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Grimms märchenhafte Meisterleistung (Der digitale Grimm)

Die verhärteten Fronten im Kampf für und gegen die Rechtschreibreform würden aufweichen, besännen sich die Streithähne auf den wohl größten Schatz der deutschen Sprache, das Hauptwerk der Gebrüder Grimm.
Mit einem kleinen Gag am Anfang liest es sich leichter. Also: Das Hauptwerk sind nicht die »Kinder- und Hausmärchen« von 1812, sondern Jacob und Wilhelm Grimms »Deutsches Wörterbuch«. Wilhelm († 1859) kam bis zum Buchstaben »d«, Jacob († 1863) bis »frucht«, erst 1960 wurde das Mammut-Projekt fertig, im Original fast zwei Zentner schwer. Selbst der dtv-Reprint füllt mehr als einen Meter im Bücherregal – aber ab sofort ist die deutsche Sprach-Welt nur noch eine Scheibe. Korrekt: zwei Scheiben: »Der digitale Grimm« ist da.
Für Freunde des auf Papier gedruckten Wortes macht der digitale Grimm auch im Bücherregal etwas her, denn die beiden CDs stecken in einem Schuber mit Benutzerhandbuch und liebevoll gemachtem Begleitbuch.
Installation und Handhabung sind auch für PC-Scheue kein Problem – was hiermit aus erster Hand garantiert wird.
Die Originalschriftgröße von nur sieben Punkt (sechs Punkt bei Zitaten) hätte beim Scannen zu einer hohen Fehlerquote geführt, daher entschied sich das Team um den Germanisten Kurt Gärtner im »Kompetenzzentrum für elektronische Erschließungs- und Publikationsverfahren in den Geisteswissenschaften an der Universität Trier« für die Methode der doppelten Eingabe: Sämtliche 300 Millionen Zeichen wurden per Tastatur doppelt eingegeben, der automatische Abgleich sollte die Fehler erkennen.
Die Eingabe erfolgte in China, weil deutschsprachigen Datentypisten unwillkürlich unbewusste assoziative Verschreiber unterlaufen, die nur mühsam hätten herauskorrigiert werden können. Die Neu-Erfassung hat auch den Vorteil, dass der digitale Grimm auf dem Bildschirm deutlich angenehmer zu lesen ist als sein kleingedrucktes Original.
Als Jacob Grimm über »das pedantische in der deutschen sprache« schrieb, muss er schon die heutige Rechtschreibhaberei erahnt haben: »In der sprache aber heiszt pedantisch, sich wie ein schulmeister auf die gelehrte, wie ein schulknabe auf die gelernte regel alles einbilden.« Dem Pedanten sei wegen seiner Regelsucht die Entwicklung der Sprache fremd. Bruder Wilhelm wollte daher auch kein »Gesetzbuch« der deutschen Sprache schreiben, sondern eine Naturgeschichte der einzelnen Wörter, so wie Botaniker Pflanzen klassifizieren, klassifizierten die Gebrüder Grimm Wörter als organische, sich im Lauf der Geschichte ändernde Formen. Sie fühlten sich durch Regeln nie gebunden an etwas, wovon abzuweichen sie gute Gründe sahen – wäre das nicht auch die ideale Kompromissformel für die aktuelle Debatte?
Im digitalen Grimm kann man sich festlesen wie in einem spannenden Roman. Wie reich doch die deutsche Sprache ist! Und wie sehr sie verarmt! Zu Unrecht vergessen sind wunderschöne Wörter wie »abängsten«, durch Angst ermatten, im Grimm mit einem Gryphius-Zitat belegt: »in Jesus namen ruft mein abgeängster geist aus dieser todtengruft.«
Todtengruft – das »dt« wurde erst in der Rechtschreibreform von 1901 abgeschafft, wie auch das »th« in Thal, Urtheil – oder in »betheren«, in dem kaum jemand das heutige »beteeren« vermuten dürfte.
Abgeschafft bzw. zu Unrecht vergessen ist auch der »Machmann«, obwohl er die Mehrzahl unserer heutigen männlichen (Fernseh-)Prominenz treffend charakterisiert: »einer, der einen mann macht, nur vorstellt, ohne es zu sein, scheinfigur.« Aber sind wir nicht alle nur abängstende Machmänner? (gw/23.10.2004)
Jacob und Wilhelm Grimm: Deutsches Wörterbuch – Der digitale Grimm

2 CD-ROMs mit Begleitbuch

Zweitausendeins – 49,90 Euro

Jacob und Wilhelm Grimm

Baumhausbeichte - Novelle