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Frage-/Lesebogen (Veit Heinichen, Schriftsteller)

Liebster erster Satz: »O tell me all about Anna Livia!« – Damit beginnt der Finnegans Wake von James Joyce. Und eine Freundin schrieb mir soeben: »Dein neues Buch ist angekommen! Es wird, glaube ich, das erste Buch, das ich lese, dessen erstes Wort ›Ende‹ ist.«

Mein 1. Buch: »Das kleine Blau und das kleine Gelb« von Leo Lionni.

Zur Zeit lese ich: »Die Reise nach Tell al-Lahm« des irakisch-deutschen Autors Najem Wali, erschienen im Hanser Verlag, das einen brillanten Einblick in die zerrissene irakische Gesellschaft bietet.

Als nächstes Buch lese ich: Per Olov Enkuist: »Marie und Blanche« – wurde mir dringend von einer alten Freundin empfohlen, auf deren Urteil ich mich blind verlassen kann.

Wann lesen Sie? Man fragt doch einen Alkoholiker auch nicht danach, wann er am liebsten trinkt! Also immer wenn die Zeit dafür zu finden ist.

Was lesen Sie? Privat wozu ich Lust habe – Zeitgenössische Literatur meist in Italienisch, Klassiker vorwiegend auf Deutsch, Sachbücher in verschiedenen Sprachen.

Wo lesen Sie? Ich hab da so „nen feinen Sessel . . . Am liebsten aber an einem schwerzugänglichen und somit einsamen Strand vor der Steilküste Triests, wo ich mich nur durch Möwengeschrei oder die Turbinen des auslaufenden Fischkutters eines Freundes ablenken lasse, dessen Ankerplatz in der Nähe liegt.

Lieblingsbuch: Keines alleine, aber viele zusammen: Das gesamte Werk des Polen Witold Gombrowicz und »Der Bär auf dem Försterball« von Peter Hacks. »Das große Besäufnis« von André Daumal und »Die Phantome des Hutmachers« von Georges Simenon, »Zeno Cosini« von Italo Svevo und »Ein Haus in Istrien« von Richard Swartz, »Nachtgewächs« von Djuna Barnes und »Das Narrenschiff« von Katherine Anne Porter, sowie »Das wirkliche Blau« von Georges Bataille.

Lieblingsautor: Witold Gombrowicz, Stendhal, Djuna Barnes, Georges Simenon, Philippe Soupault.

Ärgerlichstes Buch: Das ist doch das schöne an der Literatur: Warum sollte ich mich über eines aufregen, das ich auch weglegen kann? Es gibt Alternativen in Hülle und Fülle.

Liebster Roman-Held: Don Quijote de la Mancha.

Liebste Roman-Heldin: Catherine aus »Jules et Jim« von Henri-Pierre Roche.

»Bösester« Roman-Schurke: Käptn Ahab aus dem »Moby Dick« – sehr zur Wiederlektüre empfohlen übrigens die Neuübersetzung des Klassikers von Matthias Jendis im Hanser Verlag.

Liebste Comic-Figur: »Fritz the Cat« von Robert Crumb.

Dieses Buch hat mich bewegt: »Zusammen ist man weniger allein« von Anna Gavalda. Zitat: »Was die Leute davon abhält zusammenzuleben, ist ihre Dummheit, nicht ihre Verschiedenheit.«

. . . verändert: Ach herrjeeeh! Natürlich mein eigenes.

. . . zu Tränen gerührt: James McBride: »Die Farbe von Wasser«.

. . . zum Lachen gebracht: E. E. Cummings: »Der ungeheure Raum« und natürlich »Die Buddenbrooks«.

. . . klüger gemacht: Alle.

. . . geärgert: Siehe oben! Es gibt wichtigeres im Leben, als sich an Ärgernissen aufzuhalten.

. . . toleranter gemacht: Edgar Lee Masters: »Die Toten von Spoon River« (auch in der musikalischen Umsetzung durch den italienischen Liedermacher Fabrizio De Andre).

Überschätzter Autor / Unterschätzter Autor: Keiner vermag den anderen auszugleichen. Deshalb keine Namen.

Gute Krimis sind . . . gute Literatur und ein blendender Spiegel der Gesellschaft, wie z. B. »Verbrechen und Strafe« von Dostojewski oder »Rot und Schwarz« von Stendhal oder auch der soeben auf Deutsch erschienene »Nebelfluß« von Valerio Varesi im Kindler Verlag.

Schlechte Romane sind . . . Bücher, die ich nicht lesen muß.

Bestseller-Listen sind . . . ein minimaler Ausschnitt aus einer immensen Publikationswelt und wenig repräsentativ für den ganzen Buchmarkt. Wer einmal im Verlag gearbeitet hat, nimmt sie lediglich als Indikator dafür, welche der ehemaligen Kollegen derzeit wirtschaftlich besser dastehen als die anderen.

Wie viele Bücher haben Sie gelesen? Das habe ich mich noch nie gefragt.

. . . lesen Sie im Monat im Schnitt? Höchst unterschiedlich. In Phasen eigener Schreibtätigkeit wenig, außer dem was der Arbeit zugute kommt, also zur Recherche. Nachgeholt wird nach Abgabe des Manuskripts.

. . . stehen in Ihrem Bücherschrank? Habe weder Zeit noch Lust, sie zu zählen. Da lese ich lieber, oder gehe aus.

Wieviel Geld geben Sie im Monat für Bücher aus? Es kommt schon was zusammen übers Jahr. Das italienische Steuersystem hat viel Verständnis für Autoren und bietet als Alternative zum Einzelnachweis eine 25-prozentige Aufwandspauschale des Jahreseinkommens an. Dafür muß man keine Belege sammeln. Ich weiß es also nicht.

Wenn mein Bücherschrank überfüllt ist: Jeder hat eine mit ständig schrumpfenden Budgets kämpfende Bibliothek in der Nachbarschaft. Ich empfehle also den Griff zur Rotweinflasche, um sich Mut anzutrinken und das Regal durchzugehen, nach dem Motto »Welches Buch werde ich kein zweites Mal lesen, obwohl es mir gefallen hat?« und »Welche der ungelesenen Bücher werde ich nie lesen, obwohl ich es einmal vorhatte?«. Bei mir freut sich darüber stets die Bibliothek des »College of the United World of the Adriatics«, der die Überbestände zugute kommen, sofern die Bücher in gutem Zustand sind.

Leihen Sie Bücher aus? Aus Arbeitsgründen vergriffene oder sonst unauffindbare Werke in der »Biblioteca Civica« von Triest.

Verleihen Sie Bücher? Ja, und dann geht’s mir wie allen anderen. Jenen, die mir Bücher leihen, geht’s leider auch nicht besser.

Eselsohren sind . . . ein Knick im Papier und ein verräterisches Zeichen. Wer hat sie wohl aus welchem Grund angebracht?

Menschen, die keine Bücher lesen, sind . . . gleich sympathisch und unsympathisch wie die anderen.

Liebster Schluss-Satz: »Und ich kann nur sagen: ›Ich bin dir auf meine Weise treu gewesen‹« aus »Bekenntnisse eines irischen Rebellen« von Brendan Behan. (gw/12.3.2005)

Baumhausbeichte - Novelle