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Gesammelte Untertreibungen (Best of Beltz)

Der Kabarettist Matthias Beltz starb am 27. März 2002 im Alter von 57 Jahren. Völlig überraschend. Herztod in seiner Wohnung in Sachsenhausen. Dass am selben Tag ein ganz Großer Hollywoods starb, hätte Beltz – wenn schon sterben, dann mit Billy Wilder! – durchaus als Ironie des Schicksals beschmunzeln können.
Fast 13 Jahre lang wirkte Matthias Beltz an unserem Sportteil mit. Seine »Jahresendzeitkolumnen« zusammen mit dem Schriftsteller Matthias Altenburg waren beliebte Tradition. Beltz hatte sich sehr auf unsere nächste geplante Zusammenarbeit gefreut: einen vierwöchigen Fußball-WM-2002-Dialog mit Hessens Ministerpräsident Roland Koch. Wir wussten: Das wird ein Hit!
Dass Matthias Beltz kurz vorher starb, haben wir ihm sehr übel genommen.
Nein, liebe sammelnden Kollegen von Hohlspiegel & Co., lasst diese Stilblüte bitte ungepflückt. Sie ist nur der untaugliche Versuch, den Sarkasmus des begnadeten Kabarettisten nachzuahmen. Beltz ist nicht imitierbar. Auch die gedrechselten Worte mancher Weggefährten und Bewunderer, mit denen er scheinbar kongenial gewürdigt wurde und wird, wirken oft papierstilblütenhaft, einen Tick daneben, um so mehr, je heftiger der Laudator bemüht ist, sich in Beltzsche Höhen aufzuschwingen. »Scharfzüngiger Spaßmacher der Linken«, »satirischer Fachmann fürs Politische en detail und Menschliche en gros«, »der freieste und bestsortierte Kopf der Kabarettszene« – alles schön und gut. Aber Beltz ist besser, viel besser.
Viel besser als sämtliches Reden und Schreiben über ihn ist auch das, was Volker Kühn aus dem Nachlass von Beltz, aus Büchern, Programmen und unveröffentlichten Notizen zu einem »Best of Beltz« zusammengestellt hat. Wunderbar.
Wunderbar auch die wehmütig – ein eher unbeltzisches Gefühl – stimmende MP3-CD-Zugabe mit dreieinhalbstündigen Live-Mitschnitten großer Beltz-Programme. (»Notschlachten« und »Eigenes Konto«)
Dem Herausgeber und Zweitausendeins gebührt Dank für die »Gesammelten Untertreibungen«. (gw/23.10.2004)

Nachschlag
Schlüsselerlebnisse

In Gesprächen mit dieser Zeitung, oft im Rahmen der »Anstoß«-Kolumnen im Sportteil, erprobte und variierte Matthias Beltz zum Teil auch Texte seiner Programme. Einiges blieb uns aber exklusiv – wie die meisten der Auszüge in unserem Nachschlag zu »Gut« und »Böse«.

»Ich habe den Kriegsdienst verweigert, und ich hatte auch Angst vor dem Atomkrieg, aber das Hauptmotiv war wahrscheinlich die Angst vor dem Kasernenhofton, vor dieser etwas brutalisierenden Männergemeinschaft.«

»Ich habe mich auch nicht besser gefühlt als andere, sondern eher… blöder. Der ganze Zorn kam auch daher, dass es mit den Mädels nicht so richtig geklappt hat. Aber es gab nicht das Gefühl, die anderen sind alles Schweine und ich bin der Bessere, oder wir Linken sind die Besseren, sondern: Die anderen schaffen es besser mit ihrem Leben umzugehen, und ich bin zu doof dazu.«

»Das erste Schlüsselerlebnis war, dass ich unsportlich war und deswegen bestimmte Probleme hatte, mit der Gesellschaft klarzukommen. Das andere, die Erkenntnis, dass das mit dem Linkssein nicht mehr so richtig hinhaut, das ergab sich durch die Beobachtungen, die man selber gemacht hat: Wie man Sitzungen manipuliert, wie man dummes Zeug schwätzt, wie man Hass sät, wie man bescheuert-emotionale Politik macht, das hat mir nicht mehr gefallen, da bin ich aus dem politischen Interventionsbereich ausgezogen und hab’ gesagt, ich muss noch was anderes erledigen.«

»Dieser Traum, dass alle alles freiwillig machen – das weiß man als Jurist eher, dass das nicht funktioniert, weil es dann automatisch wieder neue Regeln gibt, die teilweise autoritärer sind, als wenn sie im Gesetz festgelegt und kontrolliert werden. Aber trotzdem gibt es diesen diffusen Traum. (…) Die andere Geschichte ist, dass wir gemerkt haben: Wenn wir aus den Spontikreisen die Macht hätten, dann wird’s mit Sicherheit nicht besser werden, denn die eigene Qualifikation, das haben wir an der Organisation des Privatlebens gemerkt, ist ja nicht gerade bedeutend gewesen.«

»Ich weiß auch von meiner Herkunft her, als deutscher Protestant, dass ich antisemitisches Erbe in mir trage. Das ist alles nicht schlimm, denn ich mähe ja keine Leute um. Schlimm wird es nur, wenn man so tut, als wär’ es nicht so, und von daher gebe ich Ihnen Recht: Der Philosemitismus oder die Verherrlichung von Ausländern ist vollkommen bescheuert. Ausländer haben genauso das Recht, Arschlöcher zu sein, wie wir Deutsche, und sie sind’s ja auch oft genug.«
(aus: »Mit Matthias Beltz im Gespräch«, 2001 / komplette Fassung im Internet-Anstoß www.anstoss-gw.de)

Wen verabscheuen Sie? – »Schmatzende Mitreisende« / Wann haben Sie zum letzten Mal gebetet? – »Keine Auskunft über Sex« / Stichwort Weltverbesserer. – »Prima Kerl, aber: Vorsicht!« / Ihr Traumberuf? – »Jung verstorbener Pop-Star« / Drei Wünsche an die gute Fee?– »Gesundheit, Revolution, schöner Tod«
(aus: »gw«-Fragebogen von 1991) (gw)

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