Wieso erfüllen sich unheilvolle Weissagungen einer alten Engadiner Sage eine nach der anderen? Gibt es einfache Erklärungen, oder ist sie einfach nur verrückt?

In einem rasanten Showdown, in dem auch der Banker-Ex eine irrlichternd irre Rolle spielt, werden alle offenen Fragen geklärt, wie es sich für einen exzellenten Psycho-Krimi gehört.

Und einen solchen hat Martin Suter geschrieben, wieder einmal, gewohnt elegant und stilsicher, ohne literarisch-manieristische Hochstapeleien, schnörkellos, direkt und superspannend.

»Der Teufel von Mailand« ist ein (sorry für das sich platt anbietende Attribut) teuflisch guter Roman. (gw/17.6.2006)

Baumhausbeichte - Novelle