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Geliebter, unverstandener Freund (Wenn Schriftsteller auf den Hund kommen)

Wenn Schriftsteller auf den Hund kommen, geht’s der Literatur meist gut und dem Hund oft schlecht. Groß ist die Auswahl, von Jack Londons »Wolfsblut« über Marie von Ebner-Eschenbachs »Krambambuli« bis zu Helmut Kraussers »Die wilden Hunde von Pompeii« (»Die Bücherseite« vom 15. 1.). Wir greifen in die Fülle hinein und drei Bücher heraus, deren literarische Qualität ihr Hunde-Verständnis deutlich übertrifft.

Sogar bei Thomas Mann, dem ausgewiesenen Hunde-Liebhaber. In »Herr und Hund«, der 1919 erschienenen Erzählung, »zeichnet er mit unnachahmlicher Ironie das anrührende Porträt einer Hundeseele« (Klappentext), »doch bei aller Vertrautheit und Sympathie – stets bleibt dem Erzähler bewusst, wie fremd der Hund am Ende bleibt«. Was aber auch daran liegt, dass vor fast 100 Jahren die Kenntnisse, wie der Hund »tickt«, noch in den kynologischen Kinderschuhen steckten.

Was ist aus Manns Hund Bauschan geworden? Das und mehr erfahren wir in der Anekdotensammlung »Er konnte ja sehr drollig sein«: »Nach seinem Ableben ruhte Bauschan in einem würdigen Grab. Es trug zum Gedenken Zeilen von August von Platen, die der Herr seinem Hund ausgewählt hatte: ›Zwar hat auch ihm das Glück sich hold erwiesen / Denn schöner stirbt ein Solcher, den im Leben / ein unvergänglicher Gesang gepriesen.‹«

Auch andere Mann-Hunde wurden literarisch verewigt. Zum Beispiel Motz: »Der feinnervige Collie veränderte sich im Roman Königliche Hoheit in den ›schönen, aber entsetzlich aufgeregten Perceval‹.« (Hoffmann). Später legte sich die Hundefamilie Mann diverse Pudel zu. Aber egal ob Motz, Bauschan oder die Pudel Nico 1 und Nico 2, manchmal wird Thomas Manns Liebe zum Hund auf eine Weise auf die Probe gestellt, die jeder Hundebesitzer bzw. von Hunden Besessener kennt. Tagebucheintrag vom 6. Januar 1940: »Zerwürfnis mit dem Pudel wegen seiner Unfolgsamkeit nach Auffindung abstoßender Dinge.«

Sándor Márai (»Ein Hund mit Charakter«) spielt sich erst gar nicht als Hundeexperte auf: »Wir müssen den werten Leser allerdings um Nachsicht bitten (…) Denn wir beabsichtigen im Rahmen dieser Arbeit weder ›das Verhältnis Tier-Mensch‹ noch andere existenzielle Probleme zu klären, verzichten auch auf das Recht, Urteile zu fällen und Schlussfolgerungen zu ziehen.« Márais »Charakterhund« von 1931 erschien 2004 neu bei Piper als preiswerter Taschenbuch-Dopppelroman zusammen mit »Das Vermächtnis der Eszter«. Wer Márai noch nicht kennt, wird seine Lese-Freude haben, ihn für sich zu entdecken.

Hartmut von Hentigs Hund »Joschi« ist dagegen ein ganz armes Schweinchen. Leider kein erfundenes, denn der Autor erzählt ein Stück aus seinem und des Hundes Leben. Joschi kommt als Welpe zur Nachbarin, kann tun und lassen, was er will. Ist ja auch sooo süß! Aber er wird größer, und da nicht mal ansatzweise erzogen, wächst er allen über den Kopf, kommt in den Zwinger. Nur wenn der Nachbar nach Hause kommt – alle sechs Wochen für eine Woche –, kehrt Freude ein, denn von Hentig geht mit ihm spazieren. Aber wie! »Ein Kunststück, allein den in wahnsinniger Aufregung befindlichen Hund im Zwinger an die Leine zu kriegen. Ist dies endlich gelungen, schießt er auf dem Burgweg davon. Ich laufe hinterher, hoffe, dass der steile Burgberg den rasenden Lauf verlangsamt. Unermüdlich zerrt mich Joschi voran.« Immer im Wechsel: Sechs Wochen im Zwinger, dann eine Woche wildestes Spazierenzerren mit dem Nachbarn, der nicht merkt, was angerichtet wird, sondern gerührt bekennt, dass Joschi »zu einer Furie der Freude« wird, wenn er ihn aus dem Zwinger lässt. »Habe ich dann an meiner ›Rakete‹ angekoppelt, zischt sie – mit mir in Rückwärtslage – davon. Ich muss, sobald ich Menschen kommen sehe oder kommen höre, die Leine um einen Baum schlingen, um nicht von Joschi umgerissen zu werden.«

Es kommt, wie es kommen muss: Joschi beißt fremde Menschen. Die Vorfälle häufen sich, die Behörde muss einschreiten, der Hund wird geprüft, als gefährlich eingestuft, und es gibt Auflagen, die von Hentig als überbürokratisch kritisiert, zum Beispiel die Verpflichtung, dass Besitzerin und Hund sich einer Schulung unterziehen müssen. Dazu hat die Nachbarin weder Zeit noch Lust, von Hentig sowieso nicht, daher lassen sie Joschi . . . einschläfern!

Und wer ist schuld? »Das war sein Leben. Nun ist es ausgelöscht durch eine amtliche Maßnahme.« – Amtliche Maßnahme? Menschliches Versagen!

Der Evolutionsforscher Manfred Eigen antwortete auf die Frage, welchen Wunsch er an eine gute Fee hätte: »Ich möchte einmal eine Stunde lang in meinem Hund sein.«

Wünschen wir Hartmut von Hentig, dass ihm solch ein Wunsch nicht erfüllt wird. Eine Stunde lang Joschi sein – das wäre doch eine gar zu menschenquälerische Strafe.

Da ist mit Hartmut von Hentig der Hund als Gaul durchgegangen. Von dem angesehenen Autor und Pädagogik-Professor liegen empfehlenswertere Bücher vor (aktuelles Beispiel siehe Literaturliste) – über Hunde sollte er andere schreiben lassen. (gw/7.5.2005)

Baumhausbeichte - Novelle